Zwei Bäume, hunderttausend Bienen

ZEIDLEREI Die uralte Imkereitradition der Waldbienenhaltung kommt der natürlichen Lebensweise der Bienen nahe – im Schlosspark Freudenberg bei Wiesbaden wird sie nun wieder lebendig

VON SIBYLLE MÜHLKE

Honigbienen, deren Haltung den Demeter-Grundsätzen folgt, haben wohlmöglich ein noch schöneres Leben als ihre Artgenossen. In jedem Fall aber eines, das ihren ursprünglichen Verhaltensweisen eher entspricht. „Wesensgemäß“ ist das Schlüsselwort. Im Frühsommer etwa, wenn die Populationsdichte zu groß geworden ist, dürfen Demeter-Bienen schwärmen und neue Völker bilden.

Die Zeidlerei hält Bienen nicht in Kästen, sondern in Höhlungen lebender Bäume

Die Königinnen können sich im Stock frei bewegen. Beides wird in der konventionellen Imkerei meist verhindert, weil die Honigausbeute dadurch geringer und ein wenig komplizierter wird. Ihre Waben bauen die Bienen dann nach eigenem Bauplan, ohne vorgefertigte Mittelwände. Als Lohn für die Mühen dürfen sie einen Teil ihres Honigs als Wintervorrat behalten.

Der Mann, der diese Regeln für bienengerechtes Imkern – zusammen mit einigen Kollegen – entwickelt hat, heißt Robert Friedrich. Vor 30 Jahren fing er mit der Imkerei in einem Hinterhof an, inzwischen hat er rund 100 Völker an verschiedenen Standorten. Einige seiner Völker befinden sich im Schlosspark Freudenberg, nur wenige Autominuten von der Wiesbadener Innenstadt entfernt.

Der Ort ist ein besonderer: Seit Anfang der neunziger Jahre werden Park und Schlösschen zu einem von Steiner’schem und Beuys’schem Denken inspirierten Kunst- und Erlebnisort umgestaltet. Doch Schloss und Garten sind keine triste Baustelle, sondern ein lebendiger sozialer Ort. Robert Friedrich versucht hier Bienen und Menschen einander näher zu bringen. Seine Tiere umsummen die Besucher des Schlosscafés, es gibt Bienenkurse und die Möglichkeit zum Honigschleudern oder Kerzenziehen. In diesem Jahr unternimmt er etwas Neues – oder etwas ganz Altes, je nach Sichtweise: Mit zwei Völkern will er die Waldbienenhaltung erproben, die Zeidlerei. Dabei werden Bienen nicht in Körben oder Kästen gehalten, sondern in Höhlungen lebender Bäume. Diese Form der Bienenhaltung hat bei uns eine lange Geschichte: Der früheste Beleg für Zeidlerei stammt aus dem 8. Jahrhundert, bis vor etwa 150 Jahren wurde sie noch praktiziert. Besonders in der Gegend rund um Nürnberg war die Zeidlerei verbreitet. Sie bescherte der Stadt Süßes im Überfluss und die Erfindung des Nürnberger Lebkuchens.

Mit seinem Zeidlereiprojekt im Freudenberger Schlosspark erfüllt sich Robert Friedrich einen lang gehegten Herzenswunsch. Nachgedacht hat er darüber schon vor zwanzig Jahren. „Nun habe ich endlich Kapazitäten, das umzusetzen.“ Sein Auszubildender hat eine Kiefer und eine Edelkastanie für die Bienen vorbereitet. Ins Innere des Stammes wurde eine etwa 40 Liter fassende Höhlung gehauen, ein hoher Schlitz dient als Verbindung nach draußen. Ein gesunder Baum kann das verkraften, weil die wichtigen Leitungsbahnen nicht im Kern des Stamms, sondern im äußeren Bereich verlaufen. Zusätzlich wurden die Bäume intensiv gepflegt, um sie zu stärken. Friedrich wartet jetzt darauf, dass seine Völker schwärmen, etwa Ende April wird das passieren. Der Schwarm – die Abspaltung eines zu groß gewordenen Volks – wird dann eingefangen und, wenn alles glatt geht, in der Baumhöhle einlogiert. Was dort zu tun ist, wissen sie.

„Die Bienen machen sich als Erstes daran, die Baumhöhle mit Propolis auszukleiden. Bei der Kiefer nutzen sie auch Baumharz dazu“, prognostiziert Friedrich. Aber was wirklich auf ihn zukommt, weiß der Imker noch nicht. „Wir müssen alles neu lernen. Das ist ein Abenteuer!“ Der Imker denkt auch an die Parkbesucher. Die sollen den Baumbienen zusehen. Dafür sorgen Guckfenster, und natürlich Podeste. Denn die Bienen leben am liebsten in rund drei Metern Höhe.