Kinder mit Kafka-Methoden

THEATER „Ich kann Fliegen zähmen“ der Jungen Akteure ist ein Stück über die Sinnlosigkeit väterlicher Selbstbeschäftigung – und wie Kinder sie konterkarieren können

„Nichts tun! Kannst du das?!“ Wenn Christopher diese Frage seines Sohnes mit „Ja“ beantworten würde, wäre das glatt gelogen. Und als ihn der Nachwuchs kurzerhand in eine Fliege verwandelt, wird die Sache auch nicht einfacher. Zwar behauptet Sohn Beni, „Ich kann Fliegen zähmen, echt wahr!“, womit er dieser Theaterproduktion der Jungen Akteure ihren Titel gibt. Aber dass sein Vater als Insekt mehr Zeit für ihn hätte als zuvor – bis dahin ist es noch ein sehr langer Weg.

Die Autorin Tina Müller hat das Stück eigens für die Moks-Theaterschule geschrieben, die das Stück auf der kleinen Bühne im Theaterkontorhaus Schildstraße zeigt. „Tut mir leid, aber ich muss noch dreimal gegen die Scheibe rumsen und die Wand entlanglaufen“, ruft Fliege Christopher seinem Sohn zu – kein wirklicher Unterschied also zu dem hektischen Schreibmaschinen-Hacker, der er vorher war.

Beni, gespielt von Hale Richter, der hier zum ersten Mal bei einem „Stück mit vorgegebenem Text“ dabei ist, denkt sich alle möglichen Lockmittel und Fliegenfallen aus – damit sein Vater einfach mal neben ihm sitzt und was mit ihm macht. Eine Stubenfliege hat eine Höchstgeschwindigkeit von sechs Stundenkilometern, das erleichtert die Jagd. Allerdings auch nur ein Kurzzeitgedächtnis von 0,7 Sekunden, was die Kommunikation nicht gerade verflüssigt. Jochen Klüßendorf, als ehemaliger Moks-Schauspieler der katalysierende Profi unter den Jugendlichen, fliegt mit Genuss und Karacho gegen stets die gleiche Scheibe. „Seit wann ist hier ein Fenster?“, fragt er seinen Sohn eins ums andere Mal – Klüßendorf ist Spezialist für diese Art von angenervter Craziness.

Der vielfältige Insektenreigen ist Revue und Rollenburleske zugleich

Benis Schwester – dreifach gespielt von Anna-Lena Schwing, Jeanne Lousia Hermel und Paula Leutner – macht derweil auf Motte. Auch hier gibt es tierische Verständnisprobleme: „Alle finden mich super“, jauchzt eine der Motten, die ständig darin wetteifern, sich möglichst nah an die Glühbirne heranzutrauen. „Alle klatschen, wenn ich vorbei fliege“, bestätigt die zweite, während sie ein munteres Klamotten-Ballett tanzen. Der Fliege können allerdings auch sie keine Aufmerksamkeit abringen.

Regisseurin Tanja Spinger, eine der beiden LeiterInnen der Moks-Theaterschule, sorgt dafür, dass aus diesem vielfältigen Insektenreigen sowohl ein inhaltlich anspruchsvolles Beziehungsstück wird – als auch ein mit allen Reizen einer Revue ausgestattetes Musiktheater. Klüßendorfs intialer Metamorphosen-Song ist eine eben so gut durchchoreografierte Nummer wie die Aufräumaktion der Ameisen, in die sich die SpielerInnen zwischendurch auch noch verwandeln.

Bei all’ dem hilft das Bühnenbild: Durch Silke Langes Schrankwand kann man sowohl als Motte wie auch als Fliege elegant entweichen, die Tapete des gutbürgerlichen Interieurs eignet sich für spektakuläre Durchbrüche – beispielweise für die Attacke der Spinnen, die sich an Benis Papa-Jagd auf eigene Rechnung beteiligen ...

Zurecht wurde die Altersangabe nach der Premiere von sechs auf acht Jahre hochgestuft. Man könnte diese Empfehlung auch vollends vom Kopf auf die Füße stellen: 9 statt 6 scheint angemessen, will man die dem Plot zu Grunde liegenden Rollenkonflikte tatsächlich nachvollziehen.

Auch als Erwachsener dauert es übrigens seine Zeit, bevor man kapiert hat: Die ungenierten Schmatz- und Schlürfgeräusche aus den hinteren Reihen werden keinesfalls von ungezogenen Schülern produziert – sie gehören zum Surround-Soundtrack der Insekten-Sequenzen. Angesichts von deren atmosphärischer Dichte wundert es nicht, dass der SWR das Stück derzeit als Hörspiel produziert.