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Gesellschaft der gelehrten und unnützen Forschungen – eine Einführung in die ‘Pataphysik

Vorgestellt werden soll hier eine inzwischen hundertjährige Wissenschaft, die gewissermaßen eine Wissenschaft von der Vorstellungskraft genannt werden könnte. Auch heute befindet sich die ’Pataphysik nicht im offiziellen Kanon der Wissenschaftssparten. Andererseits hat sie einige sehr renommierte und prominente Anhänger aufzuweisen: Jean Baudrillard, Boris Vian, Marcel Duchamp und Umberto Eco beispielsweise. Sie sind – genau wie der Autor dieses interessanten Werkes über die Wissenschaft mit dem kleinen Apostroph vor dem P – Mitglieder im Collège de ’Pataphysique. Seltsamerweise wurde deren philosophisches, wissenschaftliches, künstlerisches Konzept imaginärer Lösungen bisher nie in deutscher Sprache vorgestellt. Hier also zum ersten Mal, auf schönem Papier, in schönen Lettern.

Der Begründer des absurden Paralleluniversums, in welchem Schlaf- und Wachzustand durchaus zusammenfließen können, ist der 1873 geborene Pariser Schriftsteller Alfred Jarry, der gern mit dem Fahrrad fuhr und sehr viel Absinth zu sich nahm. Das führte möglicherweise dazu, dass auch der Alkohol ihn sehr früh, Mitte dreißig, zu sich nahm. Seinerzeit, im Jahr 1896, war ein Fahrrad etwas extrem Fortschrittliches: Das „Clément luxe 96“ wurde folglich zu Alfred Jarrys Markenzeichen. Bekanntheit aber errang Jarry mit seinem philosophischen Theaterstück „König Ubu“, uraufgeführt im Jahr 1896, einmal gespielt – und dann erst wieder Jahre nach seinem Tod. Dann allerdings offenbarte es seine oft übersehenen Qualitäten, es galt fortan mit Abstand als radikalstes, unkonventionellstes Theaterstück weit und breit.

Aus Vorstellung und grundlegender Wahrnehmung erst entsteht die Welt, die uns umgibt, mit all ihrem Sinn und Widersinn. Eigentlich müsste in einer Zeit, in der die Realitätsebenen sich munter zu überschneiden scheinen, im Baudrillard’schen Hyperraum der Simulation, das goldene Zeitalter der ’Pataphysik angebrochen sein. Aber eine „Gesellschaft der gelehrten und unnützen Forschungen“, wie es das Collège de ’Pataphysique nun einmal ist, kann – schon aufgrund seiner großen Aufrichtigkeit – nur einen bescheidenen Einfluss haben. Das Unnütze wird schließlich tabuisiert oder zumindest als „nützlich“ maskiert, um an Forschungsgelder oder Erbschaften heranzukommen. Der Kunstbetrieb des Fin de Siècle bot auch Autor Alfred Jarry keine wirkliche Alternative, sondern war für ihn „Merdre“. Übersetzt wird der berühmte Satz aus dem „König Ubu“ heute meist mit „Schreiße“. Die Anregungen, die König Ubu und Dr. Faustroll durch ihre Wissenschaft gegeben haben, pflanzten sich cotyledonenhaft[1]fort, wuchsen in die surrealistische Bewegung hinein. Auch der Dadaismus bezog sich auf Jarrys Philosophie. Antonin Artaud gründete 1948 schließlich das Collège de ’Pataphysique.

Der Autor des vorliegenden Bandes, Klaus Ferentschik, versammelt zahlreiche Bild- und Textdokumente, die sich auf Jarrys Werk beziehen. Da gibt es ein feines Jugendstilporträt des Dr. Faustroll von Beardley, ein Max-Ernst-Porträt von Backenbuttel, Aufsätze zur Definition dieser letztlich – zumindest für Kunst und Philosophie – überaus grundlegenden Wissenschaft, Antrittsreden von Institutsmitarbeitern, Manifeste, Publikationen und den legendären pataphysischen Kalender. Mit großer Liebe ist dieses gediegene Buch gemacht, könnte man sagen. Mehr noch als der Dadaismus scheint die ’Pataphysik aber ein gänzlich frauenloses Universum zu sein. Im Personenregister findet sich unter den 46 Personen keine einzige Frau. Hoch lebe also die feministische ’Pataphysik!

WOLFGANG MÜLLER

Klaus Ferentschik: „’Pataphysik. Versuchung des Geistes“. Matthes & Seitz, Berlin 2006, 298 Seiten, 34,90 Euro [1]vgl. J. W. von Goethe: „Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären. In isländischer Erstübersetzung“. Schriften der Walther von Goethe Foundation, Berlin/Reykjavík 2002, 112 Seiten, 14,50 Euro