Besuch bei Hanna-Renate Laurien

Die eigensinnige Konservative

Neunzig Jahre Frauenwahlrecht: Dazu hat CDU-Politikerin Hanna-Renate Laurien viel zu sagen. Am liebsten würde sie ihrer Partei dabei die Leviten lesen. Doch dafür ist sie zu alt. Ein Besuch.

Hanna-Renate Laurien ist eine eigenwillige Große. Sie hat die CDU-Männerriege aufgemischt mit ihrem Kommandoton. Dabei will sie nur streitbar diskutieren, sagt sie. Die donnernde Geste in ihrer Sprache, der vorwärtsdrängende Tonfall blitzen bis heute auf. Eine wie sie, die sich durchgesetzt hat unter Politikern, die kann man doch bitten, ein Loblied zu singen auf den 90. Geburtstag des Frauenwahlrechts.

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Ja, kann man, wären da nicht das Herz, die Augen, das Bein. Das Alter setzt der streitbaren Christdemokratin zu. In ihrer mit Büchern überquellenden Wohnung in Lankwitz schleppt sie sich an Krücken zur Tür. Von der Tür dann ins Arbeitszimmer. Der riesige Bildschirm an ihrem Schreibtisch wirft blaues Licht auf Papierstapel, Bilder und Kruzifixe. Mit einem Aufatmen setzt sich die alte Dame. "Was ist unser Thema heute?", fragt sie. "Ach ja, das Frauenwahlrecht. Natürlich kann ich dazu etwas sagen." Am 19. Januar 1919 durften die Frauen zum ersten Mal wählen. "Dass das erwähnenswert ist, und nicht etwa die gleichzeitige Abschaffung des preußischen Dreiklassenwahlrechts, das sagt doch etwas." Dann schweift sie ab. "Ich hab noch nicht mal meine Weihnachtspost ganz erledigt."

Zur Vorbereitung auf das Gespräch hat sie einen zehn Jahre alten Vortrag aus ihrem Archiv gezogen. "Frauenwahlrecht - 80 Jahre sind genug" steht darüber. Allerdings sind Laurien 80 Jahre nicht genug. Und zehn Jahre dazu reichen ihr auch nicht. "Wir sind auf dem Weg, nicht am Ziel." Den Satz sagt sie mit Verve, dann fällt ihr Blick auf die Augentropfen auf ihrem Tisch. "Auf dem rechten sehe ich noch 5 Prozent und auf dem linken 80 Prozent. Und ich danke dem lieben Gott jeden Morgen, dass es das eine Auge noch tut, aber jetzt müssen wir zum Heute kommen."

Das Heute ist allerdings ohne das Gestern nicht zu denken. Vor allem bei alten Leuten nicht. Das gilt auch für Laurien. Das, was in ihrem selber schon 80 Jahre alten Leben wichtig war, wird von ihr als Eckpfeiler ins Verständigungsterrain gerammt. Wer Laurien begreifen will, muss zuallererst wissen, dass sie eine aus der Antigruppe an der Humboldt-Universität nach dem Krieg war. "Antigruppe", das ist ihr Wort. Diese hat 1948 die Freie Universität gegründet. "Wir wollten uns das Denken nicht diktieren lassen."

Und wo sie schon einmal bei der Gründung der FU ist, da muss sie noch jene Anekdote erzählen, wie sie bei einem Empfang anlässlich der neuen Universität in ihren geliehenen Schuhen vor den Bundespräsidenten Theodor Heuss fiel. "Mein Fräulein, so viel Ehrfurcht ist nicht nötig", sagte der zu ihr und reichte ihr die Hand. Wenn sie heute den Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur erklären will, kommt sie auf diese Geschichte zu sprechen. Ihr Fazit am Ende steigert sie zum Crescendo: "So funktioniert Demokratie. In der Diktatur aber ist der Kniefall verlangt."

Einmal heiß geredet, fallen der Lehrerin für den höheren Schuldienst weitere Anekdoten ein: In die Politik geriet sie, weil sie mit der These Furore machte: "Das gegliederte Schulsystem hat nur eine Chance, wenn nach jedem Abschluss ein Anschluss kommt." - "Nicht reden, tun", sagte Bernhard Vogel und machte die Schuldirektorin, die sie damals in Köln war, in den 70er-Jahren zur Staatssekretärin, später zur Kultusministerin in Rheinland-Pfalz. In den 80er-Jahren holte Richard von Weizsäcker Laurien als Schulsenatorin nach Berlin. Parlamentspräsidentin und stellvertretende Berliner Bürgermeisterin war sie ebenfalls. Im Bundesvorstand der CDU, der sie 1966 beitrat, war sie auch.

Vom Herzen her allerdings ist sie immer Pädagogin geblieben. "Ich will Menschenbildung", donnert sie mit halb geschlossenen Augen über den Tisch.

In der Pause nach diesem Satz fällt ihr Blick auf einen zweiten Vortrag, den sie zum Frauenwahlrecht hervorgeholt hat. Der ist 25 Jahre alt, und was da drinsteht, das möchte sie der CDU heute ins Grundsatzprogramm diktieren: Die Christdemokraten sollen endlich dafür sorgen, dass Frauen Familie und Beruf vereinbaren können. "Vom Schicksal zur Wahl" seien die Frauen gekommen, heißt es im Papier. Ihre These: Beim Wahlrecht darf das nicht aufhören: "Vom Schicksal zur Wahl, das gilt nachdrücklich auch für den Abschied von fixierten Geschlechterklischees." Laurien will keine Festlegung auf Geschlechterrollen, sie will eine Festlegung auf Mitmenschlichkeit. Die Forderung ist moderner denn je.

Laurien ist konservativ und unkonventionell. Wenn sie etwas falsch fand, hat sie sich verweigert. "So einen Stuss mache ich nicht mit", habe sie zu den Ritualen der Hitlerjugend gesagt. "Ich hatte Welterfahrung in einem Alter, wo andere Strümpfe stopfen." In ihrem familiären Umfeld gab es Schinkelforscher, jüdisches Bürgertum, aber auch NS-Parteimitglieder. Freiheitlich sei man orientiert gewesen. "Liberal" will sie nicht sagen. Das Wort ist ihr zu besetzt. "In meiner Familie war das ganz klar, dass Frauen wählen dürfen", sagt sie. Außerdem hätte ihr Vater der Mutter beim Abwasch geholfen.

Es sind solche Sätze, die wie Puzzleteile das Bild einer selbstbewussten Frau ergeben, die Regeln brach, wenn sie die Notwendigkeit dafür sah. Einmal, 1967, da war sie Direktorin der Königin-Luise-Schule in Köln, setzte sie durch, dass eine schwangere Schülerin Abitur machen konnte. Damals eine große, emanzipatorische Aktion.

Auch damit, dass sie nie verheiratet war, konnte man sie in den 50er- und 60er-Jahren, in denen eine Ledige bestenfalls bemitleidet wurde, nicht in die Ecke drängen. "Ich war zwei Mal verlobt", sagt sie. Beide Male habe sie die Verbindung gelöst. Das eine Mal, weil der Verlobte einen schlechten Universitätsabschluss machte, sie aber einen sehr guten. "Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Ich will einen geistig ebenbürtigen Partner."

Den geistig ebenbürtigen Partner hat sie gefunden. Es ist Jesus. Seit 1962 ist Laurien Ordensfrau. "Ich bin Laien-Dominikanerin." Ehelosigkeit, die Einhaltung der Stundengebete und Solidarität - auch in Geldangelegenheiten - hat sie im Gelübde versprochen. "Die Geborgenheit in der Liebe Gottes ist für mich Inhalt meines Lebens."

Einer klösterlichen Ortsgruppe ist sie nicht zugeordnet - wegen ihrer Berufstätigkeit sei das nicht möglich gewesen. Sie sei direkt dem Provinzial unterstellt. Ihre geistigen Gegenüber sind und waren die Priester, allen voran Pater Prior. Sie zeigt auf ein verblichenes Schwarz-Weiß-Foto, das neben dem Lichtschalter im Arbeitszimmer hängt. "Der guckt immer allem zu. Aber bitte, was war heute unser Thema?"

Gut, also das Frauenwahlrecht und Laurien. "Ich habe extra für Sie das Buch von Alice Schwarzer, ,Damenwahl', gelesen", sagt sie, hält es hoch und zeigt die mit Anmerkungen versehenen Seiten. Und dann macht sie einen Exkurs, der fast einer Schwarzer-Verehrung gleichkommt. Verbunden mit ihr fühlt sie sich, weil sie in ihr eine Gleichgesinnte im Kampf gegen Prostitution sieht. "Prostitution ist entwürdigend. Die Frauen sollen was Richtiges lernen." Sie schlägt die unterstrichenen Passagen im Buch auf. Unmöglich sei es, dass bei uns nicht danach geguckt werde, wie Frauen wählen und wie Männer. Aber manchmal werde es doch gemacht. "Weniger Frauen als Männer haben die CSU in Bayern gewählt", liest sie vor. "Sehen Sie, das kommt, wenn man nicht auf das hört, was Frauen wollen", sagt sie und beendet das Gespräch. Im Fernsehen kommen die Nachrichten.

 

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