Schwer überbelichtet

FOTOMANIE Sohn auf Schaukel, Oma vor Eiffelturm, Kumpel auf Surfbrett. Wir knipsen alles und jeden. Ständig. Wie uns so die Welt verloren geht

VON ARNO FRANK

„They give us those nice bright colorsThey give us the greens of summers Makes you think all the world’s a sunny day“ (Paul Simon)

Der erste lebende Mensch, von dem ein Foto existiert, ist nur eine namenlose Silhouette auf dem hektischen und überfüllten Boulevard du Temple von Paris. Vor 175 Jahren lässt er sich an einem sonnigen Frühlingsmorgen zufällig die Schuhe putzen, als auf der anderen Seite der Kreuzung hinter einem geöffneten Fenster im dritten Stock der Tüftler Louis Daguerre unter ein schwarzes Tuch schlüpft. Die chemisch behandelte Platte wird für zehn Minuten belichtet. Und in diesen zehn Minuten verschwindet alles, was sich bewegt. Fußgänger, Pferde, Kutschen, Tauben, Wolken. Selbst die Bäume verschwimmen im Wind zu hingetuschten Flecken. Was neben der Architektur bleibt und für immer bleiben wird, ist der Mann in der Menge. Er hat lange genug reglos verharrt, bis sein linker Schuh geputzt und er auf eine Metallplatte gebannt war.

Seit 1839 sind wir einen weiten Weg gegangen. Und im Begriff, zu weit zu gehen. Es gibt in der „zivilisierten Welt“ niemanden mehr, der keinen Fotoapparat zur Hand hätte. Wobei die Übergänge zur Filmkamera fließend sind, über deren technische Mittel Regisseure noch in den achtziger Jahren nicht einmal zu träumen gewagt hätten. Heute werden in 120 Sekunden mehr Fotos aufgenommen als im kompletten 19. Jahrhundert. Es gibt Schätzungen, dass seit Erfindung der Fotografie bald vier Billionen Bilder gemacht worden sind. Allein auf Facebook werden jede Sekunde 3.000 neue Fotos hochgeladen.

Die Klage darüber ist nicht neu. Sie ist so alt wie das Foto selbst. Im gleichen Jahr, als Daguerre seinen Apparat zur Serienreife brachte, erschien eine berühmte Karikatur anlässlich der „Daguerréotypomanie“. Die Zeichnung zeigt endlose Massen, die für ein Foto anstehen; Dampfschiffe und Züge, mit denen die Geräte exportiert werden; Menschen, die sich selbst „daguerréotypieren“. Sogar eine Montgolfière ist zu sehen, deren Passagierkorb ein Fotoapparat ist – die früheste Darstellung einer Aufklärungsdrohne.

Machen auch Sie permanent Bilder von allem? Dann hätten wir hier ein paar Tipps, wie Sie auf Seiten wie Facebook oder Instagram die größte Aufmerksamkeit dafür sichern:

■ Prominenz: Werden Sie Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika! 4.439.756 Facebook-Likes bekam Barack Obama für ein Foto, das ihn in inniger Umarmung mit seiner Frau zeigt, am Tag seines zweiten Amtsantritts.

■ Leid: Überwinden Sie eine schlimme Krankheit und feiern Sie mit Ihren Facebook-Freunden.

■ Kinder und Krieg: Fotografieren Sie ein Baby oder einen Soldaten. Besser: beide zusammen!

■ Tod: Warten Sie, bis ein guter Freund stirbt, nehmen Sie ein altes Bild von ihm, beschreiben Sie, warum er ein Held war. Status unbedingt auf „traurig“ setzen.

■ Tiere: Suchen Sie sich einen Mitleid erregenden Straßenhund und denken Sie sich eine emotionale Geschichte dazu aus oder fotografieren Sie eine Katze, wie sie die Toilettenspülung betätigt.

Falls Sie nicht selbst fotografieren:

■ Erinnerungen: Googeln Sie ein Bild von irgendeiner uralten Serie und schreiben Sie: „Wer erinnert sich noch daran …?“

■ Urlaub: Posten Sie Montag früh ein Bild von den Malediven: „Wer wäre jetzt auch gern hier?“

■ Inspiration für den Fotoerfolg finden Sie unter read.bi/1vGBDcW

„Von diesem Moment an“, notierte recht angeekelt der Dichter Charles Baudelaire, „war es das einzige Bestreben dieser unsauberen Gesellschaft, wie ein einziger Narziß ihr triviales Bild auf der Metallplatte zu betrachten. Ein Wahn, ein extremer Fanatismus bemächtigte sich dieser Sonnenanbeter.“

Damals wie heute besteht die Tücke der Fotomanie darin, dass kaum jemand einsehen mag, wieso es sich dabei um eine wahnhafte Epidemie handeln sollte. Es sieht aus wie Fortschritt, es fühlt sich an wie Fortschritt. Und es fordert, wie jeder Fortschritt, seinen Preis.

Jetzt wirken die Kinder wie in einem Märchenaquarell

Auf dem Spiel steht womöglich mehr, als wir denken. Vielleicht hat sich das permanente Ablichtenmüssen zu einem anthropologischen Zwang ausgewachsen – vergleichbar mit dem Zwang von Insekten, um das Licht zu kreisen. Und so kommt uns täglich ein wenig mehr Welt abhanden, gerade weil wir sie durch einen Druck auf den Auslöser festhalten wollen.

So wie neulich, als die Enkeltöchter zwischen Lilien und Libellen unten im Garten die Köpfe zusammengesteckt haben. Gemeinsam untersuchen sie ein verlassenes Schneckenhaus. Eben noch haben sie gezankt, und gleich werden sie zeternd auseinandergehen. Jetzt aber, in diesem zerbrechlichen Augenblick, wirken sie wie in einem Aquarell aus einem Märchenbuch.

Ich berühre die Großmutter sachte an der Schulter und mache sie mit einer Kopfbewegung auf die Szene aufmerksam. Sie schaut kaum hin – und explodiert förmlich aus dem Gartenstuhl heraus, um mit dem Ausdruck freudiger Bestürzung ins Haus zu eilen. Nach zwei Minuten kehrt sie zurück, atemlos und sichtlich erleichtert. Fröhlich fluchend nestelt sie noch im Gehen an ihrer silbernen Digitalkamera herum. Als sie aber aufblickt, sind die Kinder über alle Berge.

Vielleicht hätte ich einfach mein Smartphone zücken und die Szene sofort festhalten müssen. Wurde mir auch angekreidet. Hätte doch mal mitdenken sollen, statt die Oma rennen zu lassen!

Hätte ich? Was geht mich der Bilderdurst anderer Leute an? Ist es nicht schon auf der Straße oft Zumutung genug, in einem Slalom der Höflichkeit den Raum zwischen dem Fotografierenden und seinem Motiv zu vermeiden, um ihm nicht ins Bild zu laufen?

Wahrscheinlich werden wir mittelfristig ohnehin alle mit einer Datenbrille namens „Google Glass“ auf der Nase beisammensitzen und auf Anlässe zum Ablichten lauern, bis wir dann „Okay Glass“ sagen, um auszulösen. Langfristig wäre auch ein Implantat denkbar, das, in einem Ritual zwischen Taufe und Impfung, schon Kleinkindern unter die Netzhaut geschoben und einfach gleich alles mitfilmen wird. Zur Sicherheit.

Einstweilen ist auch heute schon bei allem Ereignishaften ein fotofähiges Gerät zur Hand. Und es scheint, als dränge das Ereignis selbst auf seine Aufzeichnung, weshalb es oft nur noch als verführerische Abfolge von Fotogelegenheiten erscheint, deren entscheidende nicht verpasst werden darf, der Moment, wenn das Tor fällt, die Welle bricht, der Vogel landet.

Ist aber diese Aufzeichnung gelungen, kann das Ereignis unmöglich erlebt worden sein. Höchstens aufgezeichnet. Am Ende wird es auf einer Festplatte, aber nicht im Gedächtnis seinen Abdruck gefunden haben. Das muss nicht immer so sein und ist es aber doch – nicht zuletzt, weil der Druck zum Teilen in den Netzwerken das einfordert. Womit das ganze Leben zu einer endlosen Abfolge von Fotogelegenheiten zusammengeschnurrt wäre, von denen wir – noch – die meisten verpassen.

Das Risotto wird gepostet, statt es zu genießen

„Man muss sich beeilen, wenn man etwas sehen will, alles verschwindet“, sagte Paul Cézanne und meinte das Licht. Ein Detail, das uns Amateurknipser kaum interessiert. Wir sind blinde Hühner, die wie besessen nach Körnern picken. Unser Vertrauen in die eigenen Sinne ist im gleichen Maße verschwunden, wie die Präzision unserer Werkzeuge gestiegen ist. Es wird also das zu Erlebende im gleichen Maße unscharf, wie die Technik zur Aufzeichnung des Erlebbaren an Schärfe und Speicherkapazität gewinnt. Eine Rückgewinnung der „Erlebnisschärfe“ ist nicht in Sicht, im Gegenteil. Der digitalen Brandung unserer abertausend Fotos stehen wir doch jetzt schon so orientierungslos gegenüber wie Museumsbesucher, die zu dicht an ein pointilistisches Bild von Georges Seurat getreten sind – und nichts mehr erkennen.

Warum? Weil „im Endeffekt (…) alle mechanischen Reproduktionsmethoden eine Verkleinerungstechnik“ sind, wie Walter Benjamin erkannte. Und verkleinert geht verloren, was Benjamin als die „Aura“ des zu Betrachtenden genannt hat. Was bleibt, ist ein Motiv. Es kann kein Gewitter mehr gewärtigt, kein Oldtimer mehr bewundert, kein Risotto mehr genossen und keine Obskurität mehr belächelt werden, ohne das eigene Gewärtigen, Bewundern, Genießen und Belächeln sogleich zur Nachricht zu machen. Kein Foto mehr, das nicht auf diese Weise vervielfältigt und unter die Leute gebracht würde, als wäre es ein Erlebnis. Was es unter Umständen ja wirklich sein könnte, wären wir nicht zu beschäftigt damit, es zu fotografieren.

Die Taufe eines Kindes ist, wenn man sich denn dazu entschieden hat, ein rituelles Ereignis, an dem ich mit meinen Sinnen ebenso teilnehmen möchte wie an der Geburt oder der Einschulung. Wer hier die Kamera zückt, nimmt nicht daran teil.

Welcher Dämon treibt Tante Renate dazu, nach seiner Spiegelreflex oder seinem Taschencomputer zu tasten? Und seit wann ist es üblich, einen Heiratsantrag von einem gedungenen Knipser festhalten zu lassen? All diese grotesken Auswüchse der Dokumentationswut folgen brav dem Imperativ der Fotomanie: „Bilder? Oder es ist nie passiert!“

Habe ich ein Konzert überhaupt besucht, wenn ich meinen Besuch nicht dokumentieren kann? Habe ich es überhaupt korrekt dokumentiert, wenn ich es nicht in sozialen Medien teile? Ist denn eine Reise wahr, wenn sie nur in den Neuronen des Reisenden gespeichert ist und indirekt belegt durch Quittungen, Tickets, Mückenstiche?

■ 1827 entstand das erste Foto: Es erforderte eine Belichtungszeit von acht Stunden und zeigt die Sicht aus dem Fenster des Franzosen Joseph Niépce. Er war der Erfinder der Heliografie, der ersten Fototechnik. Die Aufnahme wurde mit einer Camera obscura gemacht. Heute ist sie in Besitz der Universität von Austin, Texas.

■ 1861 folgte das erste Farbfoto. Der Physiker James Maxwell fotografierte ein Stoffband mit Hilfe des Additionsverfahrens. Das basiert auf drei übereinandergelegten Bildern, die jeweils mit Rot-, Grün- und Blaufarbfiltern gemacht wurden. Die kommerzielle Nutzung wurde erst Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Brüder Lumière und ein Verfahren mit Kartoffelstärke möglich.

Bei einer Zeichnung oder Notiz wird das Gesehene im Kopf verarbeitet, beim Fotografieren auf ausgelagerten Prozessoren. Ich mache mir kein Bild mehr, nur ein Abbild. Jedes Foto ist Abklatsch, ist Illusion – und doch inzwischen so hochauflösend, dass es mehr und mehr an die Stelle der Wirklichkeit tritt.

Der FKK-Urlaub, den mein längst verstorbener Opa 1963 mit anderen längst verstorbenen Menschen in Jugoslawien gemacht hat – ist der nicht nur deshalb noch „wahr“, weil ich hier noch verblassende Fotos davon auf dem Schreibtisch liegen habe? Und fühlen wir uns nicht selbst, wenn die externe Festplatte mit all den schönen Dateien abraucht, um ein paar der kostbarsten Momente unseres Lebens betrogen?

Natürlich ist durchaus geschehen, was nicht im Bild belegbar ist. Was ich alleine gesehen oder erlebt habe, hat für mich einen individuellen Wirklichkeitswert. Wenn ich mich aber immer mehr als Knotenpunkt eines sozialen Netzwerks begreife, in dem ich mich und meine Existenz vor allem visuell behaupten muss – vom Passbild bis zu den Strandfotos aus Sri Lanka –, was nützt mir diese individuelle Wirklichkeit dann, wenn ich sie nicht teilen kann?

Ein Leben ohne visuell schockgefrostete Wirklichkeitssplitter ist insofern sinnlos, als wir uns wieder – wie einst in der Stammesgesellschaft – als soziale Wesen über die Anschauung und Zustimmung anderer sozialer Wesen definieren. Wir sind dazu verdammt, Archivare oder Regisseure eines Alltags zu werden, der nicht wie ein Alltag aussehen darf. Vordergründig unterstützt uns die Fotomanie bei der wichtigen Arbeit, dem individuellen und gemeinschaftlichen Vergessen entgegenzusteuern. Damit allerdings wird alle Wahrnehmung erinnerungswürdig oder doch wenigstens würdig, auf ihren Erinnerungswert hin geprüft zu werden. Dinge, Menschen, Ereignisse, Landschaften schnurren auf ihre Eigenschaft als „Motiv“ zusammen. Und gegenüber dem Motiv findet keine Versenkung mehr statt, es wird nur emsig eingesammelt – zugunsten einer späteren Betrachtung an langen Winterabenden beziehungsweise nie.

In Rom ist es besonders schlimm. Vor der makellosen Pietà des Michelangelo im Petersdom wird es richtig absurd. Eine Scheibe aus Panzerglas schützt Maria und Jesus so gut, dass man sie nicht sehen kann wegen all der Blitzlichter, die das Glas reflektiert. Weshalb all die Bilder kaum mehr zeigen werden als einen blinden Spiegel. Warum also überhaupt fotografieren? Gibt es nicht genug Abbildungen von der Pietà?

Und brauche ich ein weiteres Bild von Laokoon und seinen Söhnen, die in einem Innenhof der vatikanischen Museen von der Seeschlange erwürgt werden? Ein eigenes? Mit Ellbogen erkämpft sich eine junge Frau einen Platz direkt am Geländer in der ersten Reihe. Hier hätte sie den besten Blick auf die Muskeln aus Marmor, würde sie sich dafür interessieren. Stattdessen wendet sie Laokoon den Rücken zu, zupft an ihren Haaren und lächelt in die Kamera ihrer Freundin. Als das Foto im Kasten ist, überprüft das Mädchen auf dem Display, ob sie auch gut getroffen ist. Ist sie nicht. Wieder schiebt sie andere Besucher beiseite, wirft sich in Pose, zieht eine Schnute – und dampft schließlich ab, ohne das Kunstwerk eines Blickes gewürdigt zu haben.

Der Fotomane ist von echter Aufmerksamkeit für sein Motiv entbunden, wie er auch jede Empfindung bezüglich der sinnlichen oder seelischen Wirkung des Gesehenen vertagt. Im Umkehrschluss wird damit das Ding an sich immer unsichtbarer, je öfter es fotografiert wird. Hat nicht etwa der schiefe Turm von Pisa sich längst in sein eigenes Bild aufgelöst?

Fast ist es, als würde jedes neue Foto von der Wirklichkeitsoberfläche des Werkes eine weitere mikroskopische Schicht abtragen. Was ist wohl mit Menschen passiert, die angesichts eines spektakulär lodernden Sonnenuntergangs nur noch „Kitsch!“ rufen können? Sie haben zu viele Bilder davon gesehen.

„Zwölf gute Fotos im Jahr sind eine gute Ausbeute“, meinte der große Landschaftsfotograf Ansel Adams. Heute besteht ein einziges schnelles Bild mit der Digitalkamera aus mindestens zwölf weitgehend identisch dilettantischen Bildern, die zur Sicherheit geschossen wurden und nur eine flüchtige Annäherung an das eigentliche Bild darstellen. Daher die absurden Konvolute an Urlaubs- oder Familienfotos, die im Tiefgeschoss der Festplatte lagern. Wo einmal Erinnerung gewesen sein mag, erwartet uns heute eine digitale Datenmüllhalde – die eigentlich fortwährend kuratiert werden müsste. Die Schlechten ins Kröpfchen, die Guten an Tante Renate, „siehe Anhang“, denn Tante Renate ist wichtig. Früher wurden ihr – und anderen Verwandten – Urlaubsfotos gezeigt, gerne bei ermüdenden Dia-Abenden mit Salzstangen und Sekt. Heute werden diese Bilder nicht mehr gezeigt, sondern geteilt. Es ist ein wundersames Teilen, bei dem das Geteilte nicht mehr, wie noch bei Sankt Martin, halbiert, sondern auf magische Weise vermehrt wird.

Die Magie ist möglicherweise ein Hütchenspielertrick. Er besteht darin, dass das Teilen von angeblich erlebten Momenten etwa bei Facebook zwar eine Illusion ist, der sich aber Exhibitionisten und Voyeure gemeinsam hingeben. So bestärken sich beide Seiten im Glauben an die Realität und Relevanz einer idealen Traumwelt. Könnten wir unsere Gefühle teilen, würden wir es tun? Zum analogen Leben mit seinen Rückschlägen und Mückenstichen verhalten sich diese digitalen Schaufenster wie Facebook-Freunde zu einem echten Freund. Selig, wer hier keinen Unterschied mehr machen kann. Schon 1907 fiel dem Kunsthistoriker Alfred Lichtwark die unverwandte Faszination auf, die seine Mitmenschen dem Foto widmeten: „Es gibt in unserem Zeitalter kein Kunstwerk, das so aufmerksam betrachtet würde wie die Bildnisphtographie des eigenen Selbst, der Verwandten und Freunde, der Geliebten.“

Ein Bedürfnis ähnlich stark wie der Sexualtrieb

In seiner „Kritik der reinen Vernunft“ erklärte Immanuel Kant die Welt noch für unerkennbar, weil sie nur innerhalb von Raum und Zeit erscheine: „Folglich ist die Bestimmung meines Daseins in der Zeit nur durch die Existenz wirklicher Dinge, die ich außer mir wahrnehme, möglich.“ Womit nebenbei das Rätsel gelöst wäre, was uns am Selfie so fasziniert, diesem ebenso ambulanten wie idealtypischen Selbstporträt auf Armlänge. Ein herkömmliches Foto zeigt nur, was der Fotografierende sieht, nicht aber den Fotografierenden selbst. Das Selfie dagegen zeigt mich selbst vor dem Hintergrund „wirklicher Dinge, die ich außer mir wahrnehme“. In narzisstischer Zuspitzung des Fotos kommt es unserem existenziellen Interesse entgegen, in der Welt zu sein.

Bilder der Smartphone-Kamera füllen eine durchschnittliche Laptop-Festplatte Quelle: eigene Berechnung

Das plötzliche Gefühl, „nicht einmal ein Smartphone“ dabeizuhaben, entspricht aus vielen Gründen dem Unbehagen eines starken Rauchers, der seine Kippen vergessen hat. Dinge vergehen. Die Geliebte, Freunde, Verwandte und man selbst werden eines Tages zuverlässig zu Staub verfallen. Alle im Bild zu bannen und damit festhalten zu wollen ist so verständlich wie vergeblich.

Fotografieren ist keine Nebensächlichkeit, sondern als Akt der wenigstens symbolischen Selbsterhaltung ein vielleicht ähnlich mächtiges Bedürfnis wie der Sexualtrieb. Und wie gewisse Sexualpraktiken hat auch das Festhalten des Flüchtigen per Fotoapparat etwas Penetrierendes. Wer noch vor ein paar Jahren mit einer Spiegelreflex einen Raum betrat, dominierte ihn. Wer professionelle Fotografinnen oder Fotografen bei der Arbeit sieht, merkt, dass sie sich dieser Macht bewusst sind. Heute verfügt jeder Depp über die Macht, mich ganz beiläufig und aus der Hüfte für die Ewigkeit zu bannen – wie auch ich mich jederzeit in einen solchen Depp verwandeln kann.

Es lohnt sich, hier kurz die Perspektive zu wechseln und auf die andere Seite der Kamera zu treten. Es ist ja nicht nur das gefrorene „Lach doch mal“-Grinsen für die Linse. Was macht es wohl mit einem Kind, das für seine triumphalen kleinen Fortschritte damit belohnt wird, dass ihm seine Eltern in robotischer Debilität ein blinkendes Gerät vor die Nase halten?

Es lernt, dass der Gipfel der Anerkennung und Aufmerksamkeit dann erklommen ist, wenn das rote LED-Licht aufleuchtet – und nicht etwa ein menschliches Gesicht. Wenn jede bescheidene Kindheit jetzt schon so lückenlos dokumentiert wird wie die eines britischen Thronfolgerchens – wird das ohne Auswirkungen auf die Psyche bleiben?

Nun muss die galoppierende Fotomanie nicht zwangsläufig etwas Schlechtes sein. Kinder lernen das, was sie einmal brauchen werden. Sie lernen verdammt schnell, auch wenn uns das nicht behagt. Neulich plantschte meine dreijährige Tochter mit einer Taucherbrille in der Badewanne. Ein Bild ekstatischer Niedlichkeit, dem ich nicht widerstehen konnte. Ich hatte kaum mein Smartphone gezückt, da fragte das Kind: „Willst du das verschicken?“

Das Bild wurde übrigens nichts. Die Linse war beschlagen.

Arno Frank, 43, wurde 1971 erstmals fotografiert und würde heute, wie Thomas Pynchon bei den „Simpsons“, am liebsten mit Papiertüte überm Kopf herumlaufen