Er hat die Tempelhof-Initiative und "Pro Reli" bis zum Volksentscheid gebracht: Matthias Wambach, der früher jahrelang Wahlkämpfe für die CDU organisierte und im Abgeordnetenhaus saß. Dort erinnern sich auch linke Politiker gern an ihn.von Stefan Alberti
Am 26. April können rund 2,4 Millionen Wahlberechtigte beim zweiten Berliner Volksentscheid über den zukünftigen Religionsunterricht in den Schulen des Landes entscheiden. Für diesen Termin hat sich am Dienstag der Senat entschieden. Es ist die zweite Abstimmung per direkte Demokratie nach der Entscheidung über den Flughafen Tempelhof im Mai 2008. Die Initiative "Pro Reli" hat die Abstimmung durch ein erfolgreiches Volksbegehren erzwungen, das etwa 266.000 gültige Unterschriften sammelte. Nach Willen der Initiative sollen Schülerinnen und Schüler künftig zwischen dem derzeitigen Pflichtfach Ethik und Religionsunterricht wählen können. Bislang lässt sich Religion als Zusatzfach belegen. Die einfache Mehrheit der Stimmen reicht für einen Erfolg nicht aus: Eine zweite Hürde besteht darin, dass mindestens 25 Prozent der Wahlberechtigten, also etwa 600.000 Berlinerinnen und Berliner, mit Ja stimmen müssen. Kritiker werfen dem Senat vor, den Termin aus wahltaktischen Gründen nicht auf den Tag der Europawahl am 7. Juni gelegt zu haben, um die Beteiligung gering zu halten. Der separate Termin verursacht rund 1,4 Millionen Euro zusätzliche Kosten für Wahlhelfer und Organisation. STA
Zwei Zimmerchen im 1. Stock eines Kirchenanbaus, dazu ein Besprechungsraum, zu teilen noch mit anderen Mietern. Ein Klingelschild, auf dem auch ein Gospelchor und eine Tanzschule stehen. Die Schaltzentrale eines erfolgreichen Volksbegehrens wie "Pro Reli", das mehr als eine Viertelmillion Unterschriften gegen Ethik als verpflichtendes Schulfach sammelte, stellt man sich anders vor. Moderner, in Mitte, mit Glas, Chrom und Hightech. Stattdessen ist "Pro Reli" in einem früheren Kloster der Salvatorianer in Schmargendorf zu Hause, in einer unauffälligen Wohngegend.
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Dass die Kampagne nicht genauso unauffällig geblieben ist wie ihre Zentrale, hat viel mit dem Mann zu tun, der sie steuert. Matthias Wambach, 45, früher Wahlkämpfer, Funktionär und Parlamentarier der CDU, ist der personifizierte Volksbegehrer. Er war Chef-Organisator, als die Initiative Icat am Flughafen Tempelhof festhalten wollte und im Mai 2008 beim ersten Berliner Volksentscheid knapp scheiterte. Das hinterließ sichtlich Eindruck bei der Initiative "Pro Reli". Sie verpflichtete ihn im Anschluss.
Genauso wenig wie die Zentrale passt Wambach selbst in das gängige Bild eines PR-Menschen. Wambach misst knapp 1,75 Meter, trägt ein paar Kilo zu viel unter seinem Pulli, lächelt freundlich und vermeidet neudeutsche Floskeln.
Das habe er nicht nötig, sagt die CDU-Bundestagsabgeordnete Monika Grütters, die ihn seit den 90er-Jahren kennt: "Kampagnen sind seine Stärke, ohne dass er wie ein Marktschreier auftritt." Es passt gut ins Bild, dass er als Parlamentarier bis 2006 im Ausschuss für Verwaltungsreform saß - ungefähr das letzte Thema, das sich einer aussucht, der selber Schlagzeilen machen will.
CDU-Wahlkampf, Flughafen, "Pro Reli" - für Wambach alles das Gleiche? Bei Einteilung und Schwerpunktsetzung ähnele sich manches, bekennt er. Doch bei Tempelhof waren gerade einmal 50 Aktivisten im Einsatz. Bei "Pro Reli" hingegen koordinierte er mit zwei bezahlten Mitarbeitern ein Netz von 300 Kirchengemeinden mit mehreren tausend freiwilligen Helfern. Wambach organisierte Info-Veranstaltungen, schickte jeder Gemeinde eine Grundausstattung bis hin zum Klemmbrett für die Unterschriften, lieferte die nötigen Argumente, buchte Radio-Spots mit Günther Jauch.
Tempelhof war zudem ein "Bauch-Thema" mit klaren Fronten. "Pro Reli" ist komplexer, die Trennlinie weniger scharf. Promi-Sozis von der Bundesebene stützen die Initiative entgegen der Haltung der Berliner SPD, es gibt aber auch Pfarrer, die sich kirchenkritisch für das Schulfach Ethik aussprechen.
Man ist versucht, Wambach in jenem klösterlichen Besprechungsraum vor zwei Salvatorianer-Porträts abzulichten: Der Kampagnenchef vor Pater Franziskus Maria vom Kreuz Jordan und der Seligen Maria - ein Kirchenhöriger unterwegs im Auftrag des Herrn, um das Pflichtfach Ethik auf dem Altar der christlichen Konfessionen zu opfern. Es wäre ein falsches Bild: Wambach ist nicht für bloßen Gotteslohn unterwegs. "Pro Reli" zahlt ihm ein Honorar, dessen Höhe er nicht nennen will, das er aber als normal bezeichnet.
Falsch wäre es aber auch, ihn als einen Miet-Schergen zu sehen, der für Geld alles macht. Wambach steht hinter "Pro Reli" und kann zu überzeugend dafür argumentieren, als dass es angelernt wirken würde. Das lässt ihn trotzdem nicht wie einen Eiferer wirken: "Ich glaube und bekenne mich auch dazu - aber ich gehe nicht sehr oft in die Kirche."
An was glaubt also so ein Mann außer an innerstädtische Flughäfen und an Religion als Wahlpflichtfach? Bei den Berliner Christdemokraten galt er als liberal, was ihn gut auskommen ließ mit den Parteichefs Diepgen, Stölzl und Zeller, für die er bis 2005 zehn Jahre als Pressesprecher und Geschäftsführer arbeitete. Es spricht für Wambach, dass seine Zeit in der Zentrale der Landes-CDU vorbei war, als Ingo Schmitt Vorsitzender wurde. Das ist der Mann, der mal einen SPD-Senator als "Politnutte" beschimpfte. Einer, der kein Marktschreier ist, kann mit so jemandem schlecht. Umgekehrt gilt das Gleiche.
Wambach wechselte zum Bundestagswahlkampf in die Bundeszentrale der Partei, half danach für ein knappes halbes Jahr bei der brandenburgischen CDU aus, bis ihn die Tempelhof-Initiative verpflichtete. Er sagt, dass er letztlich froh sei, das jüngste Gezerre seiner Partei nur noch als normales Mitglied in Lichterfelde-West zu beobachten. Dort wohnt er mit seiner Frau. "Ich habe das Gefühl, mit Tempelhof und jetzt mit ,Pro Reli' mehr bewegt zu haben."
Die Zahlen geben ihm Recht: 530.000 votierten im Mai 2008 für "sein" Volksbegehren - die CDU bekam bei der jüngsten Wahl kaum 295.000 Stimmen. Da sei keine Verbitterung, traurig sei er über den Zustand der Berliner CDU, die zu Jahresende auf 20 Prozent absackte. Und dann sagt er noch einen Satz, der tief blicken lässt: "Bevor ich aufgehört habe, war Joachim Zeller als Landesvorsitzender beliebtester Politiker der Stadt und die CDU in Umfragen bei bis zu 36 Prozent."
Nicht wenige in der Union bedauern seinen Abgang. Eine Rückkehr gilt aber als ausgeschlossen: Der heutige starke Mann Frank Henkel war damals Generalsekretär und Schmitts rechte Hand, als der ihn hinausdrängte.
Es war nicht Wambachs Elternhaus, das ihn schon mit 16 zur CDU brachte - sein Vater war eher von Willy Brandt als von der Union beeindruckt. Es war mehr ein Aufbegehren von der konservativen Seite: Seine Heimatstadt Kassel und Nordhessen überhaupt waren tiefrot, Marxisten und Kommunisten an seinem Gymnasium gut vertreten. "Der neue Geschichtslehrer kam rein und sagte, er sei der Lothar vom MSB Spartakus", erinnert sich Wambach. "Da kommt man schnell in eine Oppositionsrolle." Kampffläche war schon damals die Bildungspolitik: Die SPD setzte auf die Gesamtschule, die CDU lehnte das genauso als "Einheitsschule" ab wie heute die Gemeinschaftsschule. Auch eine Bürgerinitiative für freie Schulwahl gab es - nur der Volksentscheid fehlte.
Von Kassel war es nicht weit zur innerdeutschen Grenze. Seine Mutter brachte ihn manches Mal dorthin und führte ihm die Teilung vor Augen. Es lag für Wambach nahe, nach dem Jura-Studium 1990 nach Thüringen zu gehen. In Gera wurde er für zwei Jahre Magistratssprecher, bevor er zur Bundes-CDU nach Bonn wechselte. Die PDS, später "Die Linke", ist für ihn bis heute keine Partei wie jede andere.
Kontakte zur Linken im Berliner Abgeordnetenhaus behinderte das nicht. "Wir haben wirklich gut zusammengearbeitet, mir war er sehr sympathisch", sagt Peter-Rudolf Zotl, einer der Senioren der Linksfraktion und besonderer CDU-Sympathien unverdächtig. Gleiches erzählt die SPD-Abgeordnete Kirsten Flesch. Zotl sagt aber auch, dass ihn Wambachs Engagement bei "Pro Reli" überrascht: "Ich habe mich schon sehr gewundert, dass er, den ich so seriös in Erinnerung habe, sich für eine Kampagne zur Verfügung stellt, die mit Viertel- und Halbwahrheiten arbeitet."
Wambach sieht das erwartungsgemäß anders mit jener Irreführung bei der Unterschriftensammlung, die viele Kritiker "Pro Reli" vorhalten. Und wirft wiederum der Gegenseite falsche Darstellungen vor. Aber auch er selbst sagt schon mal im Brustton der Überzeugung einem führenden Berliner Sozi eine "Pro Reli"-Unterschrift nach, um das später mangels Beleg korrigieren zu müssen.
Für die nächsten Monate bis zum Volksentscheid will "Pro Reli" in neue Räume umziehen. Aber auch dort wird Wambach Ende April, Anfang Mai sein Büro räumen und vielleicht ein paar Sektflaschen aus dem Weg packen müssen, je nachdem, wie der Volksentscheid ausgeht. Ein nächstes Projekt ist angeblich schon eingetütet. Mehr will Wambach nicht sagen. Bloß so viel: "Auch wenn ich Raucher bin - es ist nicht das nächste Volksbegehren gegen das Rauchverbot."
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