Der erste revolutionäre Dichter

Zweimal links durch menschenwimmelnde enge Gassen, an der bunten Straße der Huren vorbei, dann rechts in die ruhige Sackgasse, bis man vor einer seltsamen Mauer steht. Es ist das übrig gebliebene Bauwerk des ältesten Friedhofs in Havanna, von dem selbst viele Kubaner denken, das davon gar nichts mehr existiert. Stolz zeigt uns René Caparrós den davor liegenden Gedenkstein für den deutschen Dichter und Journalisten Georg Weerth, den hier mit 34 Jahren die Malaria erwischte.

Weerth, Weerth? Verdammt. Ein paar chemische Reaktionen in meinem Gehirn versuchen sich zu verbinden. Aus dem Dunkel der Erinnerung tauchen aber nicht einmal Fetzen auf. Ich glotze wohl ziemlich dämlich drein, denn die junge Kubanerin mit Che-Shirt muss grinsen, als sie aus dem Haus nebenan kommt. Jetzt blitzt es in meinen neuronalen Synapsen. El Ché, Marx, Engels, Weerth. 19. Jahrhundert. Bingo. Dichter des Vormärz. Lässig teile ich mein Wissen René mit. Klar, ein Kulturjournalist aus Nordrhein-Westfalen muss das wissen, sagt der, schließlich sei Weerth ja auch dort geboren. Peng. Glücklicherweise ist es karibisch-heiß, meine peinliche Verlegenheitsröte im Gesicht fällt nicht auf. Verdammtes Halbwissen. Die Recherche des 34 Jahre kurzen Lebens lohnt sich.

Wildes Leben auf Achse

Weerth Geschichte zieht sich nicht nur durch ganz Südamerika, durch Europa, sondern auch quer durch Nordrhein-Westfalen. Geboren wurde er am 17. Februar 1822 in Detmold. Mit 14 muss er wegen seinem kranken Vater (der liberale Superintendent Ferdinand Weerth) das Gymnasium verlassen und macht eine kaufmännische Lehre in Elberfeld (damals noch nicht Wuppertal). Es zieht ihn aber zur Literatur. 1839 ist er dann stolzer Teil eines vom nur unwesentlich älteren Ferdinand Freiligrath gegründeten Literaten-Kränzchen. Schon nach der Lehre 1940 sucht Weerth nach einer Stelle in Buenos Aires, geht aber nach Köln, ein Jahr später nach Bonn. Ab 1843 schreibt er als Korrespondent für die Kölnische Zeitung aus Bradford in Nordengland. Das verändert sein Leben – er lernt Friedrich Engels kennen, der nebenan in Manchester wohnt.

Die beiden verbringen viel Zeit miteinander. Also reist Weerth nach Brüssel, wo er nun auch Karl Marx kennen lernt. Weerth beschäftigt sich nun eingehender mit der englischen Arbeiterbewegung, schreibt seine ersten „Humoristischen Skizzen“. Weerth leidet zu der Zeit bereits am Reisefieber, und da er ja im Bergischen Land den Kaufmannsjob gelernt hat, vertritt er eine Textilfirma in Frankreich, Belgien und Holland. Doch die Philosophien von Engels und Marx sind mächtig. 1847 tritt er in den „Bund der Kommunisten“ ein und schreibt anonym für die Deutsche Brüsseler Zeitung. Dann kommt der Februar 1848. In Paris ist Revolution.

Weerth reist natürlich hin und ist begeistert: „Die Revolution wird die Gestalt der Erde ändern – und das ist auch nötig“. Die neuen Ideen schwappen umgehend nach Deutschland. Im Mai arbeitet Weerth bereits mit an der Neuen Rheinischen Zeitung, in deren Redaktion neben Marx und Engels auch sein alter Bekannter Freiligrath mitmacht. Weerth ist verantwortlich für das Feuilleton. Nach den „humoristischen Skizzen“ arbeitet Weerth jetzt an einer anderen Fortsetzungsgeschichte, unter dem Titel „Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski“, in der er die Junker verhöhnt und verspottet oder sich im Blatt über die „wichtige“ Arbeit der Frankfurter Nationalversammlung lustig machte. Die Schnapphahnski-Geschichte brachte Weerth einen Prozess ein, bei dem er zu drei Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Fürst Lichnowski, ein Abgeordneter der Nationalversammlung war von Revolutionären als Spion erschossen worden. Weerth soll ihn noch mit Geschichten postmortal verunglimpft haben.

Marx wird aus Deutschland ausgewiesen, die Neue Rheinische Zeitung stellt darauf ihr Erscheinen ein. Die Revolution ist zu Ende, Weerths Arbeit als Journalist auch. Nach dem Knast trifft er 1851 Heinrich Heine in dessen Pariser „Matratzengruft“, ist noch einmal bei Marx und Engels in England und verlässt den Kontinent in Richtung Karibik, weil er dort als Kaufmann eine Agentur übernimmt. Er bereist ganz Mittel- und Südamerika – und eben Kuba. 1855 kehrt er noch einmal nach Europa zurück und besucht Marx in London. Dann erwischt ihn das Tropenfieber in Havanna, wo er eigentlich als Kaufmann schnell reich werden wollte. Aber Georg Weerth stirbt dort am 30. Juli 1856.

Deutschland und Kuba

Doch zurück in die kubanische Gegenwart und zu René Caparrós. Der hat in der ehemaligen DDR studiert, arbeitet am Centro Wifredo Lahm in Havanna als Dolmetscher und ist Mitglied der Cátedra de Humboldt, ein Institut für deutsche Sprache und Kultur an der Universidad de la Habana. Einst war das die Ostberliner Humboldt-Gesellschaft. Sie regte bei der Regierung der Republik Kuba an, an der Espada eine Gedenkstelle dem „ersten und bedeutendsten Dichter des deutschen Proletariats“ (Friedrich Engels), Georg Weerth, zu widmen. Heute legen René und seine ehemaligen Kollegen aus DDR-Studienzeiten jedes Jahr am Todestag einen Kranz nieder. Zum 150. Gedenktag im letzten Jahr hat ein Team Historiker gründliche Nachforschungen durchgeführt um festzustellen, wo sich die Gebeine Georg Weerths befinden. Man stellte fest, dass diese nicht auf dem neuen Friedhof überführt worden waren und sich wohl noch immer im Nischengrab (siehe Foto oben) befinden.

Deutschland und Kuba verbindet mehr, als allgemein bekannt ist. Nicht nur, dass Alexander von Humboldt als einer der Staatsgründer gilt, auch die langjährige Freundschaft zwischen der DDR und Fidel Castros Kuba wirkt noch nach. „Rund 50.000 Kubaner sind heute deutschsprachig und es werden immer mehr“, sagt Iwan Munoz, Chef der Cátedra de Humboldt. Wir sitzen in einem extrem baufälligem Haus direkt neben der Universität. Der deutsche DAAD hat das Gebäude längst verlassen. Munoz hat ein merkwürdiges Problem. Geld sei da, aber eben kein Material und schon gar keine qualifizierten Handwerker, die den Stuck im ehemals prachtvollen Kolonialbau wieder herstellen könnten. Hier bietet man dennoch weiter Sprachkurse an und gibt Zertifikate darüber aus. Seit 1990 muss man dafür mit der Universität in Wien zusammenarbeiten. Das deutsche Goethe-Institut verlangte Gebühren. „Und weil Bildung auf Kuba eben umsonst ist, gab es da keine Einigung“, sagt der kubanische Literaturprofessor. Die Franzosen seien da mit ihrem Sprachprogramm wesentlich kooperativer und verlangten für ihre autorisierten Zertifikate nur einen symbolischen Euro im Jahr.

Das verstreute Werk

Im Grunde genommen ist es still geworden um Georg Weerth. Sein Nachlass ist verstreut. Zum 150. Todesjubiläum 2006 richtete die Lippische Landesbibliothek in Detmold eine Ausstellung aus. „Hätt ich Siebenmeilenstiefel, da wüsste ich, was ich täte!“ hieß sie. Diesen Satz schrieb Weerth am 31. Mai des Jahres 1843 aus Bonn an seine Mutter. In seinem Geburtsort befindet sich der familiäre Nachlass des Dichters. Seine Schriften und Werkmanuskripte wurden 1936 nach Amsterdam verkauft. Preis: 5.000 Mark für zwei Kisten. Der Briefwechsel mit der Devisenstelle ist erhalten. Der Inhalt finden sich bis heute im Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis. Ein weiterer Teil seiner Originale liegen im Moskauer Marx-Engels-Institut. Sie wurden von einem privaten Forscher bereits in den 1920er Jahren gekauft. „Sie sind aber öffentlich zugänglich“, sagt Julia Hiller von Gaertringen, stellvertretende Direktorin der Lippischen Landesbibliothek.

Beides seien aber tote Archive, in denen nichts mehr passierte. In Detmold dagegen werde weiter angekauft, was sich von Weerth fürs Archiv noch so finden ließe. Bei der Gründung 1970 konnte noch ein Gedichtautograph und zwanzig Briefe des ersten sozialistischen Dichters erworben werden. In Detmold liegt auch Weerths Handexemplar der Neuen Rheinischen Zeitung mit seinen handschriftlichen Anmerkungen und einer Nummer, die nicht in den Verkauf kam. Dazu mehr als 400 Briefe zwischen ihm und seinen Eltern und den drei Brüdern – und an seine einzige große Liebe Betty Tendering, eine Cousine zweiten Grades, der er schmachtend quer durch Europa nachreiste, die aber seinen Heiratsantrag abwies. Niedergeschlagen brach Weerth nach den Westindischen Inseln auf, machte noch eine Reise zur Republik Santo Domingo und in das Kaiserreich Haiti, die miteinander Krieg führten. Den Rest kennen wir schon. Malariainfekt. Rückkehr nach Kuba, eine Woche Bewusstlosigkeit, dann ab in die Mauer.

Renés Spezialrundgang durch Alt-Havanna (Motto: Ich zeig euch Insidern Ecken, die ihr alleine nie finden würdet) ging noch weiter. Nächster Stopp, nächster Schock: Ein versteckter Original Bauhaus-Skyscraper mitten in der baufälligen Metrople. Doch das ist eine andere Geschichte.