„Knut setzt bei allen Hormone frei“

HEINER KLÖS

INTERVIEW PLUTONIA PLARRE
UND CLAUDIUS PRÖSSER

taz: Herr Klös, Knut ist überall. Im U-Bahn-Fernsehen, auf der Vanity Fair. Hier im Zoo drängen sich die Massen. Geht Ihnen der Trubel auf die Nerven?

Heiner Klös: Knut hat eine Eigendynamik erreicht, mit der keiner gerechnet hat. Als Zoologen und Veterinäre wollten wir ursprünglich nur einen kleinen Eisbären großziehen, das haben wir auch geschafft. Dass Knut ein solcher Publikumserfolg wird, hat keiner gedacht.

Gestresst?

Nein. Man gewöhnt sich ja an vieles. Es wird auch schon wieder etwas ruhiger.

Die Bild hat Fotos von einem krebskranken Mädchen veröffentlicht, das Knut streicheln durfte. Dürfen alle schwerkranken Kinder ins Gehege?

Nein. Es gab eine Anfrage, die die Direktion genehmigt hat. Wir waren mit dem Mädchen in einen mittleren Bereich, der Rückzugsbereich von Knut und seinem Pfleger ist und bleibt tabu. Das Abdrucken von Fotos war nicht vereinbart und wirft für mich Fragen nach der Ethik im Journalismus auf. Man hätte wenigstens das Einverständnis der Menschen einholen müssen.

Ist der Zoo in Vermarktungsdingen möglicherweise noch ein wenig naiv?

Unser Hauptgeschäft ist es, Tiere zu halten, zu züchten und zu zeigen. Das bedeutet auch, Öffentlichkeitsarbeit im Sinne der Tiere zu betreiben. Deshalb haben wir den Bundesumweltminister als Paten für Knut ausgesucht und nicht eines der größeren Geldangebote angenommen, die aus der Industrie kamen. Aus dem, was sich hier entwickelt hat, lernen wir natürlich. Und es ist ja eine geniale Werbung. Bisher gab es noch keine Präsentation eines Jungtiers in einem Zoologischen Garten, die von zehn nationalen und internationalen Sendern per Satellit live übertragen wurde.

Ist das die künftige Marketingstrategie des Zoos: die gezielte Nutzung der Popularität von Tierbabys?

Ich bin Zoologe, kein Marketingfachmann. Aber unsere Kernaufgabe, die Haltung von Tieren, kostet viel Geld. Wenn Geld auf diese Weise eingenommen wird und wir Gehege schneller modernisieren können, freut es auch uns Zoologen, ganz klar. Aber wir als Zoo Berlin werden auch in Zukunft nicht unsere Jungtiere prostituieren.

Einen Rummel wie um Knut gab es noch nie, oder?

Der jetzige Rummel ist sicher ein Quantensprung. Aber großes Interesse an einzelnen Tieren gab es auch schon früher. Man muss diesen Rummel im Verhältnis zur jeweiligen Zeit sehen. Ich kann mich noch an die Geburt von Sonja erinnern, Knuts Vorgängerin sozusagen. Auch dieses Jungtier war damals, Ende der 60er-Jahre, ein Ereignis in Westberlin, die Berliner kamen in Scharen. Aber damals gab es nur drei Fernsehsender.

Können Sie die Begeisterung für Knut eigentlich nachvollziehen?

Für mich als Zoologen ist Knut ein Tierkind unter anderen. Natürlich ist es schön, wenn man einen Eisbären nachzüchten kann. Noch mehr hätten wir uns natürlich gefreut, wenn Tosca, Knuts Mutter, das Jungtier selbst versorgt hätte. Aber wir sind optimistisch, dass sie es noch lernen wird. Um Knut und seinen Bruder, der später gestorben ist, hat sie sich immerhin fünf Stunden lang gekümmert. Bei vorangegangenen Würfen hatte es gar nicht funktioniert.

Wie lange bleibt Knut so niedlich?

Das ist schwer zu sagen. Jetzt kommt der Kindcheneffekt noch voll zur Geltung. Der setzt Hormone frei, selbst bei uns Zoologen. Er hat noch ein rundes Gesicht, nicht die typische Bärenschnauze, er ist weiß, er hat große, schwarze Augen. Weiß ist ja auch die Farbe der Unschuld und des Friedens. Der CNN-Reporter sagte mir: Sonst muss ich über den Irakkrieg berichten, heute mache ich eine Story, über die sich alle freuen.

Und wann ist er ausgewachsen?

Er wächst ja ständig. Ein gutes Jahr noch dürfte er als Jungtier gut erkennbar sein, aber seinen Charme wird er ein wenig verlieren. Auch die gemeinsamen Aufenthalte mit seinem Pfleger werden wir nach und nach zurückfahren. Irgendwann können wir es nicht mehr verantworten, dass 70 Kilo Eisbär unseren Pfleger anspringen und versuchen ihn totzuschütteln. Für einen kleinen Eisbären ist das ein absolut normales Verhalten.

Darf Knut denn bleiben?

Die Diskussion ist im Moment etwas müßig. Wir haben hier ein Jungtier, das erstmal so groß werden muss, dass der Kontakt zum Pfleger reduziert werden kann. Was die Zukunft angeht: Wir haben eine Eisbärengruppe im Zoo und eine im Tierpark. Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, dass wir eine dritte Gruppe in dieser Stadt halten.

Müsste man eine dritte schaffen, weil Knut ein Männchen ist?

So ist es.

Eisbären sind doch Einzelgänger.

Richtig. Deshalb ist es auch unproblematisch, dass Knut als Einzeltier aufwächst. Man könnte ihn im Prinzip auch später einzeln halten. Aber eine Anlage muss viele Kriterien erfüllen. Ich frage mich dann, wo ein konventioneller Zoo aufhört und ein Zoo der Stars anfängt. Für einen Star wie Knut eine separate Anlage zu bauen, das kann es nicht sein.

Tierschützer haben im Zusammenhang mit Knut wieder betont, die artgerechte Haltung von Wildtieren sei in Zoos nicht möglich.

Was, bitte, ist denn artgerechte Haltung? Verdeutlichen Sie sich das mal am Menschen: Ist das Leben im Moabiter Hinterhof artgerecht oder das in einer Dahlemer Villa? Ist ein Mindestlohn artgerecht oder ein Chefgehalt der Deutschen Bank? Es gibt nur eine individualgerechte, eine tiergerechte Haltung.

An welchem Leitbild orientiert sich die Tierhaltung im Zoo?

Die Bedürfnisse des Tieres müssen erfüllt werden, das ist das A und O für jeden Zoologen. Ich kenne natürlich die Debatten: Der Eisbär ist doch ein großer Wanderer, heißt es dann, der legt in der Natur viele Kilometer zurück. Das ist richtig. Aber warum macht er das? Doch nur, weil nicht alle fünf Meter eine Robbe liegt und sagt: Friss mich! Vergleichen Sie das mit einer Hauskatze. Die Katze auf dem Bauernhof muss selber Mäuse jagen, die braucht den Auslauf. Die Katze in einer Wohnung hat mit etwas Glück 70 Quadratmeter Auslauf, einen warmen Lehnstuhl und Futter im Napf. Welche Katze ist jetzt besser dran?

1995 haben Sie zusammen mit Eberhard Diepgen die Pandabärin Yan Yan aus Peking geholt.

Ja, das war eine interessante Nuance meines Berufslebens.

Warum?

Weil es sich dabei um ein diplomatisches Tier handelte.

Ein diplomatisches Tier?

So nennen wir Tiere, die nicht über den direkten Kontakt von Zoo zu Zoo zu uns kommen, sondern als Staatsgeschenk oder, wie im Fall von Yan Yan, als Leihgabe einer Regierung. Da bedarf es viel diplomatischen Geschicks.

Hat Ihnen Yan Yans Tod persönlich etwas ausgemacht?

Ja. Die Nachricht hat uns regelrecht den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich war an dem Tag in Sachen Knut unterwegs und hatte wegen Interviews das Handy ausgeschaltet. Als ich ins Büro kam, sagten mir die Kollegen: Such dir mal einen Stuhl. Es war gut, dass sie das gesagt haben. Yan Yan war eine Persönlichkeit, um die wir uns viel gekümmert haben. Wir haben Nachtwachen durchgeführt, wir haben mehrfach eine künstliche Besamung versucht, leider ohne Erfolg.

Bauen Zooleute oft ein persönliches Verhältnis zu einem Tier auf?

Wir versuchen, neutral zu bleiben, denke ich. Aber wir sind auch alle ein bisschen verrückt. Ich kenne keinen, der im Zoo arbeitet und das als Job versteht. Es ist ein Beruf im Sinne von Berufung. Wir sind fasziniert. Fasziniert von der Vielfalt der Schöpfung und der Individualität der Tiere. Emotionale Bindungen entstehen auch, wenn man etwas gemeinsam durchmacht, etwa wenn man ein krankes Tier aufpäppeln muss.

Ihr Vater ist viele Jahre Zoodirektor gewesen. Hat er Ihnen die Begeisterung für Tiere in die Wiege gelegt?

Das war nicht unbedingt geplant. Als ich anfing zu studieren, wollte ich eigentlich etwas anderes machen als Zoo. Aber es ist eben prägend, wenn man auf dem Zoogelände aufwächst. Bis zu meinem 18. Lebensjahr hatte ich mehr tierische als menschliche Gefährten.

Haben Sie mit den Tieren gespielt?

Das wäre der falsche Begriff. Viele stellen sich auch den Beruf des Tierpflegers so vor, dass man ständig mit den Tieren spielt. Das ist leider ein Klischee, das durch Knut etwas aufgewärmt wird. Aber das ist eine riesige Ausnahme. Herr Dörflein, Knuts Pfleger, arbeitet seit 27 Jahren bei uns, jetzt hatte er zum ersten Mal ein Flaschenkind. Ich habe damals in den Heukammern gespielt, ich habe Ställe ausgemistet und mit den Pflegern Futter geschnippelt. Es war vielleicht wie auf einem großen Bauernhof.

Wohnen Sie immer noch im Zoo?

Ja, aber nicht in der Wohnung, in der ich aufgewachsen bin. Unterm Strich lebe ich schon 32 Jahre auf diesem Gelände. Insofern ist der Zoo – zoologisch gesprochen – mein Heim erster Ordnung, und entsprechend verteidige ich ihn auch.

Sie galten ja einmal als Kandidat für den Posten des Zoodirektors. Wollen Sie das irgendwann noch mal werden?

Ich habe keinen Hehl daraus gemacht, dass ich mich um diesen Posten beworben hatte. Ich bin es nicht geworden, aber ich arbeite sehr gut mit dem jetzigen Direktor, Herrn Blaszkiewitz, zusammen.

Wer ist denn der Herrscher im Zoo?

Selbstverständlich der Zoodirektor.

Wir meinten bei den Tieren.

Das kann ich nicht sagen. Aber ganz sicher nicht das Löwenmännchen, wenn Sie darauf hinauswollen.

Warum nicht?

Das sind menschliche Bilder. Was ist denn ein Herrscher? Herrschen kann nur, wer Untertanen hat. Diese Konzepte kann man nicht auf Tiere anwenden.

Welche Tiere beeindrucken Sie am meisten?

In meinem aktuellen Zuständigkeitsbereich sicher die Katzen. Die haben eine Anmut, die stellen etwas dar. Wenn ich in meinem Berufsleben zurückblicke, die Menschenaffen. Als Verhaltensforscher weiß ich, dass man das Verhalten von Mensch und Tier nicht ohne weiteres vergleichen kann. Aber wer in den Menschenaffenkäfig sieht, findet viele Strukturen, die wir von uns kennen.

Und was geht Ihnen so durch den Kopf, wenn Sie die Menschen vor der Scheibe betrachten?

Ich frage mich manchmal, welche Seite des Geheges die bessere ist (lacht).

Unterm Strich lebe ich schon 32 Jahre auf dem Gelände des Zoologischen Gartens. Insofern ist er – zoologisch ausgedrückt – mein Heim erster Ordnung. Und entsprechend verteidige ich ihn auch