Filbinger in Gottes Händen

Drinnen sanfte Hinweise auf die NS-Vergangenheit, draußen milder Protest: Freiburg zelebriert den Abschied vom früheren Ministerpräsidenten auf südbadische Art

FREIBURG | taz ■ | Die Kaiserstühler Bauern haben sich Mitte der Siebzigerjahre im Kampf um das Kernkraftwerk Wyhl dem damaligen Ministerpräsidenten Hans Filbinger nicht gebeugt. Jetzt, nach Filbingers Tod, mussten sie doch noch zurückweichen: Wegen der Trauerfeier für den im Alter von 93 Jahren verstorbenen Ex-Landeschef wurde ein Teil des Freiburger Münstermarktes in umliegende Straßen verlegt.

Wo sonst Obst- und Gemüsestände stehen, parkten gestern dunkle Limousinen. Vor dem Trauergottesdienst im Münster stoppte die Polizei eine Handvoll Demonstranten aus der Freiburger Wagenburgszene und erteilte ihnen ein Platzverbot: Die Wagenburgler hatten sich – als Hinweis auf den früheren Marinerichter Filbinger – einen Strick um den Hals gelegt.

Die Trauergäste drinnen im Münster bekamen von dem Protest nichts mit. Innenminister Wolfgang Schäuble vertrat die Bundesregierung, die früheren baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth und Erwin Teufel waren gekommen, der Berliner CDU-Fraktionschef Volker Kauder und ausnahmslos alle Granden der Landes-CDU. Die SPD-Landtagsfraktion war nicht vertreten, dafür war der grüne Fraktionsvorsitzende Winfried Kretschmann mit dabei. Als Letzte traten Ministerpräsident Günther Oettinger, dessen Frau Imken und der grüne Freiburger Oberbürgermeister Dieter Salomon gemeinsam vor den Sarg.

Salomon war dem Vernehmen nach nicht unglücklich darüber, dass er bei der Trauerfeier für Filbinger, der in den Fünfzigerjahren Stadtrat in Freiburg war, keine Rede halten musste. Vor fast vier Jahren, vor dem 90. Geburtstag des Altministerpräsidenten, hatte es in Freiburg eine letzte große Kontroverse um den CDU-Politiker und dessen Vergangenheit gegeben. Salomon, damals gerade frisch im Amt, hatte namens der Stadt zu einem Geburtstagsempfang für Filbinger eingeladen. Am Ende schlug Filbinger beleidigt die städtische Einladung aus.

Später gab es dann bei einer Flasche Wein und Plätzchen einen Vier-Augen-Termin in Filbingers Haus im Stadtteil Günterstal. „Es war ein kurzweiliges Gespräch“, erinnert sich der grüne OB. Dabei sei es aber weder um die Marinerichterzeit noch um Geburtstagsein- und -ausladungen gegangen.

Auch bei der offiziellen Trauerfeier war Filbingers Vergangenheit ein Thema. Der Verstorbene sei mit seinem „wachen und entscheidungssicheren Gewissen“ in das mörderische System der nationalsozialistischen Diktatur „hineingezogen und hineinverwoben“ worden, sagte Weihbischof Rainer Klug. Und an die Witwe des Verstorbenen gewandt: „Wir legen auch diesen Abschnitt im Leben Ihres Gatten in Gottes Hände.“

Ministerpräsident Günther Oettinger verortete Filbingers Wirken in jener Zeit im „Freiburger Kreis“ und damit gar im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. „Filbinger war kein Nationalsozialist“, sagte Oettinger. Bei den Todesurteilen, an denen er mitgewirkt hatte, habe er keine „Entscheidungsmacht und keine Entscheidungsfreiheit“ besessen. Filbinger habe auch mindestens zwei Menschen das Leben gerettet.

Als der Sarg aus dem Münster getragen wurde, hatte sich eine große Zahl an Schaulustigen auf dem Münsterplatz versammelt. „Solch eine Feier für einen Altfaschisten gehört verboten“, zupfte einer wütend im Vorbeigehen OB Salomon am Ärmel. Da war der Konvoi der schwarzen Wagen bereits auf den Weg zum Friedhof nach Günterstal.