Verschwörung aufgedeckt

Geheimdienst erfand Bombenattentat

Die jugoslawische Stewardess Vesna Vulovic stürzte 1972 aus zehn Kilometern Höhe ab und überlebte – Weltrekord! Doch die Geschichte hat einen Haken: Angeblich gab es gar kein Attentat.

Abschuss statt Attentat: Vesna Vulovic stürzte mit einer Maschine des Typs DC-9 ab.  Bild: ap

Es war der 26. Januar 1972, als Vesna Vulovic mit einer DC 9 der jugoslawischen Fluglinie JAT über der Tschechoslowakei abstürzte. Die Stewardess fiel zehn Kilometer tief und überlebte. 27 Menschen fielen dem vermeintlichen Bombenattentat kroatischer Terroristen zum Opfer. Ihr Schicksal ist Legende, eine große Geschichte.

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Vesna Vulovics Fall steht sogar im Guinnessbuch der Rekorde. Sie gilt als der einzige Mensch, der einen Sturz aus dieser Höhe ohne Fallschirm überlebte und ist deshalb bis heute ein Star der Medien. Noch im Mai 2008 berichteten die Bildzeitung und die Süddeutsche über das vermeintliche Wunder. Das Problem: Die Geschichte ist eine fast perfekte Räuberpistole, verbreitet vom serbischen und tschechoslowakischen Geheimdienst. Herausgefunden haben das Peter Hornung, ARD-Hörfunkkorrespondent in Prag, und der Luftfahrtjournalist Tim van Beveren.

Eineinhalb Jahre haben sie Zeugen interviewt, Akten studiert und erkannt, dass „in diesen Akten etwas festgehalten wurde, was nicht passiert ist“. Vulovic sei keineswegs aus zehn Kilometern Höhe gefallen. Ein Bombenattentat habe es ebenfalls nicht gegeben. Das Flugzeug sei wahrscheinlich von der tschechischen Luftwaffe abgeschossen worden. Dafür gibt es nur Indizien, keine Beweise, erklärt Hornung: „Das ist ein richtiger Krimi. Entscheidende Dokumente wurden vernichtet.“ Die Wundergeschichte sei verbreitet worden, um den Abschuss zu vertuschen. Zweifel an ihrer Richtigkeit habe es nie gegeben: „Die Geschichte war so gut und so schön, dass keiner mehr Fragen gestellt hat.“

36 Jahre später rekonstruiert Hornung die Ereignisse: „Die Maschine war in einer Notlage. Sie kam vom Kurs ab, ging in den Sinkflug und flog über militärisch sensibles Gebiet“ – ein Atomwaffenlager lag gerade einmal zwei Flugminuten entfernt. Wohlmöglich sahen die Verantwortlichen aber auch Erich Honecker und möglicherweise Leonid Breschnew in Gefahr, die sich ebenfalls in der Luft und Nähe befanden. „Es gibt einen Zeugen, der zwei Flugzeuge gehört hat. Eins Richtung Deutschland und die Passagiermaschine Richtung tschechoslowakisches Inland“, berichtet Hornung. Der habe womöglich den „irrtümlichen Abschuss“ mitbekommen.

An diesem Tag lag die untere Wolkendeckengrenze nach Hornungs Recherchen bei 600 bis 800 Metern. Da das Flugzeug unterhalb der Wolken geflogen sei, könne Vulovic nicht zehn Kilometer, sondern nur „wenige hundert Meter“ tief gefallen sein.

Es ist wahrscheinlich Glück, dass sie keine Erinnerung an den Absturz hat: „Vesna Vulovic hat einen Gedächtnisverlust und kann sich nur an den Einstieg in Kopenhagen erinnern“, klärt Hornung auf. Dennoch sei sie von den Geheimdiensten überwacht worden: „Sie berichtet, wie eine Gefangene behandelt worden zu sein. Man hatte Angst, dass sie etwas Falsches sagt.“

Die Angst vor der Enthüllung existiert auch heute noch, glaubt Hornung: „Die tschechische Zivilluftfahrtbehörde hat uns die Akten nur nach und nach überlassen.“ In der Führungsebene des Amts sitze ein ehemaliger Mitarbeiter der Abteilung der Staatssicherheit, die sich 1972 die ganze Geschichte ausgedacht habe. „Ein Schelm, der Böses dabei denkt“, fabuliert er bewusst zurückhaltend. Auch in Serbien sei das Ganze hochpolitisch, da bliebe mancher Zeuge stumm: „Der Gegensatz zwischen Serben und Kroaten ist noch aktuell. Eine Geschichte wie diese, wo böse Kroaten gute Serben getötet haben, ist noch heute brisant.“ Im Internet versuchen Verschwörungstheoretiker bereits, Hornungs Geschichte zu zerlegen.

Nicht weniger brisant ist die Frage, ob die serbische Volksheldin ihren Rekord behalten darf. Auf Anfrage der taz erklärte die Redaktion des Guinness World Record Buches: „Wie es scheint, ist Guinness World Records seinerzeit dem gleichen Schwindel aufgesessen wie alle anderen Medien.“ Es habe keinen Anlass gegeben, den Quellen nicht zu trauen. „Generell liegt der Reiz des Falls Vulovic nicht nur in der reinen Rekordleistung, sondern zu gleichen Teilen in der dazu gehörenden menschlichen Komponente.“ Vesna Vulovic darf ihren Rekord demnach wohl behalten. Sie bleibt eine Volksheldin, ihr Schicksal ein Wunder.

Trotz der Enthüllungen Hornungs bleibt der Kriminalfall Vulovic nicht gänzlich aufgeklärt. Insbesondere die auf Indizien basierende „begründete Spekulation“ des Abschusses wird noch zu beweisen sein – allerdings nicht von Peter Hornung. Der lässt die Geschichte ab jetzt ruhen: „Irgendwann muss man auch sagen: Ok, das habt ihr gut vertuscht.“

Peter Hornungs Feature „Der Tag an dem Vesna Vulovic vom Himmel fiel“ ist am Samstag, den 10. Januar 2009, um 9.05 Uhr im SR 2 KulturRadio zu hören.

 

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