Mit Sex, Charme und Sarkozy

COMIC SOAP Mathilde schläft mit Arnaud. Arnaud schläft mit allen, auch mit Camille, Mathildes bester Freundin. Emmanuel würde auch gern mal ran. Um Spaß an der französischen Comicserie „Sechs aus 49“ zu haben, muss man keine TV-Soaps mögen. Aber es hilft

VON ELISE GRATON

Mathilde will gerade ihre Rechnung an der Restaurantkasse begleichen, als sie ein an der Bar sitzender Mann um drei Glückszahlen für seinen Lottoschein bittet. „Die Eins, die Zwei, die Drei“, antwortet die Jurastudentin genervt. Seine Telefonnummer – „Rufen Sie mich an, falls wir gewinnen“ – nimmt sie mit einer gereizten Geste des Unglaubens entgegen.

Nur schnell weg hier, zurück an die Uni, wo sie auf Camille (beste Freundin) und Arnaud (Trophäe und Jäger zugleich) trifft. Zwei Comicseiten später sitzt Mathilde mit ihren linksliberalen Eltern am heimischen Esstisch und streitet über Kader, den Lover ihres rechtskonservativen Bruders Romain. Im nebenher laufenden Fernseher bahnt sich indes die Lottoziehung an. Nach kaum zehn Minuten Lektüre ist die erste Episode der französischen Comicserie „Sechs aus 49“ vorbei. Kurz und bündig wurden die Hauptfiguren vorgestellt, die wichtigsten Themen angerissen, und … ach ja: Mathilde hatte die richtigen Zahlen.

Wie sich herausstellt, war es keine blöde Anmache des Fremden an der Bar: Herr Hippolyt Offman hält in Episode 3 sein Versprechen und teilt den Gewinn mit ihr: 60 Millionen Euro. Rien ne va plus! Der unerwartete Glückstreffer löst eine Serie von umso vorhersehbareren Umbrüchen und Umschwüngen im Leben der Figuren, deren Familien und Freunden aus.

Cadène schreibt das Drehbuch und lässt jede Episode von immer wechselnden ZeichnerInnen bebildern

30 Millionen Euro, „das sind 2.500 Jahre lang 1.000 Euro pro Monat“, sinniert Mathilde zunächst für sich allein. Die behütete Studentin hat wohl keine Ahnung, was das Leben in Paris kostet – und erst recht nicht, was es heißt, richtig reich zu sein.

Pariser Lebensrealität

Autor Thomas Cadène besitzt die Fähigkeit, verschiedenste Fernsehgenres im Comic zu vereinen: „Sechs aus 49“ bedient sich sowohl bei Seifenopern derbster Art als auch bei ausgeklügelten Charakter- und Milieustudien à la HBO. Hemdsärmelige Smalltalks und emotionsgeladene Schimpftiraden erweisen sich als aufschlussreiche Indikatoren für das heutige Leben in der französischen Hauptstadt. Zwischen den Zeilen kann sich der Leser ein Bild von den Auswirkungen stetig steigender Mietpreise auf die Pariser Lebensrealität, vom komplizierten Verhältnis eines schwindenden Mittelstands zum Geld, oder von der Sarkozy geschuldeten Verschiebung aller politischen Fronten nach rechts machen.

Interesse an der Idee einer „Bédénovela“, einem Comic im Stile einer TV-Soap, soll Thomas Cadène erstmals im November 2009 bekundet haben – im Rahmen einer Pressekonferenz zur zweiten Ausgabe seines eigens gegründeten „kleinsten und informellsten Comicfestivals der Welt“. Damals saßen Cadène und einige ZeichnerInnen in seiner Geburtsstadt Nîmes um einen kleinen Tisch und tauschten sich ganz informell über ihre jeweiligen Zukunftsprojekte aus. Sein Projekt stieß auf Begeisterung. Das Festival fand zwar nie statt, doch im März 2010 veröffentlicht er tatsächlich die erste Episode seines „Comic meets Telenovela“ im Internet. Die Dialoge stammen von ihm, der Strich, unverkennbar, von Bastien Vivès – einer der an der Runde beteiligten Comickünstler. Fortan erscheint täglich ein neues Kapitel. Cadène schreibt das Drehbuch und lässt jede Episode von immer wechselnden ZeichnerInnen bebildern. Es sind viele Unbekannte dabei, und es überrascht, wie die große, zunächst irritierende Stilvielfalt perfekt zum Konzept des Genres passt, von Folge zu Folge die Perspektive zu wechseln.

Die Serie kommt gut an, aber wer nach dem ersten Monat weiterlesen möchte, muss 2,79 Euro zahlen. Schlagartig fällt die Leserschaft von 5.000 tief in den dreistelligen Bereich. Später steigt die Abonnentenschar im Schnitt auf 1.350. Das klingt nach wenig und ist doch ein kleiner Lottogewinn, da hinter Cadènes Projekt weder eine Marketing-Abteilung noch ein Verlag stehen. Die ZeichnerInnen werden fair am Gewinn beteiligt.

Eine Idee verwirklichen

Ursprünglich war es gar nicht Cadènes Absicht, sich wirtschaftlich und künstlerisch zu emanzipieren oder den klassischen Verlagen eine lange Nase zu drehen, selbst wenn er aus eigener Erfahrung weiß, wie miserabel das übliche Autorenhonorar ist und wie selten wagemutige Buchkonzepte unterstützt werden. In erster Linie ging es ihm um die trotzige Verwirklichung einer Idee, die von vielen schon vor der Geburt für tot erklärt worden war. Letztlich bewies Cadène: Der Comic 2.0 hat Zukunft. Die Leute sind bereit, für Content im Internet zu zahlen. Klar ist die haptische Papierversion nach wie vor der Ritterschlag – den „Sechs aus 49“ bekommen hat: Mittlerweile wird die Serie als Sammelband beim Dupuis-Verlag herausgebracht.

Als das Projekt im Juni 2012 eingestellt wurde, lag das nicht nur an der Erschöpfung des Autors, sondern auch an seinem Wunsch aufzuhören, wenn es am schönsten ist. Zugleich war Sarkozy am Ende seiner Präsidentschaft, und keiner ahnte, wie die anstehende Europawahl ausgehen würde. Zur Vorgeschichte der jüngsten politischen Entwicklungen in Frankreich liefert „Sechs aus 49“ dennoch viele Hinweise. Seit Mai kann sich das deutsche Publikum einen Eindruck davon machen: Die Serie gibt es auf der Webseite der FAZ zu lesen. Und bei Schreiber & Leser erscheint im Herbst der vierte Band „04 Faustine“.

Die ersten drei Bände von „Sechs aus 49“ mit Zeichnungen von Arnaud Bastien Vivès, Aseyn, AK, Singeon, Sébastien Vassant u. a. (Szenario: Thomas Cadène) sind auf Deutsch bei Schreiber & Leser erschienen, jeweils um die 200 Seiten, 18,80 Euro