SUSANNE LANG über DIE ANDEREN

Knut, wir müssen reden!

Alle wollen Knut, den knuddeligsten Hauptstadtbären aller Zeiten im knuddeligsten Deutschland aller Zeiten. Aber sonst geht’s gut?

Neulich hatte ich einen Traum. Ich träumte von dem Comeback einer Weltstadt. Warum ich das träumte, weiß ich nicht so genau. Was man halt so träumt. Ich blätterte also so in den Seiten meines Traums herum, und als doch nur wieder Guido Westerwelle als Starprotagonist auftauchte, wachte ich missmutig auf. So ein dummer Traum aber auch, dachte ich und beschloss, mich lieber auf die Realität zu konzentrieren und meinen Aufgaben als Hauptstadtbürgerin nachzukommen. Bevor ich am Brandenburger Tor eine Bratwurst auf Europa aß, besuchte ich Knut, der im Berliner Zoo seine erste Audienz abhielt.

„Hallo, du bist also Knut“, sagte ich, als ich vor dem Gehege namens „Bärenfelsen“ stand, umringt von vielen Kindern, die piepsten und kreischten, und sehr vielen Übertragungswagen, die live ihre Bilder per Satellit in alle Welt verschickten. Knut tapste zu einem der Felsen, die mit dreckig grünem Moos bewachsen waren. „Knut ist schon ganz neugierig auf Sie alle“, sagte eine Stimme aus dem Lautsprecher, die zu einem dicken, freundlichen Mann gehörte: dem Zoodirektor höchstpersönlich.

Knut tapste an den Rand des Felsenhangs, das Pfötchen tastete in die Luft, dann kehrte er um. Ah wie schön, dachte ich, er hat mir zugewunken! Leider hatte ich keine Kamera mit, aber zum Glück gab es ja die vielen, vielen Fotografen, die die magischen Momente für die Ewigkeit festhielten. Ich winkte zurück. Gottchen, was ist er aber auch für ein süßes Kerlchen, dieser knuddelige weiße Traum von einem Eisbärenbaby!

Dreieinhalb Monate ist Knut jetzt schon alt – ein riesiges Wunder, schließlich sollte er zuletzt angeblich eingeschläfert werden, hatte einen Fieberschock überlebt und eigentlich ja grundsätzlich gar keine Lebenschance gehabt, das arme Kerlchen, da ihn seine Eisbärenmami verstoßen hat und er von einem Zoowärter mit Flasche und viel Liebe aufgepäppelt werden musste.

Knut wusste das alles noch nicht. Ob er es verkraften wird, später einmal, wenn er von seiner Familie erfährt? Ob das frühkindliche Trauma in Zwangsneurosen umschlagen wird? Im Augenblick jedenfalls sah er glücklich aus, hoppelte treu hinter den grünen, kniehohen Gummistiefeln seines Pflegepapas hinterher, schleckte ab und an an dessen Fingern und – da! wie süß! – gab ihm einen Kuss auf die Nase! „Wir wollen Knut! Wir wollen Knut!“, schrie ein Kinderfanchor neben mir. Der Grund stand auf ihren T-Shirts, die ein großer privater Fernsehsender gespendet hatte: Er sei einfach „Zum Knutschen!“

Ich war ein wenig eifersüchtig, schließlich hätte auch ich gerne meine Ehrerbietung modisch nach außen getragen. Immerhin blieb mir einer der kleinen, süßen Knuddelstoff-Knuts, die im Shop des Zoos verkauft werden (der Erlös geht selbstverständlich an eine gute Sache, welche genau, habe ich vergessen). Ob Knut auf Männer fixiert bleibt? Ob er seine Raubtiergene entdeckt? Momentan jedenfalls macht er alle Welt glücklich. Sogar die New York Times habe über ihn berichtet, wie man so hört. Ein kleiner, süßer Eisbär. Ein Konsensbär. Ein Imagebär, wie extra geschaffen für diese Hauptstadt eines Deutschlands, das sich in seiner weltoffenen Provinzialität nur mehr und am liebsten von Freunden knuddeln lässt. Meinen Stoffknut im Arm winkte ich unermüdlich und stolz weiter.

Bis sich plötzlich ein Riese in beiger Jacke und grauer Anzughose zwischen mich und Knut stellte. „Mann, geh aus dem Bild, Gabriel, immer das Gleiche“, motzte eine Stimme neben mir. Sie gehörte einem Kameramann, der scheinbar bereits öfter Erfahrungen mit diesem Mann im Gehege gemacht hatte. „Wir nutzen den Bären, um auf die Folgen des Klimawandels aufmerksam zu machen“, sagte jener Mann. „Knut ist bekannter als die meisten anderen Gesichter, und wie jedem anderen Showstar auch zahlen wir selbstverständlich eine Gage.“ Dann versuchte der Mann den süßen Knut zu kraulen.

Mich überkam eine unangenehme Ahnung. Schon wieder der Bundesumweltminister, Sigmar Gabriel, als Starprotagonist – war ich denn überhaupt aufgewacht?! Verstört machte ich mich auf den Nachhauseweg und tröstete mich mit Konrad Lorenz, dem großen Verhaltensforscher.

Knut knuddeln? kolumne@taz.de Morgen: Dieter Baumann geht LAUFEN