DIE WERBEPAUSE

Handkuss

Es ist einer dieser Werbespots, die man vermeintlich schon tausendmal gesehen hat: Ein Mann – Dreitagebart, wuschelige Haare – stolpert am Morgen aus dem Haus. Er hat es eilig, stopft sich im Gehen das Hemd in die Hose, zieht sein Sakko an, nimmt einen Schluck aus der Kaffeetasse. Und stellt sie auf dem Autodach ab, bevor er sich hinters Steuer setzt. (Nein, das ist noch nicht die Pointe.)

Sein Blick fällt auf den Beifahrersitz und das zu bewerbende Produkt: eine Packung Brandt Frühstückszwieback, versehen mit einem Post-it, auf den jemand „Für meinen Langschläfer“ geschrieben hat. Mit Zwinkersmiley, weil man das eben so macht.

Schnitt. Nahaufnahme auf das Gesicht des Protagonisten, das auf der Emotionsskala irgendwas zwischen Rührung, Verliebtsein und Dankbarkeit ausdrückt. Für so viel Nettigkeit am Morgen gibt’s natürlich einen Handkuss Richtung Haus, wo an der bis zum Boden reichenden Glasfront seine top gestylte Frau erscheint, ebenfalls mit Kaffeetasse in der Hand, die … halt! Falsch. Sein Mann. Oder Freund. Oder Liebhaber. Egal. Jedenfalls nicht sein Bruder.

Dass der Langschläfer am Ende tatsächlich mit der Tasse auf dem Autodach losfährt: Ja, gähn, geschenkt. Aber ein schwules Paar? Das ist neu. Und es irritiert. Weil klassische Werbung, im Gegensatz zum echten Leben, nach wie vor die Einheit von Vater, Mutter und Kind feiert. Wie vielfältig unsere Gesellschaft ist, versucht der Zwiebackhersteller auch in den anderen TV-Spots aufzugreifen: Da gibt es Senioren, einen alleinerziehenden Vater und eine schwarze Mutter mit ihrer Tochter.

Schön, dass endlich mal ein Lebenskonzept abseits der Heteronormativität gezeigt wird. In der Zukunft darf dann aber gerne auch die Handlung noch ein bisschen mutiger sein.

FRANZISKA SEYBOLDT