Verspielter Exorzismus

Das surrealistisch verästelte Werk der amerikanischen Malerin Georganne Deen ist bislang in Europa kaum wahrgenommen worden. Jetzt zeigt die Düsseldorfer Galerie van Horn einige neuere Arbeiten

Seit annähernd drei Jahrzehnten malt sich Georganne Deen die Seele aus dem Leib. Bunt, verführerisch, obszön, phantasievoll und verspielt, mal poetisch und mal bitterböse erzählen die betörenden Gemälde von einer allzu bekannten und doch fremden Welt. Sie sind sichbar in der US-amerikanischen Populärkultur des späteren 20. Jahrhunderts verwurzelt. In den Bildern, die jetzt in der Düsseldorfer Galerie Van Horn zu sehen sind, tauchen all die verträumten Gestalten auf, die die Phantasie und das Tagebuch wohl jedes heranwachsenden Mädchens irgendwann bevölkern: Hier tummeln sich hybride Mischwesen in phantastischen Landschaften, Harpyen und andere Vogelfrauen mit Riesenohren und hängenden Nasen, nackte Brüste, lebendige Bäume, dazu Stöckelschuh und Fledermaus.

Geschriebene Worte und ganze Textfragmente wechseln ab mit ornamentalen Verzierungen. Immer steht die surrealistische Spontaneität in spannungsvollem Verhältnis zur altmeisterlichen Sorgfalt der Malerei. Sympathisch und bedrohlich zugleich erzählen die Bilder auch von verlorener Liebe, sexueller Erregung und den Fetischen der Konsumgesellschaft. Als ornamentale Rahmen lässt die Künstlerin in der Ausstellung „The devil‘s daughter“ die Schnörkel und Muster der Bilder teils auf der Wand weiterlaufen. Aufs Schönste werden hier die Dämonen ausgetrieben.

Kurz nachdem die 1951 in Fort Worth/Texas geborene und aufgewachsene Künstlerin Georganne Deen 1980 von New York nach Los Angeles ging, um an der Cal Arts Animation zu studieren, geriet sie an eine Gruppe von Künstlern, die eher mit der Pop-, Underground- und Comic-Kultur der amerikanischen Westküste verbunden waren als mit jedweder anderen marktgängigeren Kunstströmung. Die extrem diskurs- und theoriefixierte Ausbildung an der Kunsthochschule, das sah sie recht bald, entsprach nicht ihrem eigenen Kunstwollen, das „viel mehr ein Sezieren der eigenen persönlichen Lebensgeschichte, ein Offenlegen der Schmerzen und Freuden des tatsächlichen Lebens“ sei als die theorie-getriebene künstlerische Auseinandersetzung, wie sie im akademischen Kontext gepflegt werde. So verließ sie die Kunsthochschule bald wieder um sich der Bewegung junger Underground-Künstler anzuschließen, die später als „Low-brow“-Künstler bekannt werden sollten. Die Kunst, die nun entstand, wollte unterhaltend sein, flirtete mit dem Massenpublikum, wollte verführen. Und fragt doch zugleich, was sich hinter dem Schleier der Schönheit verbirgt. Heute sieht sich Deen nicht mehr als Low-brow-Künstlerin, obschon sie nach wie vor mit vielen der Künstler wie etwa Manuel Ocampo oder Raymond Pettibon befreundet ist.

In einer Zeit, in der Emotionalität und Romantizismus in der „Hochkunst“ undenkbar waren, hatte sich die Malerin Georganne Deen für einen Weg entschieden, der ihr als der einzig gangbare schien, das auszudrücken und zu vermitteln, was ihr am Herzen lag: Der Weg über die Narration eröffnet den Zugang zu ihrer Bildwelt auch denjenigen Menschen, die nicht unbedingt im theoretischen Diskurs der Kunst-Society zu Hause sind. Die Unterstützung, die sie und ihre Kunst beinah sofort erfuhren, kam allerdings unerwartet, denn „es war nicht besonders cool damals, das eigene Innere derart offen zu legen“. Und es folgte nicht der Logik des Marktes. Erst in jüngster Zeit tauchen wieder romantische Konzepte zu Kunstproduktion und -rezeption auf.

Längst ist Georganne Deen‘s Kunst an der Schnittstelle von Avantgarde und Subkultur Vorbild für viele junge KünstlerInnen, die sich künstlerisch auf die Suche nach Images, Symbolen, malerischen Zeichen für ihr subjektives Empfinden machen. Denn sich nicht länger hinter der Theorie zu verschanzen, vielmehr die eigene Gefährdetheit in die Waagschale zu werfen, das sei es, was sie zu vermitteln suche. Irgendwann, sagt Georganne Deen in Düsseldorf, sähen die Leute „the benefit of vulnerability“, die Gnade der Verletzlichkeit. Und deren Schönheit.