Wird das deutsche Fernsehen jetzt besser?
Ja

KONKURRENZ Serien gucken, wann man will und wo man will: In den USA ist Netflix bereits ein Riesenerfolg. Nun kommt das Online- portal nach Deutschland

Dominik Raacke, 55, ist Schauspieler, bekannt als „Tatort“-Kommissar

Tilo Jung, 28, moderiert das Polit-Magazin „Jung und Naiv“ auf dem Sender Joiz

Es wird nicht besser, aber wenigstens anders. Netflix hat auch in Amerika das Fernsehen bisher nicht besser gemacht, sondern ist zur richtigen Zeit, einer offenbar neuen goldenen Ära serieller Erzählung, zur Stelle. Man versucht inhaltlich den Weg von HBO zu gehen, indem man neben Lizenzware auf grandiose Eigenproduktionen setzt. Eine Art „Orange is The New Black“, basierend auf Uli Hoeneß’ Erlebnissen, wünsche ich mir hiermit. Netflix wird allerdings dazu beitragen, dass sich Sehgewohnheiten noch schneller verändern: der gute alte Programmplan wird endlich zu Grabe getragen. Content wird bereitgestellt und ist wann und wo auch immer abrufbar. Wie RTL & Co. darauf reagieren, ist egal. Entscheidend wird die überfällige Reaktion der Öffentlich-Rechtlichen sein, die den Schritt schon längst hätten gehen können und müssen. Dieser Inhalt gehört schließlich uns – und nicht Netflix.

Axel Schmitt, 31, ist Redakteur bei serienjunkies.de, einem Fachportal für Fernsehserien

Das deutsche Fernsehen leidet unter strukturellen Problemen, die auch die Ankunft von Netflix nicht lösen wird. Uns fehlen internationale Absatzmärkte und eine eigenständige, selbstbewusste Serienproduktion, die nicht die Ansprüche des öffentlich-rechtlichen oder privaten Systems bedienen muss. Selbst wenn Netflix eine deutschsprachige Serie produzieren sollte und diese Erfolg hätte (unwahrscheinlich), würde das die etablierte Konkurrenz nicht jucken. Denn dort ist man ja vollkommen zufrieden ist mit dem eigenen Programm – alle anderweitigen Aussagen sind Lippenbekenntnisse. Dass es auch anders geht, kann man in Frankreich und Großbritannien sehen: Dort wird aus weniger mehr gemacht – siehe „Les Revenants“, „Utopia“ oder „Luther“. Deutsche Kreative können das auch („Im Angesicht des Verbrechens“), laufen aber ständig gegen bürokratische und marktkonforme Wände.

Lutz Frühbrodt, 52, lehrt Journalistik an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt

Mit Amazon Prime und Maxdome sind bereits Video-on-Demand-Anbieter auf dem deutschen Markt, nutzen tut sie kaum jemand. Auch Netflix wird eine Randerscheinung bleiben – und das ist gut so. Denn wenn Qualität auch Authentizität und gesellschaftliche Relevanz bedeutet, dann ist von Netflix kein Schub zu erwarten. Im deutschen Fernsehen gibt es unzählige amerikanische Filme – viel Trash, wenig Gutes. Netflix will zwar auch deutsche Formate produzieren, hat aber in den USA bisher nur eine Handvoll eigener Serien hervorgebracht. Wie viele können es dann in Deutschland werden? Netflix ist nichts anderes als die Fortsetzung des Privatfernsehens mit anderen Mitteln. Wer Qualität will, ist bei Arte, 3sat oder auch ZDFneo besser aufgehoben.

Marc Conrad, 53, war Programmdirektor bei RTL. Er produziert TV- und Kinofilme sowie Serien

Die Auswirkungen des deutschen Netflix-Ablegers werden überschätzt. Das Angebot wird bei jungen Zuschauern Erfolg haben, die es ohnehin schon häufig nutzen. Deutschland aber ist stark von älteren Menschen mit gelerntem Zuschauerverhalten geprägt, anders als in den USA, Skandinavien oder Holland. Die Serienproduktion von „House of Cards“ war ja nichts anderes als ein 100 Millionen Dollar teures Marketingtool. Und als solches hat es glänzend funktioniert. Mit einer deutschen Serien-Variante könnte das nicht gelingen. Gäbe es solche Autoren hierzulande – wir hätten sie längst entdeckt.

Es ist höchste Zeit, dass auch hierzulande intelligentes, witziges, aufregendes Fernsehen gemacht wird. Schauspieler, Autoren und Produzenten sind gelangweilt von einer Krimi-Monokultur und altbackenen Serienformaten. Mit Verweis auf dubiose Quotenstatistiken wird so getan, als seien diese Formate vom Zuschauer gewünscht und daher erfolgreich. Die Jungen und ein selbstbestimmtes erwachsenes Publikum haben sich längst vom traditionellen Fernsehen abgewandt und nutzen Onlineangebote, die ihren Zuschauer ernst nehmen und ein Programm bieten, das zeitgemäß ist: glaubwürdig, komplex, überraschend. Netflix hat mit „House of Cards“ und „Orange ist the new Black“ mitreißendes Fernsehen geschaffen. Wenn sie deutsches Programm auf gleichem Niveau ermöglichen, könnte das der Weckruf werden, den die deutsche Fernsehlandschaft braucht.

Eva-Maria Fahrmüller, 47, ist Leiterin der Master School Drehbuch in Berlin

Das deutsche Fernsehen ist besser als sein Ruf, hinkt im Serienbereich jedoch hinterher – vor allem, wenn man es mit Formaten skandinavischer oder amerikanischer Machart vergleicht. Allerdings entwickeln deutsche Drehbuchautoren auch Serien mit gesellschaftlich relevanten Inhalten, horizontalen Strängen und ambivalenten Figuren. Macher und Finanziers sind immer auf der Suche nach modernen Konzepten. Durch den Netflix-Start erhöht sich der Druck auf die traditionellen Sender. Die Konkurrenz aus dem Netz wird das Serien-Geschäft beleben. Doch TV-Sender sind große Tanker, und der deutsche Markt ist weitgehend konventionell. Zudem startet Netflix vorsichtig, beobachtet den deutschen Markt und produziert in Deutschland keine eigenen Sendungen. Das spricht dafür, dass sich die Veränderung nur langsam und in kleinen Schritten vollziehen wird.

Tom Wlaschiha, 41, ist Schauspieler, spielt in der TV-Serie „Game of Thrones“

Das deutsche Fernsehen kann nicht mit einem international vermarktbaren Produkt in den Wettbewerb treten. Aber es könnte endlich gezwungen werden, sich mehr auf seine Stärken zu besinnen – Geschichten zu erzählen aus unserer Lebenswirklichkeit auf eine Art und Weise, die das Publikum unterhalten und intellektuell fordern. Es muss das Spiel zu seinem eigenen machen, es hat Heimvorteil und achtzig Millionen zahlende potenzielle Zuschauer. Jetzt heißt es hin und wieder angreifen, mutig sein und sich nicht permanent ängstlich hinten reinstellen, neue Wege und Formate ausprobieren statt Ideen kopieren und Erfolg berechnen zu wollen. Vor allem aber geht es um einen Mentalitätswechsel. Man muss mit neuen Ansätzen scheitern dürfen. Das ist Teil des kreativen Prozesses. Ich bin verhalten optimistisch.

Die sonntaz-Frage wird vorab online gestellt.

Immer ab Dienstagmittag. Wir wählen eine interessante Antwort aus und drucken sie dann in der sonntaz. www.taz.de/streitoderwww.facebook.com/taz.kommune

Jens Crueger, 30, ist taz-Leser und hat die Frage per E-Mail kommentiert

Netflix gibt einen Vorgeschmack auf die Zukunft des Fernsehens. Wir Konsumenten sind mittlerweile gewohnt, dass in der Onlinewelt unsere Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen. Algorithmen beliefern uns mit personalisierten Inhalten, geben das Gefühl, alles drehe sich nur um uns. Das Fernsehen der Zukunft wird genau das bieten. Also alles gut? Bislang haben Quoten große Macht. In Zukunft werden es Algorithmen sein. Als aufgeklärte Zuschauer sollten wir eines bleiben: mündig und kritisch bei unserem Fernsehkonsum!