Nachruf Susanne Wenger

Afrikas weiße Hohepriesterin ist tot

Susanne Wenger, Patin der modernen Kunst in Nigeria, starb mit 94 Jahren. Sie hatte ihr Schaffen ganz der Kultur der Yoruba verschrieben, die sie als Hohepriesterin anerkannten.

Eingang zum Osun Shrine in Oshogbo, Nigeria, der zentralen Kultstätte der Yoruba.  Bild: ap

LAGOS taz Ihre Zeit in Nigeria begann wie ein Märchen. Es war das Jahr 1950, Susanne Wenger war schwer an Tuberkulose erkrankt. Nigeria war britische Kolonie. Kein Arzt vermochte der eingereisten Künstlerin aus Österreich zu helfen. Man gab sie auf. Dann kam ein Babalawo, so heißen die traditionellen Heiler im Südwesten Nigerias, der Region des Yoruba-Volkes. Nachdem sie den Heiler getroffen hatte, erholte sie sich. Von nun an verschrieb sie sich der mystischen Welt der Yoruba, heute mit über 30 Millionen eines der größten Völker Afrikas mit einer jahrtausendealten Kultur.

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Geboren wurde Susanne Wenger 1915 in Graz, und in Wien und Graz studierte sie Kunst. Sie war mit ihrem Mann Ulli Beier über ein akademisches Austauschprogramm nach Nigeria gekommen. Beier wurde später der Leiter des Iwalewa-Hauses in Bayreuth, des wohl bekanntesten Zentrums für moderne afrikanische Kunst und Kultur in Deutschland.

In Nigeria tauchte Susanne Wenger vollständig ein in die Yoruba-Kultur. Sie kehrte nur noch für Besuche nach Europa und in ihr Geburtsland Österreich zurück. "Sie hat hier ihre Berufung gefunden", sagt Nike Okundaye, eine der bekanntesten zeitgenössischen Malerinnen Nigerias und Adoptivtochter von Susanne Wenger. Als Nike mit sechs Jahren zum Waisenkind wurde, brachte sie jemand nach Oshogbo, wo Susanne Wenger - "Mama", wie sie von allen genannt wurde - eine Künstlerkooperative aufbaute.

"Sie schaute einen an und beobachtete genau", sagt Nike im Gespräch in ihrer Galerie in Lagos über ihre Mutter und Lehrerin. Dann habe es lapidar geheißen, man sei gut in diesem oder jenem und man könne es aber auch so oder so machen. Susanne Wenger erweckte eine ganze nigerianische Künstlergeneration in Oshogbo und weit darüber hinaus zum Leben. "Sie hat uns Inspiration für den Rest unseres Lebens gegeben", sagt Nike Okundaye.

Der Gouverneur des Bundesstaates Osun sagt, Susanne Wenger repräsentiere eine Brücke über Kontinente und Kulturen hinweg. Die von ihr gestalteten haushohen Skulpturen im "Osun Grove" wurden 2005 Unesco-Weltkulturerbe. Hier lag auch das Zentrum ihrer Inspiration: ein heiliger Wald. Sie riet ihren über zwei Dutzend Adoptivkindern und Künstlerlehrlingen, sich von den Bäumen inspirieren zu lassen, die zu einem sprächen. Im Laufe der Jahre wurde sie eine Hohepriesterin der Yoruba-Religion, was ihr den Namen "Adunni Olorisa" einbrachte.

Susanne Wenger starb am Montag im Alter von 94 Jahren. Nigeria trauert. Aber sie wollte keine komplizierte Beerdigung und hatte schon lange vorher angeordnet, man möge sie am Todestag gleich bestatten. Susanne Wenger lebte einfach und bläute auch ihren Schützlingen ein, dass Ehrlichkeit und Bescheidenheit die höchsten Tugenden seien. Am Morgen ihres Todestages nahm sie wie gewohnt ihr Bad, aß etwas und verlangte ein Blatt Papier, um etwas aufzuschreiben. Ihre Gedankenwelt wurde die meiste Zeit ihres Lebens von der Yoruba-Kultur beeinflusst - aber die letzten Zeilen schrieb sie auf deutsch.

 

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