nebensachen aus rom

Und führe Politiker nicht in Versuchung: Die Homoehe liegt erst mal auf Eis

Auf den ersten Blick geht es weiter wie bisher nach der letzten Regierungskrise in Rom. Romano Prodi hat die gleichen Minister im Kabinett, die gleichen Parteien in der Koalition, die gleiche hauchdünne Mehrheit im Senat. Und doch forderte die Krise ein prominentes Opfer: die eingetragene Lebensgemeinschaft. Prodi erklärte, die sei jetzt „Sache des Parlaments“ – sprich: interessiert die Regierung nicht mehr.

Gerade erst hatte Prodis Regierung den Gesetzentwurf eingebracht, der Schwulen und Lesben ein paar bescheidene Rechte einräumen sollte. Schon diesen Entwurf hatten die Katholiken in der Mitte-links-Koalition unter dem Druck des Vatikans nach Kräften verwässert. So sollte es auf gar keinen Fall eine Zeremonie auf dem Standesamt geben, das rieche ja fast nach Ehe. Stattdessen sollten die Partner dort getrennt einlaufen, um ihre Partnerschaft registrieren zu lassen. Und so sah das Gesetz zwar vor, dass „Zusammenlebende“ im Krankenhaus ihrem Partner beistehen konnten, die „Modalitäten“ aber sollten die Hospitäler regeln dürfen.Bigotte Nonnen hätten also auch weiter jedem Schwulen die Tür weisen können.

Selbst dieses miese Gesetz war Papst Ratzinger noch zu viel. Da werde das „natürliche Recht“ verletzt und „die Familie untergraben“, schimpfte der Vatikan, ganz so, als sollten fromme Katholiken zur Schwulenehe gezwungen werden. Am lautesten war wieder Berlusconis Rechtsopposition im Parlament, wenn es darum ging, den Untergang des Abendlands zu beschwören.

Italiens Konservative haben damit Erfahrung. 1974 führten sie einen wahren Kreuzzug gegen die Einführung der Ehescheidung. Auch sie untergrabe die „natürliche“, sprich katholische Familie, in der der Ehemann zwar ins Bordell gehen und die Gattin sich einen Geliebten zulegen konnten, aber bitte unter Wahrung der ehelichen Formen.

Interessant ist allerdings, wer heute so verbissen die Fahne der katholischen Tradition hochhält – durchweg alle vier Parteiführer der Rechten leben in Sünde. Berlusconi ist zum zweiten Male verheiratet – und erzählt gelegentlich, natürlich nehme er an der Kommunion teil, ohne dass dies die Kirche in Zorn versetze (und das ist nun wirklich eine ziemlich deftige Sünde).

Gianfranco Fini, Chef der postfaschistischen Alleanza Nazionale, spannte einem Kameraden die Gattin aus (woraufhin der Gehörnte die Pistole zog). Auch Umberto Bossi von der Lega Nord ist in zweiter Ehe verheiratet; seine erste Frau ging stiften, als sie erfuhr, dass der angebliche Assistenzarzt, der brav jeden Morgen zur Klinik fuhr, in Wirklichkeit ein Studienabbrecher war.

Bleibt Pierferdinando Casini, Chef der UDC. Der ließ Frau und zwei Kinder sitzen, lebt unverheiratet mit einer reichen, jungen und schönen Bauunternehmerstochter zusammen und hat mit ihr ein Töchterchen. Ungerührt erklärt Casini heute, das sei seine „Privatsache“, zudem habe ihn seine Trennungserfahrung vom „Wert der Familie“ überzeugt.

All diese Familienverteidiger müssten der italienischen Linken zutiefst dankbar sein – sie könnten ihr lästerliches Patchwork-Familienleben nicht so offen führen, wenn sie 1974 den Sieg gegen die Scheidung davongetragen hätten. Vielleicht liegt gerade hier der Grund für die erbitterte Gegnerschaft der Herren gegen die eingetragene Lebensgemeinschaft – fürchten sie neue Versuchungen? MICHAEL BRAUN