Gbagbos Regime zerfällt

ELFENBEINKÜSTE Streitkräfte des Wahlsiegers Ouattara erobern fast das gesamte Gbagbo-Territorium und stehen vor Einmarsch in Abidjan. UNO hofft auf friedlichen Ausgang

Es ist eine kampflose Eroberung, eine Prozession. Fast die gesamte Elfenbeinküste wird mittlerweile von den „Republikanischen Streitkräften“ (FRCI) kontrolliert, die dem gewählten Präsidenten Alassane Ouattara unterstehen. Hauptbestandteil der FRCI sind die Rebellen, die seit 2002 die Nordhälfte des Landes beherrschen. Sie setzten am vergangenen Wochenende zum Großangriff nach Süden an, um Ouattara vier Monate nach seinem Wahlsieg endlich an die Macht zu verhelfen und den bislang am Amt klebenden Laurent Gbagbo zum Rücktritt zu zwingen. Eine Stadt nach der anderen fiel in ihre Hände wie reife Früchte, friedlich von den Behörden übergeben. Am Donnerstagmittag befanden sich FRCI-Einheiten nur noch rund 100 Kilometer nördlich von Abidjan. Wenn sie dann in ihren Pick-ups und Panzerfahrzeugen die Autobahn nehmen, wären sie in kürzester Zeit in der Millionenstadt, die längst in Ouattara- und Gbagbo-treue Stadtviertel zerfallen ist.

Hamadoun Touré, Sprecher der UN-Mission in der Elfenbeinküste (Onuci), sagte der taz, man appelliere an alle Parteien, Gewalt zu vermeiden. Aus Onuci-Kreisen hieß es ferner, man habe die FRCI gebeten, von einem Einmarsch in Abidjan zunächst abzusehen, um vorher Gbagbos Zukunft zu klären und einen friedlichen Übergang gewährleisten zu können. Die Angst, dass sonst am Ende eines friedlichen Blitzkrieges doch noch eine blutige Schlacht um Abidjan stehen könnte, sorgte für eine überkochende Gerüchteküche. Es reicht Hubschrauberlärm über dem Stadtteil Cocody, wo Gbagbo residiert, damit Gerüchte kursieren, der abgewählte Nochpräsident habe die Flucht ergriffen.

Gbagbos Armee hat in wenigen Tagen nahezu die Hälfte des Landes kampflos geräumt

Am Nachmittag gab Südafrikas Außenministerium bekannt, Gbagbos Generalstabschef Philippe Mangou habe sich abgesetzt und samt Familie Zuflucht in der Residenz des südafrikanischen Botschafters in Abidjan gesucht. Dies würde erklären, wieso Gbagbos Armee in wenigen Tagen nahezu die Hälfte des Landes kampflos geräumt hat, nachdem das Gbagbo-Lager in den Monaten davor ständig zum Krieg blies. Nachdem am Dienstag erstmals mehrere größere Städte im Südteil der Elfenbeinküste an die FRCI gefallen waren, rückten die Exrebellen am Mittwochnachmittag in Yamoussoukro ein, Geburtsort des ersten ivorischen Präsidenten Felix Houphouet-Boigny, der den Ort in den 1980er Jahren zur offiziellen Hauptstadt ausgebaut und dort die größte katholische Kirche Afrikas errichtet hatte. Am Abend folgte San Pedro, der große Kakaoexporthafen im äußersten Südwesten. Wenig später fiel sogar Gagnoa, Geburtsort Gbagbos im Kernland seiner Bété-Ethnie.

Der Verlust der wichtigsten verbliebenen Zentren der ivorischen Staatsmacht außerhalb Abidjans, ohne dass nennenswert Schüsse fielen, war ein klares Signal, dass sich niemand mehr ernsthaft Ouattara und seiner Armee entgegenstellen würde. Außer vielleicht ein paar aufgehetzte „patriotische“ Milizionäre in Abidjan, die aber am Donnerstag vergeblich auf den Einsatzbefehl ihres Chefs warteten, Jugendminister Charles Blé Goudé. Gbagbo hatte für Mittwochabend eine Fernsehansprache angekündigt, die dann allerdings nicht stattfand. Es wurde spekuliert, er habe seinen Rücktritt erklären wollen, sei aber davon abgehalten worden.

Donnerstag früh zirkulierten Aufrufe an die von Blé Goudé geführten radikalen Jugendmilizen der „Jungen Patrioten“, sich vor der Präsidentenresidenz in Cocody zu versammeln. Um Gbagbo zu schützen oder um ihn zu stürzen? Darauf gab es keine Antwort. Blé Goudé soll um Asyl in Angola gebeten haben, meldeten ivorische Webseiten. Die „First Lady“ Simone Gbagbo soll sich in der südafrikanischen Botschaft befinden.

Ouattara hielt in seinem TV-Sender eine Ansprache und forderte das ivorische Militär auf, mit ihm zusammenzuarbeiten. Die FRCI stünden bereits vor den Toren Abidjans, erklärte er. Im Stadtteil Deux Plateaux, so heißt es in einem Internetchat, werden bereits in Erwartung des Machtwechsels Häuser bekannter Gbagbo-Parteigänger geplündert. „Wo?“, schreibt ein Chatter zurück: „Ich brauche auch was!“