Die Frau, die ich sein sollte

VON EMINE SEVGI ÖZDAMAR

Welche Gedanken und Empfindungen hat ein Autor beim Blick auf sein erstes Buch, wenn dessen Erscheinen 20, 30 oder sogar 50 Jahre zurückliegt?

An über 125 deutschsprachige Autoren ging die Bitte, ihr Debüt noch einmal zur Hand zu nehmen und aufzuschreiben, was ihnen bei der erneuten Lektüre durch den Kopf geht. Über neunzig von ihnen haben die Idee aufgegriffen, unter ihnen Günter Grass, Martin Walser, Hans Magnus Enzensberger, Peter Rühmkorf, Ilse Aichinger, Alexander Kluge, Emine Sevgi Özdamar, Robert Gernhardt, Elfriede Jelinek, Durs Grünbein und Ingo Schulze.

Sie schildern die Wiederbegegnung mit ihrem Erstling, erinnern sich an ihre Schreibanfänge und erzählen von dem Moment, als sie den Schritt in die Öffentlichkeit wagten. Entstanden ist ein Panorama deutschsprachiger Literatur in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts – eine andere Literaturgeschichte: erzählt von den Autoren selbst.

Renatus Deckert

Ich lebte in den 80ern in einer westdeutschen Stadt, die ich nicht liebte. Dort arbeitete ich nicht mehr am Theater, hatte keine Freunde, sondern nur meinen Freund. Den liebte ich. Er war selten da, weil er in anderen Ländern und Städten arbeitete. Ich liebte seine Wohnung, lebte dort und schrieb an meinem ersten Roman, „Das Leben ist eine Karawanserei, hat zwei Türen, aus einer kam ich rein, aus der anderen ging ich raus“.

Ich hatte an den Wänden des Zimmers, in dem ich anfing zu schreiben, Fotos und Bilder, die mir etwas sagten, die in meinem Herzen spazieren konnten, die mir Kraft gaben, mit Stecknadeln befestigt: Buñuel, Signorelli, alle Selbstporträts von van Gogh, Rembrandt, meinen Vater, meinen Freund, Heinrich Heine, Kavafis, die Beatles, die Kreuzigung Christi, eine Picasso-Frau, die mich an meine schöne Mutter erinnerte, ein Bild eines nackten Mädchens im türkischen Bad, das mir ähnlich sah, Zeitungsausschnitte mit Bildern von türkischen Vätern, deren Söhne schuldlos hingerichtet wurden, der Grünewaldaltar, Albrecht Dürer als Christus, Filmplakate von japanischen Filmen, von Anna Magnani, Silvana Mangano und ein Bild meiner Großmutter, mit einem Kind auf einer Wippe sitzend.

Dort, in diesem Zimmer saß ich am Tisch und schrieb an meinem Roman. Ab und zu schaute ich beim Schreiben durch die Balkontür auf den Hof. Dort sah ich immer die drei Drucker am Fenster ihrer kleinen Druckerei stehen und, Kaffeetassen in der Hand, in meine Richtung schauen. In diesem Hof gab es auch Nonnen. Eine Nonne wusch sonntags immer das Auto des Pfarrers. Der Hof war sehr leise. Manchmal hörte ich die Stimmen der schwarzen Kinder, die mit ihrer Familie bei den Nonnen wohnten. Ich liebte die Menschen auf diesem Hof.

Ich lebte mit diesen Bildern und mit den Menschen im Hof, telefonierte mit meinem Freund und mit meiner Mutter in Istanbul. Seitdem ich in Deutschland lebte, rief ich immer meine Mutter an. Sie war für mich in diesen Jahren zu einer Stimme, zu einer Zunge geworden. Ihr Körper fehlte. Alle Körper fehlten mir in dieser Zeit. Ich war sehr einsam. Draußen rasten die Busse, Autos in einem verrückt gewordenen Rhythmus eines Industrielandes, und ich verlangsamte an meinem Schreibtisch diesen verrückt gewordenen Rhythmus.

Mein Roman fing im Mutterbauch an, Ende der 40er-Jahre in der Türkei, in einem Zug. Das kleine Mädchen im Bauch seiner Mutter fängt an, das Leben zu sehen. Ich suchte in meinem Körper, als ob mein Körper eine antike Stadt wäre, den langsamen Rhythmus aus meiner Kindheit und die Gefühle, die ich für diese wunderbar poetischen Menschen von damals hatte. Ich rief mir durch das Schreiben die Menschen, die ich verloren hatte, meine Toten, ins Gedächtnis zurück, und sie fingen an zu leben. Ihre Körper, die mir fehlten, die mir schon lange fehlten, waren plötzlich da, in den Zimmern in meinem Körper. Unbewusst schützte ich diesen langsamen Kindheitsrhythmus und die Körper meiner Toten, indem ich die Wohnung tagelang nicht verließ. Ich dachte, die Menschen hinter den Fenstern der rasenden Busse würden auf mich schauen und die sich schnell drehenden Räder der Busse würden Schmutzwasser schleudern und meine Toten würden mich plötzlich verlassen.

Ich kaufte nur in den Läden ein, in denen ich die Verkäufer liebte. Eine Koreanerin zum Beispiel, die eine Kinderstimme hatte, oder die deutsche Bäckerin mit dem großen Busen, die mir Kuchen schenkte und von ihrem Liebhaber erzählte. Oder die Metzgerin Carla, deren drei Kinder bei einem Unfall umgekommen waren. In manchen Nächten ging ich mit körperlichen Schmerzen ins Bett. Ich dachte, das kommt daher, dass ich beim Schreiben über meine Kindheit zu viele Gefühle aus meinem Körper, dieser antiken Stadt, ausgegraben hatte. Der Schmerz machte mich glücklich. Ich war dankbar, dass mein Körper all diese Gefühle noch hatte und er sie mir beim Schreiben zurückgab. Die Toten sprachen mit süßen, süßen Wörtern zu mir. Ich war sehr glücklich, sah manchmal die Sterne vom Bett aus und betete zu ihnen, dass sie mich und meine Toten schützen sollten, bis mein Roman zu Ende war.

Eines Tages ging ich in einen Billigladen und kaufte mir für zwei Mark ein Kleid aus Nylon. Ich zog es an, ging zu der deutschen Apothekerin, fragte sie, ob das Kleid mir stehen würde. Sie sagte: „Ja, schön. Aber der Stoff ist ungesund, nehme ich an.“ Zu Hause zog ich das Kleid an und aus. Nachts träumte ich von meinem Freund. Er lief in einer leeren Landschaft mit Frankenstein und Carole Lombard zusammen einen Berg hinunter. Dann verlor ich ihn und bekam Angst. Dann sah ich Frankenstein, er erwürgte Carole Lombard. Dann war mein Freund wieder da. Ich wachte auf und rauchte eine Zigarette.

Am nächsten Morgen kam mein Freund von einer Reise zurück, saß in der Badewanne, rasierte sich, Schaum im Gesicht. Ich erzählte ihm meinen Traum. Er sagte: „Wie du die Wahrheit träumst.“ Ich zog das Nylonkleid an und fragte ihn, ob das Kleid mir steht. Er sagte: „Wie interessant, dass du dir ein solches Kleid gekauft hast.“ In seiner Stimme war ein Wind, der mich rückwärts laufen ließ. Ich verschwand in meinem Zimmer, schaute auf die Fotos, kam zurück, fragte ihn: „Was ist los, was ist los?“ Er sagte nichts, hörte auf, sich zu rasieren, nahm sein Gesicht in seine Hände. Ich sagte wieder: „Was ist los?“ Er erzählte mir, sein Gesicht in seinen Händen, dass er ein Verhältnis habe. Dann weinte er. Ich sagte immer wieder: „Warum hast du mir das erzählt? Ich war doch am Arbeiten. Hattest du kein Mitleid mit mir?“ Er sagte: „Du warst sehr glücklich in deinem Roman. Ich bin der Unglückliche. Du warst nur in deinem Roman. Wo warst du, als ich nach dir suchte?“

Zusammen verließen wir die Wohnung. Auf den Wiesen am Fluss gingen viele Leute spazieren. Wir redeten und redeten, immer die gleichen Sätze. Dann waren wir beide so müde, dass wir ein paar Stunden einfach nur dastanden. Ich konnte nicht mehr schreiben. Ich hatte alle Körper und die süßen Stimmen und Zungen, die mit und aus mir sprachen, verloren. Ich verlor auch meinen Körper. Ich sah auf die Frau, die ich sein sollte, und sah, was sie jetzt tat: Sie riss alle Fotos und Bilder von den Zimmerwänden. Einige Stecknadeln ragten noch aus den Wänden, die anderen lagen auf dem Fußboden verstreut. Der Putz rieselte herab. Die Wände hatten jetzt Löcher, vergilbte Stellen und helle Flächen, wo früher Fotos und Bilder gewesen waren. Sie nahm ihre Romanblätter, schmiss das Nylonkleid in den Mülleimer im Hof und fuhr nach Berlin zu einer deutschen Freundin.

Die Freundin war früher einmal mit einem Ägypter verheiratet gewesen und hatte sich geschworen, nur noch mit arabischen Männern zu schlafen. Ihre ganze Wohnung roch nach arabischem Rosenwasser, ihre langen Gewänder rochen nach Rosenwasser, ihre alte Katze roch nach Rosenwasser. Die Freundin fuhr nach Ägypten, und die Frau, die ich sein sollte, blieb in ihrer Wohnung. Sie sorgte für die alte Katze, die immer in ihrem Bett lag. Die Romanblätter blieben in der Reisetasche. Sie lag im Bett, schaute auf die alte Katze, und die Katze schaute auf sie. Die Kissen rochen nach Rosenwasser, den Rosenwasserduft mochte sie nicht. Sie stieß die Katze von sich, dann entschuldigte sie sich bei der Katze. Einmal legte sie sich unter das Bett. Dort lagen Bücher. Eines davon war ein Gedichtband von Ingeborg Bachmann. Sie schlief in dieser Nacht mit diesem Buch unter dem Bett ein.

Sie rief ihre Mutter in Istanbul an. Ihre Mutter sprach mit einer schwachen Stimme, als ob sie dauernd im Dunkeln sitzen würde. Das machte ihr Angst. Nach dem Gespräch ging sie auf die Straße, ihr war schwindlig. Am Nollendorfplatz sah sie an einem Kiosk türkische Zeitungen hängen. Ihre Muttersprache erschien ihr wie eine fremde Sprache. Die Wörter berührten sie nicht mehr. Auch die deutschen Wörter berührten sie nicht mehr. Der Ort, an dem beide Sprachen ihren Roman geschrieben hatten, war zerstört. Die Toten lebten nicht mehr. Sie bekam noch mehr Angst. In dieser Nacht träumte sie von einem Mann, den sie früher in Istanbul geliebt hatte. Im Traum sagte sie zu ihm, dass die Leute ihre Romane mit dem Mundwinkel erzählen würden, oberflächlich. Er sagte: „Alle erzählen mit dem Mundwinkel.“ Sie fragte: „Was muss man tun, um tiefer zu erzählen?“ Er antwortete: „Lebensunfälle erleben.“

Nach dieser Nacht war die Frau, die ich sein sollte, verschwunden. Ich wachte auf und war wieder ich selbst, und ich sagte mir: „Ich muss etwas tun, damit ich meine Gefühle wiederfinde.“ Ich lernte orientalische Laute spielen. Ich ging zu einem guten Lehrer. Einem armen Zigeuner aus Istanbul. Sein Name bedeutete „Feiertag“. Er liebte meine Stimme, ließ mich in seinem Chor singen. Ich übte jeden Tag neun Stunden lang Laute, sang alte Lieder. Lieder von armenischen, griechischen, jüdischen, türkischen Komponisten aus der ottomanischen Zeit. Die Toten von damals sprachen aus meinem Mund, ihre Gefühle vermischten sich mit den meinen. Mein Freund besuchte mich in Berlin. Vom Rotbuch Verlag kam ein Anruf. Die Lektorin hatte einen meiner Theatertexte, „Karriere einer Putzfrau. Erinnerungen an Deutschland“, gelesen. Sie sagte mir: „Ich bin hingerissen von Ihrem Text. Ich möchte ein Buch von Ihnen herausbringen.“

Ich erinnerte mich an den Tag, als meine Mutter am Telefon mit schwacher Stimme zu mir sprach und ich dann am Nollendorfplatz vor dem Kiosk mit den türkischen Zeitungen stand und meine eigene Muttersprache mir fremd geworden war. Mein Roman „Karawanserei“ hatte einen Lebensunfall erlebt. Er blieb erst mal in der Reisetasche liegen. Ich saß in der Berliner Wohnung mit der alten Katze und fing an, ein neues Buch zu schreiben. Eine türkische Frau in Berlin verliert ihre Muttersprache. Sie weiß nicht, wann und wo. Sie bewegt sich zwischen West- und Ostberlin und sucht den Ort, an dem sie ihre Muttersprache verloren hat. Sie erinnert sich nur an drei Wörter aus ihrer Muttersprache, die sie noch berühren. Zwei der Wörter stammen aus ihren Träumen, „Lebensunfälle“ und „Arbeiter“. Das dritte Wort, „sehen“ (görmek), hatte sie gehört, als sie vor dem Gefängnis in Stammheim auf und ab lief. Zwei türkische Gefangene sprachen laut von Zellenfenster zu Zellenfenster. Einer fragte den anderen: „Hast du sie gesehen?“ Sehen. Von einem Gefängnis aus kann man nur sehen. Fassen, fühlen, fangen, pflücken, das gibt es nicht.

Ich nannte mein Buch „Mutterzunge“. Mit Zunge meinte ich nicht die Sprache, sondern die Zunge im Mund meiner Mutter, ein warmes Körperteil, die Liebesquelle meiner Sprache, meiner Gefühle, meiner Kindheit, meiner Jugend. Als ich das Buch zu Ende schrieb, starb meine Mutter in Istanbul.

EMINE SEVGI ÖZDAMAR, geboren 1946 in Malatya, Türkei, lebt und arbeitet heute in Berlin Özdamars Erzählband „Mutterzunge“ erschien 1990 bei Rotbuch Berlin (119 Seiten, 7,90 Euro). Ihre Berlin-Istanbul-Trilogie mit dem Erfolg „Das Leben ist eine Karawanserei…“ erschien jüngst als Sammelband „Sonne auf halbem Weg“ bei Kiepenheuer & Witsch (1000 Seiten, 22,90 Euro). Unser Text ist ein Vorabdruck aus dem demnächst erscheinenden, von Renatus Deckert herausgegebenen Band „Das erste Buch. Schriftsteller über ihr Debüt“, Suhrkamp, 358 Seiten, 10 Euro