Wohnen am historischen Ort

Das „Wohnprojekt Gerthe“ in Bochum hat eine wechselvolle Geschichte: Weil das Gelände mit Industriegiften verseucht ist, wären die Baracken fast abgerissen worden. Dann stellte sich heraus, dass die Genossenschaftler in einem Denkmal wohnen

VON LUTZ DEBUS

Es gibt nicht mehr viele Orte, an denen man noch die Hausbesetzerromantik längst vergangener Tage bewundern kann. In der Bochumer Gewerkenstraße schon: Katzen dösen in der Sonne. Kinder spielen in der Matsche. Die nachträglich erstellten Holzkonstruktionen an manchen Gebäuden kommen zuweilen ohne rechten Winkel aus, sind mit buntem Lackanstrich versehen. Die Nachkommen von Pippi Langstrumpf, so scheint es, leben in einem Gewerbegebiet am nördlichsten Zipfel von Bochum.

Zwischen einem Autohändler und einer Spedition ragen an der Gewerkenstraße hundert Jahre alte Backsteinbauten der längst stillgelegten Zeche Lothringen in den Himmel. Dazwischen sind die länglichen, eingeschossigen Baracken zu sehen, in denen 46 Erwachsene und 15 Kinder wohnen. Die Genossenschaft „Wohnprojekt Gerthe“, in der die Bewohner organisiert sind, bietet hier ihren Genossinnen und Genossen selbst verwalteten Wohnraum.

Frank Stüpers und Erich Buresch sitzen in einer modern eingerichteten Wohnküche in einer der Baracken und erinnern sich an die wechselvolle Geschichte der Siedlung. Die beiden Männer, 48 und 50 Jahre alt, sind von Anfang an dabei und inzwischen geschäftsführende Vorstandsmitglieder der Genossenschaft. Vor knapp 25 Jahren zogen die beiden hier mit 68 anderen Erwachsenen und damals drei Kindern in die Gewerkenstraße ein. Es war die Zeit großer Wohnungsnot. Während andere junge Leute Häuser besetzten, beschritt der Verein „Studentisches Wohnen und Leben“ den Weg der Verhandlungen. Mit Erfolg: Man bekam die alte Industriebrache zugewiesen, setzte sie durch erhebliche Eigenleistungen in Stand. Fast zehn Jahre konnte man es ganz gut in den gedrungenen Häuschen mit den flachen Giebeln aushalten.

Als die Studenten vor 25 Jahren in die Baracken zogen, wussten sie nicht, dass auf dem Gelände früher ein Zwangsarbeitslager war.

Dann stellte eine Hiobsbotschaft alles Erreichte in Frage. Während der Bauarbeiten an einem Fundament begann es, intensiv nach Mottenkugeln zu riechen. Bodenuntersuchungen ergaben, dass das Arreal mit den verschiedensten Industriegiften erheblich verseucht war. Bei der Aufzählung der Gifte lächelt Erich Buresch bitter. „Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, alles, was das Herz begehrt.“ Ein Ersatzwohnraum für so viele Menschen war nicht aufzutreiben. Und auf verschiedene Orte im Stadtgebiet verteilen lassen wollten sich die Genossen des Wohnprojekts auch nicht. Man wollte zusammen bleiben. So blieb letztlich kein anderer Weg, als den Boden bis zu einer Tiefe von 60 Zentimetern auszutauschen, während die Bewohner weiterhin in ihren Häusern lebten. Dies durchzusetzen erschien zunächst fast unmöglich.

Doch da klingelte just zu diesem Zeitpunkt die Obere Denkmalschutzbehörde aus Münster an der Tür des Wohnprojektes. Die Beamten berichteten den erstaunten Bewohnern, dass sie in einem historischen Denkmal wohnten. Die Baracken, so ergaben die Recherchen zweifelsfrei, waren während des Zweiten Weltkrieges für Zwangsarbeiter gebaut worden. Im Stadtgebiet von Bochum gab es zwar etwa 130 solcher Lager, aber die Häuser an der Gewerkenstraße waren so gut erhalten, dass sie als Denkmäler nutzbar gemacht werden konnten. Letztlich bewirkte also die braune Vergangenheit des Geländes, dass die kollektive Wohnform der inzwischen in die Jahre gekommenen Studenten erhalten blieb. Ein Abriss der geschichtsträchtigen Gebäude war kaum mehr durchzusetzen.

Seit Oktober 2004 sind die ehemaligen Instandsetzer der Baracken nun deren Besitzer, und zwar als Genossenschaftler. Das finanzielle Risiko der Baumaßnahmen mussten die Bewohner zu einem Teil selbst übernehmen. Bei der Sanierung des Bodens stellte sich aber heraus, dass die Verschmutzung nicht so weitreichend war wie zunächst angenommen. „Es macht einen Unterschied, ob ich ein Tonne Mutterboden als leicht verunreinigtes Material für 12 Euro abfahren lasse, damit Straßentrassen aufgeschüttet werden können oder ob eine Tonne für 200 Euro in einer Deponie entsorgt werden muss“, rechnet Frank Stüpers vor. Für die Genossenschaftler ist der Wohnraum daher nach wie vor bezahlbar. Mit einer Kaltmiete von 3,60 Euro pro Quadratmeter liegt das „Wohnprojekt Gerthe e.G.“ als Vermieter deutlich unter dem ortsüblichen Mietzins.

Die Geschichte des Geländes ließ die Bewohner aber nicht mehr in Ruhe. Ein ehemaliger Zwangsarbeiter, Wladimir Zidelko aus der Ukraine, besuchte die Häuser in der Gewerkenstraße, erzählte den dort Lebenden von seinem Schicksal. Er musste während des Krieges Bunker auf dem Gelände bauen, so genannte Deckungsgräben, primitive unterirdische Tunnel. Und tatsächlich fand man wenig später dicht unter der Erdoberfläche erhalten gebliebene Stollen.

Der Anblick der noch immer der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Räume wirkt gespenstisch. Lange Tropfsteine hängen von den Betondecken. Bergmannswerkzeug, eine Grubenlampe, ein alter Schuh, Essgeschirr, die stummen Zeugen des Leids der Zwangsarbeit, liegen auf dem nackten Boden, seit über 60 Jahren unberührt.

Manchem Bewohner wurde es etwas mulmig, in einem ehemaligen Zwangsarbeiterlager zu wohnen. Doch statt die Vergangenheit zu verdrängen entschloss man sich im vergangenen Jahr aktiv zu werden. Wieder gründeten die Leute aus der Gewerkenstraße einen Verein, diesmal aber nicht um eigenen Wohnraum zu erhalten, sondern um Raum für die Geschichte zu schaffen. „Bewahren durch Beleben e.V.“ will ein Museum auf dem Gelände erstellen. Aber die Geschichte des Geländes soll nicht nur museal aufgearbeitet werden. Seit einem Jahr bietet der Verein historische Theaterführungen auf dem Gelände an. Die Sozialpädagogin Ria Billmann, die ebenfalls in einer der Baracken wohnt, erklärt den Ansatz so: „Das System eines solchen Lagers kann totes Material allein nicht erlebbar machen.“

Das Theaterstück „Klawdija – der gute Geist“ ist der Versuch, das Geschehene mit Hilfe einer fiktiven Person, die als Geist auftaucht, nicht nur rational sondern auch emotional erfahrbar zu machen. Eine professionelle Schauspielerin erzählt an den Originalschauplätzen von der Entstehungsgeschichte der Zeche, dem Bau des Lagers, des Lebens und Sterbens der Zwangsarbeiter, der Befreiung, später dann der Nutzung der Gebäude für Gastarbeiter. Am Ende wird der Einzug der Studenten, deren Kampf gegen den vergifteten Boden und der Entdeckung der Vergangenheit gezeigt. Aus einem Ort der Barbarei erwuchs ein basisdemokratisch organisiertes Wohnprojekt. Dies, so sagt Ria Billmann, sei doch eine wichtige Quintessenz der Geschichte.

Doch die Leute aus der Gewerkenstraße schauen auch in die Zukunft. Erich Buresch ist vor kurzem Opa geworden. Drei Generationen wohnen also inzwischen in dem ehemaligen studentischen Wohnprojekt.