100 Jahre Eisen und Arbeit

INDUSTRIEGESCHICHTE Bremer Kaufleute und Banker haben am 2. April 1911 ihre Hütte eingeweiht und mit der Ruhrindustrie auch viele Fremdarbeiter an die Weser geholt

Von KLAUS WOLSCHNER

Genau 100 Jahre ist es her, da wurde am Rande von Gröpelingen an der Weser die „Norddeutsche Hütte“ gebaut. Es war die Zeit, in der die Industriegeschichte von Eisen und Stahl bestimmt war. Traditionell wurde das Erz in den Erz- und Kohlefördergebieten auch verhüttet. Bremer Kaufleute und Bankenvertreter hatten die Idee, dass die Produktion bei den Abnehmern stattfinden könne – wenn man das Erz preiswert per Schiff zur Verhüttung bringen könnte. Das Land Bremen stellte den Grund und baute einen „Hüttenhafen“. Den Aufsichtsratsvorsitz der neuen „Norddeutsche Hütte Aktiengesellschaft“ übernahm Heinrich Wiegand, der Generaldirektor der Reederei „Norddeutscher Lloyd“, sechs Millionen Mark wurden investiert. 1913 kamen ein weiterer Hochofen und ein Zementwerk dazu. Seitdem ist das Stahlwerk ein Eckpfeiler der bremischen Industrie- und Sozialgeschichte. Wiegand hatte damals übrigens auch die Idee, in Bremen eine Autoindustrie aufzubauen – mit Elektroantrieb.

Die Norddeutsche Hütte holte sich ihre Fachleute aus dem Ruhrgebiet und die ungelernten Arbeiter für die grobe, gesundheitsgefährliche Arbeit aus den polnischen Gebieten. Während des ersten Weltkrieges war fast die Hälfte der Belegschaft polnisch. Auch das mag dazu beigetragen haben, dass die Hütte in Bremen immer ein wenig Fremdkörper war – ganz anders als zum Beispiel die Werften. Die bremischen Kaufleute stießen ihre Anteile an der Hütte nach dem Weltkrieg ab, 1922 erwarb der saarländische Stumm-Konzern die Hütte, 1927 ging sie in den Besitz von Krupp über.

1924 erklärte der Sozialdemokrat Sommer in der bremischen Bürgerschaft, die Hütte sei „ein Fremdkörper im norddeutschen Wirtschaftsgebiet“, die Ruhrindustriellen herrschten mit „polnischen Methoden“ und wünschten sich „Knechtschaftsgefühl“: Billige Arbeitskräfte würden „mit Hering und Kartoffeln“ abgespeist. Stahl für die Werften hat die Hütte nicht produziert – es gab kein Walzwerk. Nach 1933 wurde die Hütte von dem Krupp-Konzern für die Rüstungsindustrie ausgebaut. Krupp setzte mit Otto Hofmann einen überzeugten Nazi als Werksführer ein. Auf der Bremer Hütte wurde bald Panzer-Stahl (Vanadium) produziert. Anstelle der Polen wurden massenhaft Zwangsarbeiter eingesetzt, zu der Hütte gehörte das Zwangsarbeiterlager Riespott.

Nach dem Krieg konnte erreicht werden, dass die Anlagen der Hütte nicht demontiert wurden. Bremen brauchte zunächst vor allem das Zementwerk, das aus dem Trümmer-Schutt den Rohstoff für den Wiederaufbau machte. Schon bei der ersten freien Betriebswahl 1945 wurde ein Kommunist zum Vorsitzenden gewählt. Der Klöckner-Konzern übernahm die alte Hütte in den 50er Jahren und baute sie auf einer großen Fläche daneben völlig neu auf, diesmal mit Stahl- und Walzwerken. Das Marschenbauern-Dorf Mittelsbüren musste dafür weichen, die Sinti- und Roma, die dort 1949 zwangsweise angesiedelt worden waren, mussten als erste gehen.

Die Zahl der Arbeitskräfte wuchs auf 6.000, seit den 60er Jahren waren es vor allem angeworbene Kräfte aus der Türkei, die die groben Arbeiten erledigten. Die Klöckner-Belegschaft war neben den Werft-Betrieben die wesentliche Stütze der IG Metall, selbst die Schülerunruhen 1968 bekamen eine neue Qualität, als die Klöckner-Delegation zu den besetzten Schienen kam.

Diese arbeiterpolitische Traditionslinie endete in der Stahl-Krise der 90er Jahre. Die Eigentümer von Klöckner, deren Interessen im Ruhrgebiet lagen, wollten die Hütte schließen. Durch den Widerstand der Arbeiter, der Bremer Werksleitung und die finanzielle Unterstützung des Bremer Senats, der auch Anteile übernahm, gelang es, die Stahlproduktion zu retten. In einer rührenden Szene des Filmes „Wir hätten selbst mit dem Teufel getanzt“ umarmt Peter Sörgel, der damals Betriebsratsvorsitzender und Mitglied der DKP war, den Bremer Werksleiter. Wenige Jahre später saß Sörgel für die SPD in der Bremischen Bürgerschaft – er ist sozusagen als Kommunist in den Kampf um die Arbeitsplätze hineingegangen und als Sozialdemokrat herausgekommen.

Der Weltkonzern Arcelor und dann Mittal haben die Hütte übernommen und die Stahlproduktion modernisiert. Die rohe Arbeit wird weitgehend von computergesteuerten Maschinen gemacht. Heute gibt es keine kommunistische Betriebsgruppe mehr bei der Hütte und kaum noch angelernte Arbeitskräfte. Das klassische Zeitalter von Kohle und Stahl ist vorbei.

29. März, 100 Jahre Hochöfen an der Weser, ab 18 Uhr im Lichthaus Gröpelingen mit Böhrnsen, Koschnik, Bonno Schütter, Eike Hemmer und dem Film „Wir hätten selbst mit dem Teufel getanzt“