DIE ACHSE DER LANGSAMEN VON ANDREAS SCHNELL

Landschaft

Earth: „Angels Of Darkness Demons Of Light I“ (Southern Lord/Soulfood)

Die Idee war einfach, aber gut: Anstatt Rockmusik weiter zu beschleunigen, ließe sie sich ja auch verlangsamen. Die britische Proto-Metal-Band Black Sabbath wurde mit dieser Idee legendär. Bands wie Saint Vitus und Candlemass machten später daraus ein Prinzip, für die Ergebnisse bürgerte sich der Begriff Doom-Rock ein. Doom-Metal-Fan und Kurt-Cobain-Kumpel Dylan Carlson nannte seine Band Earth, wie der ursprüngliche Name von Black Sabbath, und reizte das Prinzip weiter aus. Hervorgegangen aus der aufkeimenden Grunge-Szene, landeten Earth – wie viele andere Bands aus Seattle – auf Sub Pop Records, wo sie musikalisch ganz und gar nicht hinpassten. Zu radikal ihr schleppender Rock, der die Blaupause des sogenannten Drone-Metal für Bands wie Sunn O))) oder Boris lieferte. Nach mehrjähriger Pause kehrten Earth vor fünf Jahren mit einem neuen Sound zurück: Wo früher verzerrte Drones regierten, gab es nun Spielweisen, die eigentlich eher Country als Metal waren. Gitarren wie in einem Spaghetti-Western ragten majestätisch auf, eine Steelguitar weinte leise. An dieser Musik arbeiten Earth seither, haben sie mittlerweile auf eine Weise perfektioniert, die schwer zu übertreffen ist. Weshalb sie nun in die Breite gehen. Das gerade erschienene Album „Angels Of Darkness Demons Of Light I“ ist als die erste Hälfte des neuen Albums angelegt. Fortsetzung folgt.

Stadt
Bohren & Der Club Of Gore: „Beileid“ (PIAS/Rough Trade)

Wie Earth vom Heavy Metal kommend, arbeiten Bohren & der Club Of Gore aus Mülheim an der Ruhr stilistisch verwandt, beziehen sich aber eher auf Jazz als auf Country. Mit ihrer extrem entschleunigten, instrumentalen Musik, die sie mit der regennassen nächtlichen Tristesse ihrer Heimatstadt illustrierten, machten sie international von sich reden. Mike Patton, einst bekannt geworden als Sänger der Crossover-Helden Faith No More, wurde auf die Band aufmerksam und nahm sie für sein Label Ipecac unter Vertrag. Wobei er an Bohren wohl nicht nur die Musik zu schätzen weiß, sondern auch einen gelegentlich etwas hinterfotzigen Humor mit ihnen teilt, der sich unter anderem in einer Hassliebe zu Heavy Metal äußert. So ist es konsequent, dass Patton auf der neuen EP von Bohren auch singt. Und zwar bei deren Aufnahme eines Songs der deutschen Heavy-Metal-Band Warlock. Die waren in den 80ern unter anderem wegen ihrer Sängerin Doro Pesch bekannt, einst Postergirl für pubertierende Metal-Fans und bis heute im Geschäft. Patton und Bohren überdehnen „Catch My Heart“, schon im Original ein ziemlicher Schmachtfetzen, genüsslich – in 13 Minuten und einem Tempo, das mit schleppend nur annähernd umschrieben wäre.

Mensch
The Mount Fuji Doomjazz Corporation: „Anthropomorphic“ (Denovali)

Eher neu im Kreis der radikalen Verlangsamer ist die Mount Fuji Doomjazz Corporation, ein Ableger des international besetzten Kilimanjaro Darkjazz Ensemble. Zur vollen Stunde fehlen dem einen Stück ihres neuen Albums „Anthropomorphic“ nur wenige Sekunden. Das schleicht so zeitlupig voran, dass es statt eines Beats allerhöchstens eine Art Puls hat. Aber das hat seine konzeptuellen Gründe. Wie im Titel angedeutet, geht es um das menschliche Wachstum als musikalisches Prinzip, ein Prozess, dessen Geschwindigkeit unsichtbar ist. Dieser Idee des Organischen entspricht das Verfahren: Die Musik auf diesem Album wurde bei Konzerten in Utrecht, Wroclaw und Moskau improvisiert und aufgezeichnet und erhält durch Zusammenlegung im Studio ihre Struktur. Dabei morphen die Einzelteile eher ineinander, als dass sie voneinander abgrenzbar wären. Was dieses Ensemble von Bohren oder Earth unterscheidet, ist, dass von Rockmusik selbst im weiteren Sinne höchstens noch Spuren enthalten sind. Aber die Grenzen zwischen Rock und Ambient sind ohnehin längst verwischt, gleich denen von Improvisation und Komposition – wenn es sie je gab.