Erstmals legen Sat.1-Mitarbeiter die Arbeit nieder. Sie protestieren gegen Jobverluste.von STEFFEN GRIMBERG

Hat nichts mehr auf der Schüssel: Der Privatsender SAT1 Bild: ap
"Ihr könnt jetzt noch ins Büro gehen und eure Taschen holen. Aber keinesfalls noch eben Mails abrufen oder so etwas", ruft Sat.1-Betriebsrat Uwe Theuerkauf per Megafon den zum Streikauftakt Versammelten zu - korrekt arbeitskämpfen will eben gelernt sein. Auch für den langjährigen Arbeitnehmervertreter Theuerkauf ist es das erste Mal.
Gut 300 MitarbeiterInnen von Sat.1 und anderen Berliner Tochterfirmen der ProSiebenSat.1 AG blockierten am Dienstagmittag nach einer Betriebsversammlung die Jägerstraße vor dem Sat.1-Hauptquartier, bevor man ins Streiklokal abzog. Seitdem stehen hier Streikposten wie auch vor dem Gebäude des seit Herbst 2008 vom Potsdamer Platz sendenden Nachrichtenkanals N 24, der ebenfalls zum TV-Konzern gehört.
Die Mitarbeiter streiken, weil ihr Sender zerschlagen werden soll und die Konzernführung im fernen Unterföhring bei München nicht einmal ernsthaft mit ihnen verhandelt. Dabei geht es um 275 Stellen, die bei der hoch verschuldeten TV-AG gestrichen werden, wovon Sat.1 den größten Teil schultern muss. Und um weitere 350 MitarbeiterInnen, die von Berlin aus nach Bayern umziehen müssen. Viele von ihnen haben das schon mal erlebt, als Sat.1 2000 seine Standorte in Hamburg und Mainz dichtmachte und alle Abteilungen in Berlin konzentrierte.
Auf der Betriebsversammlung am Dienstagmorgen hatte Sat.1-Kogeschäftsführer Torsten Rossmann noch versucht, die Wogen zu glätten: Man werde bei den offenen Fragen einen Kompromiss finden. Rossmann mühte sich vergeblich: "Das war eine Unverschämtheit", sagt ein Teilnehmer, denn auf fast alle Forderungen der Betriebsräte und Tarifkommissionen reagierte der Konzern bislang mit Ablehnung.
So wollten die Betriebsräte erreichen, dass die Entscheidungsfrist, ob man gegen eine "Entscheidungsprämie" freiwillig auf den Arbeitsplatz verzichtet oder nach München mitgehe, bis zum 15. März verlängert wird. Doch Finanzvorstand Axel Salzmann, der bis März übergangsweise auch den Posten des Vorstandschefs bekleidet, bleibt hart: "Wir werden die Entscheidungsfrist nicht verlängern. Das heißt, die angebotene Entscheidungsprämie von 10.000 Euro brutto kann definitiv nur erhalten, wer sich bis 31. Januar entweder für den Wechsel oder für das Ausscheiden gegen Abfindung zu den angebotenen Bedingungen entschieden hat", schreibt Salzmann in einer Mail an alle betroffenen MitarbeiterInnen.
Großzügigere Regelungen über doppelte Haushaltsführung und Heimfahrten für Umzugswillige, wie sie noch 2000 beim Umzug nach Berlin gewährt wurden, hat der Vorstand nach Gewerkschaftsangaben abgelehnt. "Ich habe das schon mit Hamburg gehabt: Kinder aus der Schule nehmen, Haus verkaufen - neue Wohnung suchen, Schulen klarmachen", sagt ein Mitarbeiter: "Aber das schafft keiner in den paar Tagen."
Beim Konzernvorstand gebe es keine "echte Bereitschaft für ernst zu nehmende Verhandlungen", sagt ein Betriebsrat. Daher fällt die für den heutigen Mittwoch angesetzte nächste Runde aus. Man sieht sich im Streiklokal, dem Gasthaus "Löwenbräu". Hier wird den Sat.1-MitarbeiterInnen noch mal eingeschärft, worauf es ankommt: dass der Senderkomplex an der Jägerstraße wie am Potsdamer Platz möglichst leer bleibt.
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