Wer, wenn nicht wir

BOLIVIEN Die junge Millionenstadt El Alto ist arm – auch an Medien. Wo die Verlage scheitern, berichten Idealisten

Oswaldo Choque findet seine Themen auf der Straße. Er läuft sie entlang, bahnt sich seinen Weg durch die Menschentrauben und weicht all den Minibussen aus. Über seiner linken Schulter hängt ein Taschenradio, es läuft das eigene Programm; wenn er an der Reihe ist, lauscht er kurz, dann legt er los. Der Reporter hält das Handy direkt vor den Mund, legt den Kopf schief und berichtet. Live und ganz spontan.

Medienlandschaft: Laut Nationalem Medienobservatorium gibt es in Bolivien landesweit 400 Fernsehsender, 1.800 Radiostationen, 23 Tageszeitungen und rund 40 wöchentlich erscheinende Publikationen. Die Regierung unterhält eines von vier nationalen Radionetzen, einen von sieben nationalen Fernsehsendern und gibt die Zeitung Cambio heraus.

Mediengesetzgebung: Das Verhältnis zwischen Präsident Evo Morales und den privaten Medien ist angespannt. Morales beklagt, dass viele Medien im Dienste der Opposition stünden. Manche Medien ihrerseits sehen das neue, weit auslegbare Antirassismusgesetz als Einschüchterungsmaßnahme. In der Diskussion ist außerdem schon seit längerer Zeit ein neues Mediengesetz. Ob dieses Gesetz im Falle einer Verabschiedung die Pressefreiheit im Land gefährden würde, ist unter bolivianischen Journalisten umstritten.

Blogs aus El Alto: Unter elaltobolivia.blogspot.com werden Nachrichten aus El Alto gebündelt. Alberto Medrano bloggt u. a. hier: elaltonoticias.blogspot.com

Heute geht es um die Verkaufsstände, die nicht mehr an dieser Straße El Altos aufgestellt werden dürfen. Choque schaut nach, ob sich alle daran halten. Ihm fällt auf, dass die Müllfirma schlampt. Wenn er jemanden trifft, von dem er denkt, dass er etwas Interessantes weiß, dann unterhält er sich mit ihm.

Choque, schwarz-graue Igelfrisur, blaues Sakko über dem karierten Hemd, ist seit mehr als drei Jahrzehnten Journalist, seit seinem 14. Lebensjahr, und arbeitet für das Radio von FEJUVE, dem einflussreichen Verband der Nachbarschaftskomitees. „Die traditionelle Presse recherchiert nur in einem kleinen Teil von El Alto“, bemängelt Choque. Über eine Überschwemmung am Vortag hätten sich die meisten nur im Rathaus informiert.

El Alto thront auf 4.000 Metern Höhe oberhalb von La Paz, Boliviens Regierungssitz, dahinter die schneebedeckten Gipfel der Anden. Gut eine Million Menschen leben in der hektischen Großstadt und täglich werden es mehr. Die Leute vom Land, die hier eine bessere Zukunft suchen, lassen die Stadt so schnell anwachsen, dass die Infrastruktur nicht nachkommt.

Im politischen Epizentrum Boliviens wurde 2003 „Goni“ gestürzt, der damalige neoliberale Präsident Gonzalo Sánchez de Losada. Hier wohnen die größten Anhänger des indigenen Präsidenten Evo Morales und hier demonstrieren die Menschen als erste, wenn sie mit der Regierungspolitik unzufrieden sind. Trotz alledem wird die Stadt von den Medien vernachlässigt.

Es gibt nur eine Tageszeitung – und die erst seit neun Jahren: El Alteño, ein dünnes Blättchen, 16 Seiten im Tabloid-Format. Es erscheint im Verlag der Zeitung La Prensa, der Druck, Vertrieb und das Anzeigengeschäft bündeln kann. Die vierköpfige Redaktion hat ihr Büro in der Nachbarstadt La Paz. Morgens fahren sie für Recherchen hoch in die einstige Satellitenstadt, einmal müssen sie den Minibus wechseln, mindestens eine Stunde sind sie unterwegs. Nachmittags fahren sie zurück nach La Paz, sitzen vor ihren Röhrenmonitoren, schreiben und redigieren die Texte und layouten die Seiten. Redaktionsschluss ist nicht vor 22 Uhr, an sieben Tagen in der Woche.

Redakteur Fernando del Carpio bedauert, dass sie nur recht wenige Leser erreichen. Die verkaufte Auflage liegt bei rund 5.000 Exemplaren am Tag, am Wochenende bis zu 7.000. „Das Problem ist, dass die Stadt sehr weitläufig ist, es aber nur wenige Verkaufsstellen für die Zeitung gibt“, sagt del Carpio. Manche hätten gern ein Abo, weiß er, „aber das wäre für den Verlag alles andere als rentabel.“

Pläne für ein zweites Blatt wurden „aus strategischen Gründen auf Eis gelegt“

Denn El Alteño kostet nur einen Boliviano, rund zehn Cent, dafür kann man die Zeitung nicht bis in die Außenbezirke liefern. Zwischendurch hatten sie den Preis erhöht, das aber bald wieder rückgängig gemacht. El Alto ist arm, viel Geld will keiner für eine Zeitung ausgeben.

Erick Torrico, Direktor des stiftungsfinanzierten Nationalen Medienbeobachtungszentrums, weiß die Bemühungen der El Alteño-Redaktion zu schätzen, auch wenn diese nicht gerade mit tiefergehenden Recherchen auffällt. Denn die junge Migrantenstadt werde in den nationalen Medien stigmatisiert, sagt der Kommunikationswissenschaftler: „El Alto wird meistens als Problemstadt dargestellt, es ist die Rede von Kriminalität und Gewalt.“ Und die lokalen Medien, Radiosender vor allem und zwei Fernsehstationen, brächten vor allem Unterhaltung.

Die Erkenntnis, dass es in El Alto an Qualitätsjournalismus mangelt, ist inzwischen auch bei den Verlagen angekommen. La Razón, die größte Tageszeitung des Landes, hat ihren Sitz im Süden von La Paz. Eine Halle mit Metalldach, in der Mitte die Druckerei, außenherum die Büros. Claudia Benavente, die Direktorin der Zeitung, schwelgt an ihrem Schreibtisch in Visionen über eine neue Tageszeitung für El Alto. „Wir müssen an eine Zeitung denken für eine Stadt, die im Grunde im Nebel liegt“, sagt sie. „Die, die bisher über und aus El Alto berichten, wissen im Grunde nicht, was dort passiert.“ Auf keinen Fall wolle sie irgendein billiges Boulevardblatt mit Polizeimeldungen auf die Straße werfen. „Das ist nicht das, was El Alto will und verdient.“

Große Worte waren das im Februar dieses Jahres. Um Stereotype aufzubrechen, sei es unabdingbar, Journalisten aus El Alto mit der Berichterstattung zu betrauen, betonte Benavente. Zwei Handvoll Kollegen sollten sich mit allen Themen beschäftigen, nicht nur mit Problemen, so planten sie damals noch.

Eigentlich sollte die Erstausgabe der neuen Tageszeitung in diesen Wochen erscheinen. Das Vorhaben wurde jedoch „aus strategischen Gründen auf Eis gelegt“, heißt es im Verlag. Stattdessen stärke man lieber das Boulevardblatt El Extra. Auch eine andere neue Zeitung wird erst mal in der Schublade bleiben. Wieder einmal sind die Verlage an El Alto gescheitert. Was die Berichterstattung angeht, gibt es eine Lücke, aber sie zu füllen lohnt sich offenbar nicht. Das Risiko ist zu hoch.

Es gibt nur eine Tageszeitung – seit neun Jahren: „El Alteño“, ein dünnes Blättchen

Doch es gibt ein paar Menschen, die auf ihre Art weiterhin versuchen werden, ein umfassendes Bild von El Alto zu vermitteln und nicht nur Klischees zu bedienen: Blogger und Bürgerjournalisten. Alberto Medrano, 28, nennt sich „digitaler Reporter“, er twittert, schreibt für mehrere Blogs und auch für die Internetzeitung eabolivia.com. „Uns geht es darum, auch das Schöne der Stadt zu beschreiben, nicht nur das Schlechte“, sagt er. Er will El Alto als lebendige Millionenstadt beschreiben, nicht als unwirtliches Krisengebiet. Die sinkenden Zeitungsauflagen in anderen Ländern treiben Medrano und seine Mitstreiter an, weiterzumachen. Noch ist der Onlinejournalismus in El Alto keine ernst zu nehmende Alternative zu Zeitung und Rundfunk: Internet ist langsam und teuer.

Deshalb glaubt Oswaldo Choque, der Reporter von Radio FEJUVE, auch daran, dass gedrucktes Papier hier noch länger wichtig bleibt. Mit Kollegen plant er, eine neue Zeitung herauszubringen. Die Basisorganisation hat dabei einen Vorteil: Geld verdienen will sie damit nicht.