Eintracht Frankfurt gewinnt ein merkwürdiges Spiel in Karlsruhe und verliert die Kontrolle über seine ballernden Fans.von TOBIAS SCHÄCHTER

Wohl kaum buddhistisch erleuchtet, sondern wohl eher zuviel Stanley Kubrick geschaut: Eintracht-Fans Bild: dpa
KARLSRUHE taz Rolf Dohmen, der Manager des Karlsruher SC, saß nach dem bitteren 0:1 gegen Eintracht Frankfurt im kleinsten Pressekonferenzraum der Liga auf einem Stuhl neben dem Podium und trank ein Bier aus der Flasche. Direkt vor ihm stand Eintracht-Trainer Friedhelm Funkel und sprach mit den Reportern. So nah, dass fast Körperkontakt bestand, und hinter ihm drohte unverrückbar die Wand. Dohmen drehte sich zur Seite, wo sein Trainer Edmund Becker gerade von einem "bitteren Wochenende" und von einer "Katastrophe" für den KSC sprach. Als Funkel und die Reporter abgezogen waren und Becker bereits ein Paar Wiener an der kleinen Theke verzehrte, sagte Dohmen dann: "Wenn man die Arschkarte hat, dann hat man sie länger."
Karlsruher SC: Miller - Görlitz, Drpic, Buck, Celozzi - Engelhardt (79. Kapllani) - Timm (57. Saglik), da Silva, Stindl (76. Iaschwili) - Federico, Freis
Eintracht Frankfurt: Pröll - Ochs, Russ, Bellaid, Petkovic (46. Caio) - Mahdavikia (75. Steinhöfer), Fink, Inamoto, Köhler - Fenin, Liberopoulos (89. Meier)
Schiedsrichter: Weiner (Giesen) - Zuschauer: 27 623
Tor: 0:1 Caio (54.)
Gelbe Karten: Saglik (2), da Silva (4) / Liberopoulos (4), Mahdavikia (1), Petkovic (1)
Beste Spieler: Drpic, Celozzi / Ochs, Russ
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Diese ernüchternde Niederlage erinnerte die KSCler wieder einmal schmerzhaft daran, dass zum "erfolgreichen Fußball eben auch das Toreschießen gehört" (Becker). Der Trainer hatte wirklich alles versucht und am Ende gar sechs Offensivkräfte auf den Platz beordert. "Mehr geht nicht", seufzte er frustriert.
Bei der Eintracht dagegen war die Erleichterung deshalb riesig. Hätten sie verloren, wären die Frankfurter punktgleich mit dem KSC auf einem Abstiegplatz gewesen. Doch die Analyse dieses fürchterlichen Fußballspiels rief in Frankfurt fast so etwas wie Scham hervor: Man kann auch ganz schlecht spielen, keine Torchancen haben - und trotzdem gewinnen. Der in der Pause eingewechselte Brasilianer Caio traf mit einem gekonnten Schuss aus 18 Metern für die Eintracht zum Siegtreffer (54.). "Für die Mannschaft wird es jetzt schwierig, aus der Situation rauszukommen. Sie hat begriffen, um was es geht, aber sie verliert trotzdem", stellte Dohmen fest.
Sein Frankfurter Kollege Heribert Bruchhagen indes wird nun nicht die Sektkorken knallen lassen. Vor lauter Sorge verbrachte er die letzten Minuten des Spiels rauchend und hin und her laufend in den Katakomben. Stolz war er nicht über die peinliche Leistung der extrem defensiv eingestellten Funkel-Eintracht. Verstört nahm Bruchhagen indes das Verhalten der Eintracht-Fans zur Kenntnis. Als beide Mannschaften aus der Halbzeitpause kamen, flogen aus dem Eintracht-Block Feuerwerkskörper auf den Platz, einer landete in der Nähe des KSC-Torwarts Markus Miller. Schiedsrichter Michael Weiner führte die Spieler wieder in die Kabine, die Partie konnte erst nach fünf Minuten wieder angepfiffen werden.
Was wohl in Gehirnen von Fans wie denen der Eintracht vorgeht, die nach Karlsruhe eine "Mottofahrt" ausgerufen hatten? Die meisten der über 3.000 Eintracht-Anhänger waren ganz in Orange gekleidet. Der Kubrick-Film "A Clockwork Orange", in dem Gewalt eine zentrale Rolle spielt, musste als Mottopate herhalten. Im Buddhismus ist Orange die Farbe der höchsten Stufe der menschlichen Erleuchtung. Im Eintracht Block stehen vermutlich nur wenige Buddhisten. Die Fans hörten mit der Ballerei wohl nur auf, weil sie ihr Pulver verschossen hatten und nicht deshalb, weil Eintracht-Kapitän Markus Pröll sie beruhigt hätte. Der war vor die Kurve geeilt und hatte Abrüstung gefordert.
Schon vor dem Spiel hatte die Polizei Mühe, die Gewaltbereiten aus beiden Fanlagern zu trennen. Feuerwerkskörper wurden auf Polizisten geschossen und Busse beschädigt. Einige Randalierer wurden festgenommen. "Ich werde das nie begreifen", sagte Eintracht-Manager Bruchhagen mit einem Gefühl der Ohnmacht. "Wir können das Gespräch mit den Vernünftigen suchen, aber das können nur die Fans unter sich klären." Doch in den Kurven herrscht bei vielen eine Mischung aus Angst und Hochachtung vor den Anführern der Gewaltbereiten. Und rettender Geist verbirgt sich bestimmt nicht hinter der Tatsache, dass auch viele friedliche Eintracht-Fans dem Motto nachgekommen sind und Orange trugen. So jedenfalls wird es Erleuchtung in den Kurven weiter nur in Form von Feuerwerkskörpern geben.
TOBIAS SCHÄCHTER
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Leserkommentare
26.01.2010 02:36 | ...
Leute die Worte wie "Gleichschaltung" benutzen, sollten erstmal bei sich selbst anfangen! ...
15.12.2009 17:03 | Ein wahrer Fan
Au weia. Falls ich mittlerweile vergessen haben sollte, warum ich seit einiger Zeit Fußballplätze meide, wird es mir durch ...
10.04.2009 23:35 | cosmo
Ich finde es wirklich sehr erschreckend das selbst Zeitungen wie die taz sich der allgemeinen hetze und polemik einschlägig ...