Freier Geist und schöne Welt

Huch! Ein konservativer Exzentriker und ein linker Zivilisationsliterat treffen sich im gemeinsamen Kampf gegen die kleinbürgerliche Existenz: Der Literaturwissenschaftler und „Merkur“-Herausgeber Karl Heinz Bohrer erhielt den Heinrich-Mann-Preis der Berliner Akademie der Künste

Jenseits der Reichstagskuppel leuchtete das milde Rosa des Abendhimmels. Vom Plenarsaal der Berliner Akademie der Künste aus schaute man auf die über dem Parlament wehenden Fahnen und hinunter auf den Pariser Platz, über den am Ende eines sonnigen Frühlingstages die Touristen flanierten. Drinnen im Saal verlieh die Akademie der Künste den diesjährigen Heinrich-Mann-Preis an Karl Heinz Bohrer – die vielfältigen Konstellationen von Ort und Oeuvre des Geehrten entbehrten dabei nicht der leisen Ironie.

So hat Bohrer noch jüngst den Reichstag als einzigen „wirklich gelungenen“ Bau der Berliner Architektur bezeichnet; der Pariser Platz hingegen ist für ihn eine „stilistische Halbherzigkeit“. Seit den frühen Achtzigerjahren entzündet sich der polemische Furor des Essayisten Bohrer immer wieder an der „Ausdruckslosigkeit“ des Staates. Diese fand er nicht nur in den Schauerlichkeiten von Fußgängerzonen und Schnellimbisshöllen, sondern vor allem in der „mittelmäßig harmlosen“ Bonner Politarchitektur – deren hervorragendster Vertreter Günter Behnisch auch Baumeister des Berliner Akademie-Gebäudes ist. Durch dessen Glasfront konnte der Geehrte nun auf die französische Botschaft am Pariser Platz blicken: Frankreichs Hauptstadt ist neben London seit langem Lebensmittelpunkt des 75-Jährigen. Die Weltläufigkeit der Metropole dürften Bohrers zahllose Attacken auf jene deutsche Provinz befeuert haben, in der er an der Bielefelder Universität seit 1982 Ästhetik und Literaturgeschichte lehren musste. Die französische Literatur, vor allem die Dichtung Charles Baudelaires, half ihm, in zahllosen Büchern den schönen Schrecken der Moderne zu interpretieren und das Böse in der Kunst zu beschwören.

Dennoch wäre man bislang bei diesem konservativen Exzentriker kaum auf den linken „Zivilisationsliteraten“ Heinrich Mann gekommen. Einst Literaturchef der FAZ, bis ihn dort 1973 der weniger akademische Marcel Reich-Ranicki ablöste, ist Bohrer seit 1983 Herausgeber des Merkur, auf dessen Seiten er als intellektueller Provokateur gerne schwächliche Friedfertigkeit und falschen Moralismus bekämpft, dabei überall geistigen Defätismus witternd. Seine Tabubrüche machten ihn in den Augen überschwänglicher Beobachter zuletzt gar zum Ahnherren des Tempo-Journalismus.

Dieser „ungemütliche Intellektuelle“ fordere heraus, so begründete die Jury, der der Schriftsteller Lars Gustafsson sowie die Literaturwissenschaftler Gert Mattenklott und Peter von Matt angehörten, ihre Wahl. War sie tatsächlich eine Provokation, wie Laudator Gustav Seibt meinte, als er an die linksliberale Tradition der Akademie von Günter Grass, Peter Härtling, Walter Jens bis zu Klaus Staeck erinnerte? Hinter Bohrers Forciertheit verberge sich ein „nie alternder großer Junge“, der mit seiner polemischen Kunst die Bundesrepublik von der erstickenden Tyrannei der Intimität befreit habe, die in den Siebzigerjahren herrschte. Das ästhetische Subjekt bekomme bei Bohrer seine Freiheit zurück, gegen alle politischen Zumutungen des Zeitgeists. Baudelaire, Heinrich Mann und Bohrer einten die Fähigkeit zur Karikatur, Lust an der Physiognomie und grellen Effekten.

Diese fehlten in Bohrers erstaunlich unexplosiver Dankesrede. Geradezu sanftmütig inszenierte er Heinrich Mann als einen Bruder im ungebundenen Geiste, der früh schon in seinen Romanen und Essays den französischen Geist gegen die wilhelminische Spießigkeit mobilisiert hatte. Mann trieb die Sehnsucht nach der Deutschland tragischerweise fehlenden Epoche der Renaissance um, was Bohrer an dessen beiden späten Exilromanen um den französischen König Heinrich IV. ausführte. Bigotter Moralismus, mangelnder Stil und Hang zu abstrakten Ideen seien die bis heute wirkenden geistesgeschichtlichen Folgen dieser Leerstelle.

Die Glasfassade der Akademie splitterte nicht; der „theoretische Schreckensmann“ Bohrer vergriff sich nicht am „vornehmen Heiligen“ (Volker Braun) der Berliner Akademie. Im Gegenteil: In der Unbekümmertheit des „freien Geistes“ Heinrich Mann entdeckte der Preisträger einen Mitkämpfer gegen die kleinbürgerliche Existenz. Vielleicht war es ja die Frühlingsstimmung, die noch einmal solch „konkrete Anschaulichkeit einer schönen Welt“ und die „situationsbedingte Ursächlichkeit des Denkens“ ermöglichte. Heinrich Manns sentimentale historische Fantasmagorien, so konnte man überrascht feststellen, ähneln den französischen Träumen des altersmilden Karl Heinz Bohrer.