Jürgen Lillteicher, Willy-Brandt-Haus-Leiter

Der verantwortliche Historiker

JÜRGEN LILLTEICHER, 38, ist Leiter des Willy-Brandt-Hauses in Lübeck, das im Dezember für Besucher öffnet.

Jürgen Lillteicher ist von der Frage irritiert, warum er sich so eingehend mit dem Nationalsozialismus beschäftigt hat. Beim Nationalsozialismus sei es, „als bedürfe die Beschäftigung mit diesem Gegenstand an sich einer Rechtfertigung“. Tatsächlich jedoch berge dieser die stärksten intellektuellen Herausforderungen, stehe unter der Spannung zwischen dem Unerklärlichen und dem Doch-Erklären-Wollen. Für einen Historiker sei das eine große Verantwortung.

Lillteicher, der am 8. Mai 1968 in Enniger, Westfalen, geboren wurde, ist der Leiter des künftigen Willy-Brandt-Hauses in Lübeck. Rechtfertigung oder nicht, der Nationalsozialismus spielt tatsächlich eine zentrale Rolle in seiner Arbeit. Lillteicher studiert Geschichte und Mathematik in Freiburg und Dublin, promoviert über „Die Rückerstattung jüdischen Eigentums in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg“. 2002 wird er Mitarbeiter am United States Holocaust Memorial Museum in Washington, ein Jahr später wissenschaftlicher Mitarbeiter und Kurator bei der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin. „Sein besonderer Blick ist, dass er nicht nur Historiker, sondern auch Mathematiker ist“, sagt Dr. Ulrich Baumann von der Stiftung Denkmal über den ehemaligen Kollegen. „Er hat also ein gutes Verständnis für die Nutzung und Verwendung von neuen Medien, vor allem in der Darstellung für den Besucher“, erzählt Baumann. Von Berlin geht Lillteicher nach Leipzig, ans Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur.

Warum der Sozialdemokrat Willy Brandt? Diese Frage ist nicht vorbelastet. Lillteicher beantwortet sie jedoch genauso klar. „Es gibt neben Willy Brandt keinen Menschen, an dem man Zeitgeschichte so gut festmachen kann“, sagt er. „Sein Leben reicht vom Kaiserreich bis zum Ende des kalten Krieges.“ Außerdem könne er in Lübeck die Dinge in leitender Funktion gestalten. Wie schon in Berlin will er dabei auf neue Medien setzen. Vor allem sollen altersspezifische Führungen gemacht werden, damit auch junge Menschen dem Leben des in Lübeck geborenen SPD-Politikers näher kommen.