Die heilige Familie

Am rechten Rand wächst der Widerstand gegen Ursula von der Leyens Pläne, die Zahl der Krippenplätze zu erhöhen. Ein Geflecht aus Familienlobbyisten, konservativen Kinderärzten, christlichen Fundamentalisten und Abtreibungsgegnern hat sich gegen die „Verstaatlichung unserer Kinder“ verbündet

„Darf ich Ihnen eine Frage stellen, bevor Sie antworten?“ Moderatorin Maybritt Illner war sichtlich genervt, als es Mitte April in ihrer ZDF-Sendung um die Pläne der Bundesregierung ging, die Zahl der Krippenplätze für unter Dreijährige zu erhöhen. Während ein Teil der Gäste, darunter die frühere Bundesfamilienministerin Renate Schmidt, den Krippenausbau begrüßte, der Augsburger Bischof Mixa sich pastoral gab („der Normalfall ist doch, wenn uns die Mutter in den Arm nimmt“), fiel die Theologin Beatrix Selk-Schnoor vom „Deutschen Familiennetzwerk“ vor allem dadurch auf, dass sie ihre Botschaft, Krippenbetreuung sei inhuman, möglichst oft wiederholte und anderen dabei ständig ins Wort fiel.

Ruft man im Internet die Web-Site des „Deutschen Familiennetzwerks“ auf, stößt man auf rund 60 Organisationen, vom „Berufsverband deutscher Laktationsberaterinnen“ bis zur „Familienwehr“. Die Fülle an Gruppen und Grüppchen ist verwirrend, Informationen, wer hinter den einzelnen Organisationen steht, sind spärlich. Das „Europäische Institut zur Aufwertung der Erziehungsarbeit“ in St. Augustin bei Bonn besteht zum Beispiel im Wesentlichen aus dem 57-jährigen Journalisten Jürgen Liminski. Der Moderator beim Deutschlandfunk ist auf halbe Stelle gewechselt, um dazuzuverdienen („in Frankreich würde ich als Familienvater keine Steuern zahlen“). So kann er gleichzeitig Steuern sparen und die gute Sache publizistisch vertreten. Die besteht für ihn in der Anerkennung und Bezahlung von Familienarbeit als Beruf. Statt den Krippenausbau zu forcieren, solle die Regierung jeder Mutter ein Erziehungsgehalt auf Dauer zahlen, meint Liminski. Klingt ein bisschen wie die „Lohn für Hausarbeit“-Debatte der Frauenbewegung der Siebzigerjahre. Ist aber wohl anders gemeint, wenn man weiter liest, wie Liminski den Ausbau von Krippen und Kitas als „Selbstverwirklichungsprogramm für Frauen“ geißelt, das dem „tiefreichenden Verlangen von Frauen, Mutter zu sein“ widerspreche. Der Vater von zehn Kindern („alle von einer Frau, keine Zwillinge“) tut das vorwiegend in christlich-konservativen Medien wie der erzkatholischen Würzburger Deutschen Tagespost. Dort empört er sich über die „Unterwerfung“ von Frauen, die angeblich gezwungen werden sollen, „ihre Kinder in die Staatsbetreuung abzugeben“.

Das „Deutsche Familiennetzwerk“ besteht aus rund 60 Gruppierungen, die fast alle einem konservativ-christlich geprägten Familienbild verpflichtet sind. Auch Lebensschützer sind darunter. Ferner die politisch rechts außen angesiedelte „Staats- und Wirtschaftspolitische Gesellschaft“ Hamburg. Teil des Netzwerks sind aber auch die „Arbeitsgemeinschaft Selbständiger Unternehmer“ (ASU) und der einstmals im Dunstkreis der Frauenbewegung als „Deutsche Hausfrauengewerkschaft“ gegründete „Verband der Familienfrauen und -männer“. Träger des „Familiennetzwerks“ ist der „Familien e. V.“, eine „Initiative für Mütter“, die nach eigenen Angaben aus etwa 250 Beitrag zahlenden Mitgliedern besteht.

Auf dem „Zweiten Strategie-Tref- fen des Familiennetzwerks“ Ende Januar diesen Jahres kamen in Bad Hersfeld etwa 150 Personen aus dem gesamten Bundesgebiet zusammen.

Das Netzwerk finanziert sich nach eigenen Angaben aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden und über ehrenamtliche Arbeit. Als Sponsoren tauchen auf der Web-Site drei Firmen auf, darunter die Commerzbank AG. Die Teil- nahmegebühr für die vom „Netzwerk“ zusammen mit Professor Johannes Pechstein für den 4. und 5. Mai in Frankfurt am Main geplante internationale Tagung „Weniger Staat – mehr Eltern: Wer erzieht die Kinder?“ beträgt 100 Euro.

Trotz ähnlicher Forderungen bei Kindergeld oder Steuererleichterungen arbeiten die großen, traditionellen Familienverbände, die in der Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Familienorganisationen (AGF) zusammengeschlossen sind, nicht mit dem „Netzwerk“ zusammen. Auch die konfessionell gebundenen unter ihnen vertreten ein breiteres Familienspektrum und ein liberaleres Frauenleitbild: Deutscher Familienverband e. V., 1922 als „Bund der Kinderreichen“ gegründet, mir rund 10.000 Mitglieds-Familien; Evangelische Aktionsgemeinschaft für Familienfragen e. V. (EAF) mit rund 37 Organisationen; Familienbund der Katholiken e. V. mit rund 300.000 Mitgliedern; Verband alleinerziehender Mütter und Väter e. V. mit 10.000 Personen.

Um all das und Schlimmeres zu verhüten, hat das „Netzwerk“ die Kampagne „Familie sind Wir“ ins Leben gerufen. Von der Web-Site kann man sich den Text eines Briefs an Angela Merkel herunterladen, in dem die Bundeskanzlerin davon in Kenntnis gesetzt wird, „dass es originäre mütterliche und familiäre Aufgaben gibt, wie Liebe schenken und Urvertrauen bilden, die keine noch so gut ausgebildete staatliche Pädagogin an unserer Stelle übernehmen kann und soll“. Familien in Deutschland seien im Allgemeinen friedfertig, heißt es mit drohendem Unterton weiter, „aber man sollte uns nicht unterschätzen, schon gar nicht, wenn wir nichts oder nicht mehr viel zu verlieren haben“. Schluss müsse jedenfalls mit der „Ausbeutung von Vätern und Müttern zugunsten Kinderloser“ sein. Teil zwei und drei der Kampagne sind eine Unterschriftensammlung und eine „Leserbriefwelle“, für die ebenfalls ein Text auf der Web-Site bereitliegt. An manchen Tagen gingen auf der Web-Site bis zu 100 Unterschriften ein, sagt Maria Steuer vom Vorstand des „Familiennetzwerks“.

Ebenfalls mit dem Netzwerk verbandelt ist das „Heidelberger Büro für Familienfragen und Soziale Sicherheit“, das seinerseits nach eigenen Angaben von 30 bis 50 Organisationen und Einzelpersönlichkeiten unterstützt wird. Einige kennt man bereits als eigenständige Unterstützer des „Familiennetzwerks“. Mitbegründer und Spiritus Rector des „Heidelberger Büros“ ist der Sozialrichter Jürgen Borchert, zeitweilig familienpolitischer Berater des hessischen Ministerpräsidenten Koch. Seit Jahren trommelt Borchert gegen die „Transferausbeutung der Familie“. Der auch in liberalen Medien als „Kämpfer für die Familie“ gefeierte Borchert meint damit, dass Eltern im Unterschied zu Kinderlosen und Singles zu hohe Steuern und Sozialbeiträge zahlen und zu wenig Kindergeld erhalten.

Eine scheinbar nüchterne Lobbyarbeit, wie andere Interessenverbände sie auch betreiben? Das „Heidelberger Büro“ teilt mit den übrigen im Netzwerk vertretenen Gruppen das konservative Ideal, wonach die Familie aus einem Ernährer-Mann, einer Hausfrau-Mutter und möglichst vielen Kindern besteht. Der christlich-fundamentalistische Dunstkreis ist bei diesem Thema nie weit. So taucht das sich säkular gebende „Heidelberger Büro“ auf einer von der evangelikalen „Offensive Junger Christen“ betriebenen Web-Site unter dem Stichwort „Bündnis Ehe und Familie“ auf, in trauter Runde mit Gruppierungen wie „Familien für Christus“. Aber auch die Männerrechtler vom „Väteraufbruch für Kinder“ sitzen mit in diesem Boot. Gemeinsam will man sich „für die Ehe als Gemeinschaft zwischen Mann und Frau“ einsetzen und die Familie „als Einheit von Mutter, Vater und Kindern stärken“. Die Frontstellung gegen gleiche Rechte für Alleinerziehende, Patchwork-Familien oder homosexuelle Partnerschaften ist offensichtlich. Wie auch die Nähe zu militanten Abtreibungsgegnern. Im Fall des „Deutschen Familiennetzwerks“ ist das zum Beispiel die „Aktion Lebensrecht für alle“.

Für die Behauptung, die Betreuung in Krippen führe zu Störungen im Verhalten und bei der Bindungsfähigkeit von Kindern, werden als Kronzeugen immer wieder der 77-jährige Pädiater und emeritierte Professor Johannes Pechstein aus Mainz zusammen mit dem 87-jährigen Münchner Kinderarzt Professor Theodor Hellbrügge genannt. Pechsteins wie Hellbrügges einschlägige Erkenntnisse speisen sich aus lange zurückliegenden Forschungen über Hospitalismus bei Heimkindern. Beide ignorieren konsequent neuere Erkenntnisse über frühkindliches Lernen und Bindungsverhalten. Pechstein ist mit fast sämtlichen Gruppierungen verbandelt, die den Kreuzzug gegen die Politik von der Leyens betreiben. Der umtriebige Professor sitzt im Beirat der „Juristen-Vereinigung Lebensrecht e. V.“, einem Akademiker-Club mit Embryo-Foto als Logo, und taucht mit einem Interview auf der Web-Site der „Staats- und Wirtschaftspolitischen Gesellschaft Hamburg“ auf, einer Organisation, die ebenfalls dem „Netzwerk“ angehört und Verbindungen zur rechten Jungen Freiheit und zu bekennenden Rechtsaußen wie Günther Rohrmoser und Alfred Mechtersheimer pflegt.

Unter dem Stichwort „Weniger Staat – mehr Eltern“ veranstaltet das „Netzwerk“ alle paar Monate bundesweite Treffen. Nach eigenen Aussagen kamen zum „2. Strategietreffen des Familiennetzwerks“ Anfang des Jahres 150 Menschen nach Bad Hersfeld, um „die Kräfte zu bündeln gegenüber einer Steuer-, Renten- und Familienpolitik … die das Doppelverdiener-Familienmodell für alle herbeizuzwingen sucht“. Anfang Mai laden Pechstein und das Netzwerk nach Frankfurt am Main zu einer „Internationalen Tagung“. Unter dem Stichwort „Wer erzieht die Kinder?“ soll noch einmal der Stand der Bindungsforschung von vor 40 Jahren referiert werden. Neuere Erkenntnisse auf diesem Gebiet verspricht man sich offenbar von der ehemaligen „Tagesschau“-Sprecherin und Bestseller-Autorin Eva Herman, die über „Die Kraft neuer Weiblichkeit in modernen Gesellschaften“ referiert. Herman war auch schon in Bad Hersfeld dabei, ebenso wie die alttestamentarisch-bibelfromme Autorin Christa Meves („Krippenerziehung in der Sowjetunion zerstörte ein Volk“). Moderiert wird die Tagung von Jürgen Liminski vom „Europäischen Institut zur Aufwertung der Erziehungsarbeit“. Der Kreis schließt sich.