Sex und Gesetz

Tina S. steht zu ihrem Gewerbe: „Ich bin Prostituierte.“ In einem Wohnhaus im Ostberliner Bezirk Lichtenberg hat sie ein Bordell. Zehn Jahre schon. Mit ihren beringten Händen öffnet sie die Türen zu den drei Zimmern, dem Bad. Die zur Küche steht offen. Dort sitzen zwei Frauen und rauchen. „Das hier ist meine Existenz“, sagt Tina S. Früher hatten die 39-Jährige und ihr Mann einen Blumenladen. Er ging Pleite. Danach kam nichts. Es war ihre Idee, ihren Körper zu verkaufen.

Es ist warm in der Wohnung. „Die Mädchen sollen nicht frieren“, sagt Tina S. Über die Lautsprecher läuft Meeresrauschen, Wassermusik. Wellness, gepaart mit Zwangsläufigkeit: kommen, entspannen, kommen. Eine Dienstleistung eben.

Darüber reden lässt sich dann doch nicht leicht. „Wir sind wie Altenpflegerinnen, wie Krankenschwestern“, erklärt Tina S. „Prostituierte haben einen Hygieneberuf.“ Ekel, Abneigung, Gefühle – alles ausgeblendet. Es gebe Männer, die verstehen das nicht. Die fragen, und, was kann ich dir Gutes tun? „Nichts.“ Tina S. wirft die Antwort in den türkisfarbenen Raum mit der Massageliege, als stünde da ein Freier.

Jetzt aber hat Tina S. ein Problem: Das Bauamt will ihr den Laden im Lichtenberger Bahnhofsviertel schließen. Warum? Bordelle zögen zwangsläufig „milieubedingte Begleiterscheinungen“ und eine „generelle Störung des Wohnumfeldes“ nach sich. So steht es in einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts von 1983. „Zwangsläufig“, entrüstet sich Tina S., „das kann ich nicht begreifen.“ Baustadträte, die die Wohnungsbordelle weghaben wollen, verknüpfen das Urteil mit dem Baurecht. Das verbietet Unternehmen in Wohngebieten, von denen Störungen ausgehen.

Tina S. ist nicht die Einzige in Berlin, die plötzlich stört. Im letzten Jahr gab es 18 Schließungen von Amts wegen, Dutzende stehen noch aus. Dicht gemacht wird vor allem im noblen Charlottenburg, im szenigen Schöneberg und in Lichtenberg. Das geht aus der Antwort auf eine Anfrage der Grünen im Abgeordnetenhaus hervor. Nach den Gründen befragt, geben sich die zuständigen Baustadträte einsilbig. „Das Gesetz gibt mir recht“, sagt der aus Charlottenburg trotzig am Telefon. In anderen Bezirken verfährt man anders, dort wird der Einzelfall geprüft.

Jahrzehntelang hat in Berlin kein Mensch in Sachen Wohnungsbordelle Handlungsbedarf gesehen. Obwohl sie überall sind, weil es keine Sperrbezirke gibt. Auch Tina S. hatte Ruhe. Warum sie jetzt zumachen soll? Darauf bekommt sie keine Antwort.

Von außen verrät nichts Tinas Laden. In den Fenstern der Erdgeschosswohnung hängen Lamellenvorhänge – braun vom Zigarettenrauch. Auf dem Klingelschild ein Edelstein. Die Kunden sollen vor der Tür nicht als Freier auszumachen sein, denn dunkel ist es hier nicht. Tinas Edelstein-Salon hat werktags von 10 bis 20 Uhr auf. Wie die meisten, die nun schließen sollen.

Klingelt ein Freier, öffnet die Hausdame die Tür und stellt die Frauen vor. Er wählt eine aus, dann das Zimmer. Im pfirsichfarbenen stehen Gipsgöttinnen. Soeben war ein Gast da. Sein Schweißgeruch hängt noch in der Luft. Die Prostituierte versprüht Raumspray. Maiglöckchenduft. Im rostroten Zimmer mit Baldachin überm Bett hängt eine Schaukel. „Die Frau lehnt sich in die Kissen“, erklärt Tina S., „der Mann steht vor ihr und macht’s.“ Ein Quickie kostet 30, eine Stunde 90 Euro. Kondom ist Pflicht. Waschen vor dem Akt auch. „Legen Sie ab, machen Sie sich frei“, sagt die Prostituierte. Da ist er, der Jargon der Krankenschwester. Dann schaut sie nach, ob niemand im Flur ist, wenn der Freier zum Bad geht.

In der Küche trinken die Prostituierten Kaffee. „Nicht viel los heute.“ Die Kurzhaarige trägt schwarze Dessous, die Frau mit den langen Haaren einen dünnen Bademantel mit Blumenmuster. „Gelernt hab ich nichts“, sagt die eine. Aber die Arbeit, die sie jetzt macht, sei gut fürs Konto. 40 zu 60 ist das Verhältnis. 40 Prozent für Tina S., 60 Prozent für sie. Die andere schweigt, blickt auf den Starschnitt von Knut dem Eisbären an der Wand. „Die Frauen gehen ihrem Beruf hier in ’ner sicheren Umgebung nach“, sagt die Bordellbesitzerin.

Als der Brief mit der „Nutzungsunterlassung“ kam, hat Tina S. mit den Nachbarn gesprochen – ob sie sich durch den Laden gestört fühlen. Alle verneinten. Sie holt einen Ordner und tippt auf eine Liste mit den Unterschriften. „Seitdem Frau S. ihren Laden betreibt, ist eine gewisse Ruhe im Haus eingekehrt“, hat eine Bewohnerin dazugeschrieben. Die Bordellbesitzerin gießt Blumen und nimmt Pakete für die Nachbarn an.

Bis zur Liberalisierung des Prostitutionsgesetzes 2002 meldeten Bordellbetreiberinnen ihre Läden als „gewerbliche Wohnungsvermietung“ an. Seit der Liberalisierung darf dies auch „bordellartiger Betrieb“ heißen. Joachim Renzikowski hat 2006 im Auftrag des Bundes das Prostitutionsgesetz evaluiert. „Gettoisierung begünstigt nicht nur Stigmatisierung und Kriminalisierung“, stellt der Rechtswissenschaftler fest, „sondern auch die Ausbeutung der Prostituierten.“ Berlin und Rostock haben keine Sperrbezirke, das habe keine negativen Auswirkungen auf andere öffentliche Belange.

Warum Berliner Bezirke Bordelle schließen, ist unklar. Der Lobbyverband der Prostituierten fordert Aufklärung. Heute um 20 Uhr findet in der Berliner Ver.di-Zentrale eine Podiumsdiskussion mit Stadträten und Prostituierten statt. Titel: „Bald sauberes Berlin?“

Auch der Vermieter ist auf ihrer Seite. „Wir sehen keinen Grund, ihr zu kündigen“, sagt der Prokurist der M + S Hausverwaltung. Seinen Namen will er nicht nennen. Er sitzt im türkisfarbenen Zimmer, raucht, schaut zu Boden. Auf dem Tisch neben ihm steht die Küchenrolle – wichtigstes Utensil im Gewerbe. Weil es klingelt, wird die Tür zum Flur zugemacht. Freier sollen sich unbeobachtet fühlen. „Wo gibt es das denn, dass ein Vermieter sich loyal zu Prostituierten verhält?“, fragt Tina S.

In Berlin arbeiten 80 Prozent der Frauen ohne Zuhälter. Sie fürchten nun um ihre Unabhängigkeit: „Wenn Bordelle nur noch in Gewerbegebieten liegen dürfen, kommt das der Einführung von Sperrbezirken gleich“, sagt eine Sexarbeiterin vom Bundesverband sexuelle Dienstleistungen (BSD). Das bringe Verteilungskämpfe mit sich. Und Zuhälterkriminalität.

„Alles ist gut, was Transparenz schafft“, meint Dirk Mittelstädt von der Berliner Fachdienststelle zur Bekämpfung der Rotlichtkriminalität. Er warnt: Wenn jetzt Bordelle in bestimmten Gebieten geschlossen werden, werde es dort aber weiter welche geben. Versteckt. Halblegal. In der Grauzone. „Alles, was der Grauzone zuspielt, profitiert.“ Zuhälter könnten Nutznießer sein.

Kerstin Berghäuser besitzt zwei Bordelle. Liberty heißt eines. Das Charlottenburger Bauamt hat es geschlossen. Berghäuser hat es in einem Gewerbegebiet wiedereröffnet, denn es bedeutet ihr viel. „Ich hab mir geschworen, wenn ich keine Schulden mehr habe, höre ich auf, als Prostituierte zu arbeiten.“ Das Liberty steht dafür. „Das heißt doch: Freiheit.“ Sie hatte für einen Mann gebürgt. Als er in Konkurs ging, standen die Gläubiger vor ihrer Tür, nicht vor seiner. „Ich war so naiv.“

Nun hat sie auch für ihren zweiten Laden, den Salon Prestige, eine Aufforderung zur Nutzungsunterlassung bekommen. Sie hat gleich Widerspruch eingelegt. Der Salon befindet sich in einem Neubau mit blauen Balkonen, der Eingang liegt versteckt hinterm Haus. Drinnen dominiert Bordeauxrot die Einrichtung. Dazu Himmelbetten und schwere Holzmöbel. Opulent, luxuriös, exklusiv ist der Laden.

Wird Berghäusers Widerspruch abgelehnt, kann sie klagen, zumachen müsste sie aber doch. Nun springt auch ihr der Vermieter bei. Seine Einnahmen für die 300 Quadratmeter stehen auf dem Spiel.

Erst versuchten die Bordellbetreiberinnen, mit den Behörden selbst zu verhandeln. Erfolglos. Jetzt hat sich der Bundesverband der Prostituierten eingeschaltet. Er hat die Berliner Anwältin Margarete von Galen gewonnen. Sie hat 2001 in einem Prozess erreicht, dass Prostitution als Beruf anerkannt wird. Danach wurde das Prostitutionsgesetz liberalisiert. Es war ihre Idee, die Vermieter mit ins Klageboot zu holen, da deren Eigentumsgrundrecht stärker ins Gewicht fällt. Von Galen überrascht die Entschlossenheit, mit der einige Baustadträte die Bordellschließungen betreiben. „Die frühere Sittenwidrigkeitsbewertung von Prostitution wird jetzt durch die Baurechtsbewertung abgelöst“, sagt sie.

Claudia J., die seit 15 Jahren das Jessy in der Schillerstraße in Charlottenburg hat, sagt es einfacher: „Früher war Prostitution versteckt und abgewertet. Heute ist sie offen und abgewertet.“ Das Anrüchige sei wichtig, „so kann jeder an uns verdienen“. Miete, Steuern, Annoncen. Als sie den Brief vom Bauamt bekam, fiel sie aus allen Wolken. „Ich versteh das nicht. Wurden die mal schlecht bedient?“ Die 65-jährige blonde Frau mit den weichen Gesichtszügen ist enttäuscht.

Im Jessy geht’s familiär zu. Im Fernsehraum sitzen die Mädchen und zappen sich durchs Programm. Mitunter setzt sich ein Freier dazu. Andere kommen auch vorbei. Claudia J.s Freund, der Hundezüchter, mit zwei seiner Jack Russell Terrier. Dann klingelt der Vertreter der Zeitung, er will das Geld für die Annoncen einziehen. „Lea versext, Jenny zierlich, Sina 19 J. Jasmin vollbusige Stiefelmaus“. 2.000 Euro zahlt Claudia J. im Monat für die täglichen zwei Zeilen.

Claudia J. gehört dem Bundesverband für sexuelle Dienstleistungen an. Der bringt die Bordellschließungen nun an die Öffentlichkeit, stellt Fragen und bekommt keine Antworten: Warum jetzt? Wer hat ein Interesse daran, die Bordelle zu schließen?

Nur wenige hundert Meter vom Salon Prestige liegt das Artemis. In Berlin ist es das einzige große Haus. In Städten mit Sperrbezirken aber sind solche Häuser die Regel. Darauf läuft’s hinaus. Seine besten Zeiten hatte das Artemis während der Fußball-WM. 70 Euro kostet der Eintritt. Nicht nur für die Freier, auch für die Prostituierten. „Das muss man erst mal einfahren“, sagt eine, die jetzt im Jessy arbeitet. Nicht Kolleginnen seien die Frauen, sondern Konkurrentinnen. Zwischen 40 und 70 Damen arbeiten täglich im Artemis, bestätigt dessen Pressesprecher. 150 Gäste kommen im Durchschnitt. Wem das Haus gehört, sagt er nicht.

Die Arbeitsbedingungen im Artemis hätten die Standards der Berliner Prostituierten unterhöhlt: „Nacktgebot, Zungenküsse, Französisch ohne – also Oralverkehr ohne Kondom – alles ein Muss“, berichtet die Prostituierte. „Jeder begrapscht einen. Die gehen nicht mit dir aufs Zimmer, wenn sie nicht vorher mit dem Finger drin waren.“ Ist es das, was die Baustadträte wollen?