Du sitzt auf dem Klo und guckst Videokunst

KUNST IM KUHSTALL Das Haus 19 liegt mitten in Mitte und trotzdem versteckt. Zurzeit zeigt es die Ausstellung „Agter die Berge“

VON EKKEHARD KNÖRER

Die Veterinärmedizin der HU tat hier einst, was Veterinärmediziner mit Kühen so tun

Kein Schild zu sehen, kein Eingang zu finden. Man kann ja mal im Bunker von Christian Boros fragen. Eine der drei Zugangsadressen zu Haus 19 auf der Website war immerhin Reinhardtstraße 18–20, hier, der Bunker, ist Hausnummer 20. Samstagnachmittag, die Tür zum Bunker ist auf, kein Name steht dran, sehr junge und sehr gut gekleidete Menschen sehen mich am Empfang sehr freundlich an. Haus 19 kennen sie nicht, haben sie nichts mit zu tun. Wir sind auch ein Kunstraum, sagen sie. Kann man wohl sagen, sogar ein sehr berühmter und spektakulärer, innen im freigefrästen Bunker Kunst, auf dem Dach überm nackten bösen Gestein wohnt Boros in seinem Bungalow mit Innenstadtgarten und blickt in den kalten Himmel hinein. Wir aber haben hier unten am Empfang Rechner und Netz, die freundlichen jungen Menschen sehen nach und meinen dann, ich müsse vielleicht hinterm Bunker irgendwie lang.

Da liegen sie, stellt sich bald heraus, richtig. Rechts am Bunker vorbei, linker Hand ein gepflasterter Kanal ohne Wasser, vorne, am noch von der Humboldt-Uni genutzten großen Gebäude vorbei links um die Ecke, dann ist da, neben einer Hütte und zwei großen Zisternen, Haus 19. Die Anmutung ist die eines landwirtschaftlichen Nutzbaus, vorne führt eine Treppe in irgendein Oben. Durch die hintere Tür unten gehe ich hinein und stehe im ehemaligen Kuhstall. Denn das genau ist das. Die Veterinärmedizin der HU tat hier einst, was Veterinärmediziner mit Kühen so tun. Mich glotzen aber keine Kühe, sondern Fernseher an. Sie stehen in der Mitte zwischen Betontrögen- und tränken, in Zweierreihen brav nebeneinander, elektronisches Fleckvieh, ein buntes Bildergewirr und auch ein Lärm aus kreuz und quer gehenden Tönen.

„Agter die Berge“ heißt die Ausstellung, das ist Afrikaans für „Hinter den Bergen“. Jedenfalls sind wir hier auf sehr verwunschenem Gelände, Campus Nord der HU, eine Art Park, unvermittelt steht in Gebrauch Befindliches neben dem Verfall Überlassenem. Kommt man sonst niemals hin, schon der Ort selbst lohnt den Besuch. Der Untertitel „The Joburg Fringe Video Berlin“ verweist auf die etwas komplizierte Entstehungsgeschichte. Zum Joburg Fringe Festival 2010, am Rande der offiziellen und vergleichsweise großen Joburg Art Fair, hatte die zwischen Berlin und Johannesburg pendelnde Künstlerin und Fringe-Gründerin Claudia Shneider Kolleginnen und Kollegen der Videokunst aus Südafrika und anderen Ländern zur gemeinsamen Ausstellung geladen.

In Berlin läuft nun eine etwas umgemodelte Version: 20 Fernsehgeräte (billige Röhrenmodelle, keine Flatscreens), verteilt auf alle Räume des ehemaligen Stalls, auf Küche, Flur, Rumpelkammer, sogar auf die Toilette: Du sitzt auf dem Klo und guckst Videokunst. „Agter die Berge“, der titelgebende Film des jungen Kyle Southgate, ist ein kurzer spielfilmartiger Western. Ein junger Mann verbockt seinen ersten Gangmord und flieht ins Umland von Kapstadt. Ein anderes Video tut nicht wie Film, sondern wie Kunst: Eine nackte Frau mit ein, zwei, drei Kopftüchern tanzt in einem geschlossenen Raum. Die Filme sind auf den Fernsehern in Reihe geschaltet, in einer Animation probt die Inneneinrichtung einer Wohnung den Auszug. Direkt daneben geht es dokumentarisch um Brutalitäten im Bürgerkrieg von Sierra Leone. Samstagabends werden Langfassungen mancher Filme auf die geweißte Wand gegenüber vom Ex-Kuhstall projiziert.

Die Ausstellung ist als internationale konzipiert und von Johannesburg schon nach Leipzig und jetzt nach Berlin migriert. Gewiss, man sieht Bilder aus Südafrika, Videos von südafrikanischen Künstlern, aber auch die Serbin Mina Novcic, der Brite Chris Newman, die Deutsche Pia Maria Martin (und viele andere) sind mit dabei. Die Videos sind teils interessant, teils sind sie es nicht. Insgesamt wollen sie nicht recht heraus mit der Sprache. Als einziger Besucher in dieser Stunde gehe ich im Kuhstall-Kunstraum herum. Vorne im Boros-Bunker ist alles Große-K-Kunst, hier in Haus 19 hinter den Bergen flimmern und tönen Videos vor sich hin und nichts taugt zur Repräsentation. Gerade das ist alles in allem das Schöne daran.

■ „Agter die Berge“. Bis 11. Juni, Haus 19, Reinhardtstraße 18–20, Mi.–Sa. 14–18 Uhr