Umwerten heißt umbauen

Kommunikation ist eine konkrete Sache und fordert kreativen Pragmatismus. Das Künstlerduo Folke Köbberling und Martin Kaltwasser zimmert aus weggeworfenem Material provisorische Unterkünfte und hat ein neues Projekt im Hansaviertel

Sonntagnachmittag im Hansaviertel. Vor dem Wohnhaus in der Altonaer Straße haben sich Anwohner um einen Bauwagen versammelt. Drinnen gibt es Kaffee und Kuchen, ein altes Sofa steht in der Ecke, eine Bank und Stühle, alte Spanplatten sind auf den Boden geschraubt, die Decke ist kunstvoll mit Holzresten verkleidet. Tassengeklapper, Gemurmel, Kinder schwirren herum. Gefeiert wird die Eröffnung eines neuen Gemeinschaftsraumes, eines Projekts des Berliner Künstlerduos Martin Kaltwasser und Folke Köbberling.

Als Teilnehmer der im Mai eröffnenden Ausstellung zum 50. Geburtstag der „Interbau“ – also der Internationalen Bauausstellung, auf der 1957 konkrete Pläne zum Wiederaufbau des fast vollständig zerstörten Hansaviertels gesammelt und ausgestellt wurden – wollen sie darauf aufmerksam machen, dass die einst in die Häuser integrierten Gemeinschaftsräume von niemandem genutzt werden. Gute Idee, finden die Anwesenden. Im Viertel sind die beiden seit ihrer Sperrmüllaktion im letzten Herbst bekannt. Damals hatten sie die Nachbarn gebeten, ihr Kellergerümpel zum Tausch anzubieten. Einen Vormittag lang wechselten Stühle, Regale und Bretter die Besitzer. Was übrigblieb, verbauten die Künstler im Bauwagen, den sie nun, in einer Versuchsphase, im Hansaviertel an wechselnden Plätzen aufstellen und allen zur Verfügung stellen. Als Treffpunkt. Das Unfertige, sagen Köbberling, 37, und Kaltwasser, 42, sei der perfekte Zustand. Deshalb fühlen sie sich so wohl in Berlin mit seinen vielen undefinierten Orten.

Dennoch sehen sie auch hier eine Entwicklung, die sich von ihrem Ideal immer weiter entfernt. „Eine Stadt, die Migration als Qualität betrachtet“, wünscht sich Martin Kaltwasser, „eine, in der die Leute mitwirken können und kein Privatunternehmer seine eigenen Gesetze schafft.“

Um ihre Kritik an der Wegwerfgesellschaft unter die Leute zu bringen, errichten sie seit einiger Zeit Häuser aus Abfallprodukten und führen nach dem Motto „Was ein Stuhl kann, kann auch ein Dachstuhl“ das Secondhandprinzip auf der Ebene des Hausbaus fort. Mit kindlicher Entdeckungsfreude und geschultem Spürsinn durchforstet Folke Köbberling, die in Kanada und Kassel Kunst studierte und schon als Kind auf Flohmärkten umherzog, städtische Müllhalden, Wertstofflager und Baucontainer nach wiederverwendbaren Bauteilen. Martin Kaltwasser, der in Berlin ein Architekturstudium abschloss, ermöglicht den gefundenen Fenstern, Türen und Dielenbrettern ein zweites Leben.

Begonnen hat alles im Sommer 2004. Nach dem Vorbild der Istanbuler Gecekondus, jenen „über Nacht gebauten“ Häusern, die, sobald sie ein Dach haben, nach osmanischem Recht nicht mehr abgerissen werden dürfen, bauten sie vor den Hochhäusern der Gropiusstadt ein kleines Haus. Obwohl der nächtliche Baulärm die Polizei auf den Plan rief – die Anwohner hatten befürchtet, Neonazis würden ein Denkmal errichten –, wurde die Aktion zum Erfolg. Eine Woche wohnten sie dort mit ihren Kindern und empfingen die Anwohner zum Kaffeekränzchen. Im Herbst 2005 rückten sie mit diesem Prinzip nach Mitte vor und stellten dem Martin-Gropius-Bau eine Einfamilienhausattrappe auf den Parkplatz. Die Form imitierte exakt die Maße des Musterhauses, das die Telekom in der Leipziger Straße aufgestellt hatte, um ihren Kunden die Vorteile der Kommunikationstechnik zu erläutern. Der High-Tech-Low-Tech-Kontrast konnte größer nicht sein.

Dann ging es weiter. Eine Haltestelle in Kreuzberg, ein Pavillon am Rheinufer in Köln, die Kinostadt in München – temporäre Häuser aus Umsonstmaterialien sind längst zum Markenzeichen von Köbberling und Kaltwasser geworden. Und das nicht nur, weil sie als unperfekte ästhetische Objekte im städtischen Raum für Verwirrung sorgen. Sie dienen als ideale Projektionsfläche für die Themen des Kunstbetriebs und letztlich der Gesellschaft. Dabei geht es ihnen nicht nur ums Produkt, sondern vielmehr um den Prozess, wie sie in ihrem Buch „Ressource Stadt. One Man’s Trash is Another Man’s Treasure“ ausführlich erklären. Im Gegensatz zum Bauarbeiter, der hinter dem Bauzaun stumm etwa seine Ziegel stapelt, fordern Köbberling und Kaltwasser zum Gespräch heraus.

Das beginnt bei der Materialbeschaffung und endet beim Verteilen der Baustoffe, wenn die Kunst wieder abgerissen werden muss. Dass die Reaktionen von großer Begeisterung bis zu Beschimpfungen reichen, daran sind sie gewöhnt. Zählen sie sich doch zur Schar jener Künstler, die den städtischen Raum als Experimentierfeld begreifen. Eigentlich wäre es nur konsequent, würden sie selbst dauerhaft in einem Haus aus Recyclingmaterial wohnen. An diesem Punkt allerdings erweist sich die Kunst als unvereinbar mit den realen Ansprüchen der Wohlstandsgesellschaft und die Eigentumswohnung im Hansaviertel als bessere Alternative zum Überwintern in einem Haus aus Brettern. Aber vielleicht finden sie auch darauf demnächst eine künstlerische Antwort.

Jetzt erklären sie erst mal den Zürchern, dass das, was auf dem Müll landet, noch längst kein Abfall ist. In der Shedhalle Zürich haben die beiden ein Baustoffzentrum eingerichtet und 18 Regale mit benutzten Fenstern, Brettern und Dachbalken gefüllt sowie nach Ästhetik, Nutzen, Herkunft sortiert. So wie im Baumarkt. „Absolut gebrauchstaugliche Ware landet dort beim Reststoffverwerter“, sagt Folke Köbberling. „Nur weil die Häuser nicht mehr dem Wohnstandard entsprechen, werden sie einfach abgerissen.“ Im Herbst wollen sie das Lager auflösen und einen Ausstellungsraum bauen.