Jüdisch-katholische Beziehungen

Laute Gesprächspause

Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden, reagiert auf die Wiederaufnahme eines Holocaust-Leugners in die katholische Kirche: Sie hat den Dialog vorerst abgebrochen.von PHILIPP GESSLER

Interessiert irgend jemanden der christlich-jüdische Dialog? Nun, in normalen Zeiten treffen evangelische oder katholische Experten oder Geistliche mit Rabbinern zusammen, ohne dass solche Treffen auch nur die leiseste Chance hätten, in die Schlagzeilen zu kommen. Das hat auch seine Logik. Denn in der Regel findet bei solchen Gesprächen außer dem Austausch von Höflichkeiten wenig statt, was Nicht-Theologen überhaupt verständlich wäre. Der christlich-jüdische Dialog wird - etwas überspitzt gesagt - eigentlich nur dann interessant, wenn er nicht stattfindet.

So wie jetzt. Charlotte Knobloch (76), seit 2006 Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat den Dialog mit der katholischen Kirche abgebrochen. Der Grund: Sie empört sich darüber, dass der exkommunizierte Holocaust-Leugner Richard Williamson mit drei weiteren "Bischöfen" der ultratraditionalistischen Vereinigung "Priesterbruderschaft St. Pius X." von Papst Benedikt XVI. wieder in die Kirche aufgenommen wurde. Streng genommen haben die Holocaust-Leugnung und das Ende der Exkommunikation nichts miteinander zu tun. De facto aber schon. Denn nun ist nach Roms skandalösen Entschluss ein Holocaust-Leugner Bischof der katholischen Kirche.

"Unter solchen Voraussetzungen wird es zwischen mir und der Kirche momentan sicher kein Gespräch geben", erklärte Charlotte Knobloch nun in der Rheinischen Post, "ich unterstreiche das Wort ,momentan'." Und sie ergänzte zweierlei: Dass sie sich "einen Aufschrei in der Kirche gegen ein solches Vorgehen des Papstes" wünsche - der tatsächlich zu hören ist. Zudem sagte sie, der Papst habe hier sicher bewusst gehandelt: "Ich habe es hier nicht mit Menschen zu tun, die nicht wissen was sie tun. Der Papst ist einer der gebildetsten und intelligentesten Menschen, die die katholische Kirche hat, und jedes Wort, das er ausspricht, das meint er auch und das ist auch fundiert."

Gut gebrüllt, Löwin!, will man rufen. Denn natürlich hat Charlotte Knobloch recht. Sie hat übrigens den Holocaust versteckt bei einer sehr katholischen Bauernfamilie in Franken überlebt. Es geht bei der Papst-Entscheidung nicht um eine Petitesse oder eine Panne, die einem viel arbeitenden alten Mann in Rom mal so durch die Lappen gehen kann. Benedikt XVI. wusste, wen er da wieder aufnimmt - die antisemitischen Ansichten Williamsons sind schon länger bekannt, er macht aus ihnen auch keinen Hehl.

So erging er sich etwa im März 2008 in einem Eintrag seines Internet-Blogs in alten antijüdischen Klischees: Dass "die Juden" verantwortlich gewesen seien am Kreuzestod Jesu, dass sie "als eine Rasse und eine Religion" ihn weiter ablehnten - und überhaupt dass vor allem sie schuld am Kommunismus seien, der die Menschheit von Gott entfremdet habe.

Solange ein solcher Mensch sich dank Benedikt XVI. nun in der Kirche Bischof nennen darf, ist tatsächlich ein Dialog mit dem Papst sinnlos. Der Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel hat des Papstes Entschluss richtig gewürdigt: "Das Ergebnis der Entscheidung ist einfach: Einem Holocaust-Leugner Glaubwürdigkeit zu verleihen, bedeutet, dass es uns Juden gegenüber an Feingefühl fehlt." Wiesel hat die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald überlebt.

Auch das israelische Oberrabbinat und die orthodoxe Rabbinerkonferenz in Deutschland haben die Gesprächsbrücken zur katholischen Kirche erst einmal abgebaut. Und dass der Papst sich am Mittwoch von Holocaust-Leugnung und Antisemitismus offiziell distanzierte, ist bestenfalls der erste Schritt. Eine klare Verurteilung von Williamson ist nötig, eine Entschuldigung von ihm und seine Resignation vom Bischofsamt. Die Kirche hat mehr zu befürchten als eine kurzfrstige Unterbrechung ihres Dialogs mit dem Judentum. Es geht um ihre Identität.

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