Monument für den Idealismus

Leinwandfieber: In seiner Dokumentation „Comrades in Dreams“ macht sich der Filmemacher Uli Gaulke in Indien, Burkina Faso, den USA und Nordkorea auf die Suche nach der Magie des Filmezeigens

Berlin in den frühen 90ern. Die Mauer ist gefallen, alles scheint möglich. In Uli Gaulke, Filmvorführer bei einer großen Firma, reift die Idee, in einem der alten, verlassenen Kinos selbst Filme zu zeigen. Zwei Jahre lang sucht er, 1994 ist es soweit. Mit zwei Freunden eröffnet Gaulke sein eigenes Lichtspielhaus am Alexanderplatz. Euphorisch kämpfen die Betreiber um jeden Gast, glücklich sind sie, wenn das Auditorium gefüllt ist, das Publikum lacht oder weint. Das Kino gibt es heute noch, aber das Geschäft läuft schlecht. Während über enorme heimische TV-Anlagen DVDs flimmern, scheint das Programmkino, wie Gaulke und seine Mitstreiter es sich vorstellten, wie ein Relikt aus alten Zeiten.

Fr, 13. 4., 20 Uhr, Metropolis, Dammtorstraße 30a

So reift in Gaulke eine zweite Idee: All jenen Idealisten, die immer noch tapfer hinter ihren Steinzeit-Projektoren stehen, ein Monument zu errichten; eine letzte Reise an die entferntesten Ecken der Welt zu machen, um jene zu finden, denen Filme und das Publikum noch immer am Herz liegen und deren Kinos als Wohnzimmer und soziale Treffpunkte fungieren. Die Wahl fällt auf vier Orte, an denen Gaulke auf Geschichten hofft, die etwas über die Kultur des Zusammenlebens im jeweiligen Land erzählen können: in Indien, Burkina Faso, den USA und Nordkorea. Gemeinsam ist allen Ländern dabei ihre bedeutende Kinokultur und ihre lange Tradition, Filme zu zeigen, mit denen sich die Menschen identifizieren können.

Indien mit seinen Massenvorführungen in karnevalesker Atmosphäre steht dabei neben Burkina Faso – einem der ärmsten Länder der Erde, in dem die Menschen dennoch in die Kinos strömen und ihre letzten Francs für ein paar Stunden Zerstreuung geben. In den USA wiederum spielt die Geschichte in einer verlassenen Gegend: Das einzige Kino im Umkreis von vielen Meilen übernimmt die Funktion einer Sozialstation und eines Umschlagplatzes für den neusten Tratsch. Schließlich Nordkorea, wo vor dem Hintergrund epischer Propagandakämpfe eine für Augen von außen bizarre Filmkultur floriert: in glanzvoller Isolation, abgeschnitten von allen Bildern außerhalb ihres Territoriums, mit dem erklärten Ziel, das Leben der Menschen dort zu beeinflussen.

Doch all diese Orte bleiben leer ohne ihre Protagonisten wie den blutjungen Anup aus Maharashtra in Indien. Der haucht dem alten Kinozelt seines Vaters neues Leben ein und verdient mit seinem Gespür für den Hit der jeweiligen Saison gutes Geld: Ein Leben zwischen Business, Traditionen und der eigenen Vision. In seinem Kino sind nur jene Filme erfolgreich, mit denen die Menschen etwas anfangen können. „Titanic“? Gefloppt. Zu viel Wasser.

In Afrika trifft Gaulke auf drei furchtlose Enthusiasten und ein Bild des Kontinents, das von Aufstand, Leidenschaft und der Idee des selbstbestimmten Lebens erzählt. In den USA ist die zentrale Figur die alte Penny Tefertiller, die dreimal in der Woche hinter dem Projektor steht, um den Menschen von Piney das Gefühl von Gemeinsamem zu geben. In Nordkorea ist es schließlich Hang Jong Sil, die immer Lächelnde, die das Gesicht des Menschlichen hinter der Fassade stählerner Disziplin repräsentiert. Denn das wirklich große Kino findet außerhalb der Leinwand statt. ROBERT MATTHIES