Die Dolmetscher

RANHOLEN Das Netz bringt den Super-GAU ganz nah. Noch näher als das Fernsehen. Warum, wissen André Goerres und Andreas Herten. Die Physiker bloggen über Halbwerts- zeiten, Nachzerfallswärme und die Katastrophe in Fukushima. Und zwar so, dass es jeder versteht

VON FELIX ZIMMERMANN

Man weiß zwar, dass es wichtig ist, was die zwei da machen. Bewundert sie auch insgeheim, würde – gerade als Geisteswissenschaftler – gern mehr von dem verstehen, was sich in Fukushima abspielt. Trotzdem denkt man: Was müssen das für Typen sein, die Physiker sind und dann auch noch ihre Freizeit darauf verwenden, über Themen aus den Untiefen der Physik zu schreiben.

Dann sitzt man André Goerres und Andreas Herten gegenüber – ganz im Stil der virtuellen Welt per Online-Telefondienst Skype – und sieht zwei Mittzwanziger aus Aachen. In modischen Klamotten, mit lässigen Frisuren und klarem Blick. Nerdig ist an denen nichts. Im Gegenteil: Sie wissen, dass ihr Fach Interesse weckt, weil es den Alltag sehr berührt, gerade jetzt, nach der Atomkatastrophe. Fukushima hat die Welt verändert, hat die schwarz-gelbe Bundesregierung zum Schwenk gezwungen, hat Landtagswahlen entschieden, verbreitet Angst, schickt Jod-131-Partikel um die Welt.

  Der Blog: www.physikblog.eu berichtet über Weltraumsonden, das Sonnensystem und das Kernkraftwerk Fukushima. Mit Texten, Formeln und Tabellen wird über die Ereignisse in den Reaktoren und ihre technischen Hintergründe informiert.

  Die Zahlen: Vor der Atomkatastrophe zählte das Physikblog 200 Aufrufe pro Tag. Am Samstag nach dem Tsunami klickten 10.000 Besucher auf die Seite. Seitdem lesen täglich 2.000 Menschen über Spaltungsprozesse, Raketenstarts und Neutronenüberschüsse.

  Die Macher: André Goerres, Jahrgang 1985, und Andreas Herten, Jahrgang 1984, haben Physik an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen studiert. Goerres arbeitet am PEBS-Experiment mit, das 2014 einen Ballon in die Erdatmosphäre entlassen will.

  Die Besten: Die weltweit meistbesuchte Seite, auf der eigene Blogs erstellt werden können, ist www.blogger.com. Auf Platz neun folgt www.twitter.com, auf Platz 21 www.wordpress.com. Die meistbesuchte Webseite überhaupt ist Google – in den USA war 2010 allerdings erstmals Mark Zuckerbergs Netzwerkgigant Facebook führend.

Man will das begreifen, zumindest ein bisschen, und benötigt Hilfe.

Bodenständige Aufklärer

Goerres, 25, und Herten, 26, sind über Fukushima zu Bloggern, Aufklärern, Rechercheuren und Physikübersetzern geworden. Weil sie Spaß daran haben und weil sie finden, dass die Experten, die sich im Fernsehen bemühen, den Aufbau von Kernreaktoren zu erklären, nicht genug Hintergründe liefern. Als André und Andi betreiben sie die Seite physikblog.eu. Wobei „betreiben“ eigentlich nicht trifft, was die beiden machen: Sie beschreiben, erläutern, ziehen Vergleiche, schürfen tief und lassen selbst Leute, die Physik zu Schulzeiten sobald wie möglich abgewählt haben, mit Lust auf ihre Seite blicken.

„Wir wollen Physik auch Laien so schmackhaft machen, dass sie Leute interessiert, die sie eigentlich nicht interessiert“, sagt Herten. Im Prinzip ist das eine sinnvolle Weiterentwicklung dessen, was als Bürgerjournalismus den Ruch des Unprofessionellen, Amateurhaften und Halbgaren hat. Jeder kann die unerschöpflichen Weiten des Internets nutzen, aber nur manchmal kommen dabei echte Perlen heraus. Das Physikblog ist so eine Perle. Weil zwei schreiben, die die Möglichkeiten des Internets als Medium perfekt nutzen. Und dabei Sachkundige sind, fern davon, in abgehobenen Jargon zu verfallen oder mit ihren Kenntnissen abzuschrecken.

2006 haben sie mit dem Blog angefangen, als sie an der Technischen Hochschule in Aachen studierten. Aus einer Laune heraus, von Studenten für Studenten. Um über Amüsantes aus der Physik zu sinnieren oder einfach, „weil uns während der Vorlesungen so einiges durch den Kopf ging“, wie Herten sagt. Dass daraus inzwischen viel mehr geworden ist, ist gleich in doppelter Hinsicht der Zeit geschuldet: Goerres und Herten haben ihr Studium mit dem Diplom abgeschlossen und erleben nach Fukushima ein riesiges Interesse an der Kerntechnik. Sie haben jetzt Zeit für teils mehrtägige und aufwändige Recherchen und sehen viel Potenzial für Erklärtexte. Hatten sie vor der Atomkatastrophe in Japan immer um die 200 Seitenaufrufe am Tag, waren es am Samstag nach dem Tsunami – als Fukushima zum Begriff für den schlimmsten Unfall seit Tschernobyl wurde – 10.000. Das ist so oft wie ein Text der sonntaz an sehr guten Tagen online gelesen wird. Da wussten also viele, dass sie im Physikblog fündig werden könnten. „An dem Tag ging sogar unser Server in die Knie“, sagt Goerres.

Aber ist nicht das Fernsehen voll mit Brennpunkten und Sondersendungen, in denen Experten vor Schaubildern stehen, die das Innere eines Reaktors zeigen? Haben sich in den vergangenen Wochen nicht einige abgemüht, die Kernschmelze zu erklären? Millisievert, Containment und Jod-131 sind zu gängigen Begriffen in den Abendnachrichten geworden.

Goerres und Herten wollen keinen der, nun ja, Kollegen kritisieren, Ranga Yogeshwar im ZDF finden sie sogar richtig gut. Sie sehen aber, dass manches zu kurz kommt: „Vieles in den Medien ist sehr verkürzt, weil die Aufmerksamkeitsspanne nicht so hoch ist“, sagt Goerres. Manches klingt dadurch schnell um einiges schlimmer und endgültiger, als es tatsächlich ist. Und erzeugt Panik.

Die zwei Blogger haben aufgehört, auf Spiegel Online Artikel über Fukushima zu lesen. Sie wollen Fakten, keine vorschnellen Interpretationen. Herten sagt: „Wir sind freier, also machen wir es ausführlicher.“ Ruhiger und gelassener.

Wer sich Zeit nimmt, kann einen sehr langen Bericht zu den Problemen in Fukushima lesen, den sie über mehrere Tage fortgeschrieben haben. Mühsam war das, viel mussten sie recherchieren, obwohl ihnen die Materie nicht fremd ist: Im Nebenfach haben sie „Reaktortechnik und alternative Energietechnik“ studiert. Dann haben sie alles zusammengeschrieben – und dafür die Möglichkeiten genutzt, die das Internet bietet. Sie liefern Berichte in direkt anklickbaren Fußnoten, benennen ihre Quellen, verlinken auf andere Seiten, laden andere Kundige, die ihnen durch kluge Kommentare aufgefallen sind, zum Mitschreiben ein – und finden auch noch eingängige Vergleiche für die komplexen Vorgänge.

Im Artikel über Nachzerfallswärme – jene Energie, die nach dem Abschalten eines Reaktors entsteht und abgeführt werden muss – erfährt man zum Beispiel, dass im Fukushima-Reaktor 1 auch vier Tage nach dem Ausfall der Kühlung noch „ca. 4 MW thermische Leistung entstehen.“ Das entspricht etwa 2.000 Wasserkochern. „Und muss erst mal abtransportiert werden.“

Chemie und Katzenhaar

Ist das Fernsehen nicht voll mit Reportagen über Reaktoren? „Vieles wird dort verkürzt“, sagt Goerres. Im Netz dagegen ist man lange aufmerksam

Schön auch, was ihnen zu Bor eingefallen ist. Von dem chemischen Element war zuletzt so oft die Rede, weil es dem Wasser zugefügt wurde, mit dem die Reaktoren nach dem Zusammenbruch gekühlt werden sollten: „Bor ist ein Neutronengift und nimmt sehr gerne Neutronen aus der Umgebung auf *schlürp*. Man kann es sich wie die Katzenhaarrolle für die Kleidung vorstellen: Die Haare bleiben dran kleben und man fühlt sich wieder gut.“ Ah, endlich verstanden! Goerres sagt, er habe das zu Hause gelernt. Wenn er seiner Mutter etwas Komplexes erklären wollte, habe er nach Vergleichen aus der Welt des Haushalts gesucht. Das half.

Goerres und Herten bedienen sich einer flapsigen Sprache – wenn sie etwa Micro- und Millisievert als „Wumms im Körper (mit Gewichtung der Schadwirkung)“ erklären, zielen sie damit vor allem auf Laien, die mit Fachterminologie fremdeln. Und liefern den Physikfortgeschrittenen oder -profis dennoch die korrekten Formeln, schaffen den Spagat zwischen den Polen ihrer Leserschaft.

Zurzeit geht fast ihre gesamte Freizeit fürs Blog drauf, da bleibt wenig Platz für die anderen Hobbys: Herten ist „überzeugter Pfadfinder“, Goerres beim Technischen Hilfswerk.

Bloggen ist ihr Ding, das könnte noch eine Weile so weitergehen. Oder eben anders werden, wenn sie Jobs gefunden haben. Beide suchen übrigens etwas im Bereich alternative Energien. Womit die Frage beantwortet wäre, die einem bei derartig viel Kernenergiewissen beinahe wie eine verbotene Frage vorkommt: Muss man Atomkraftfreund sein, um so ein Blog zu schreiben? „Nein“, sagen sie beide. Sie wollen nur informieren, Fakten liefern, Auskünfte geben, Begriffe erläutern, Unverständliches verständlich machen und ein wenig unterhalten. Freunde der Atomenergie sind sie nicht.