Mach’s noch einmal, Iwan!

Immer gleich vom Zweiten Weltkrieg erzählt und auf schlimme Völkerverständigungs-Klischees gesetzt: „Das deutsch-russische Soldatenwörterbuch“ in den Sophiensælen

„Das deutsch-russische Soldatenwörterbuch“ spielt, ach, in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Zunächst büffeln drei Frauen und drei Männer, einsam auf ihren Stühlen sitzend, deutsche und russische Vokabeln. Als sich die Figuren einzeln vom Spielfeldrand wegbewegen und ins Geschehen eintreten, stellen sie erst mal eine Vergewaltigung nach: Russische Soldaten „schänden“ ein deutsches Mädchen, lassen es liegen, verschließen die Kellertür. Sie schreit, sinkt in sich zusammen und „will vergessen“. Dass deutsche Soldaten „Kinder an den Füßen nahmen und gegen die Wand schleuderten“, kommt ein wenig später zur Sprache.

Das strikt zweisprachige Stück erzählt von keinen Einzelschicksalen. Die Menschen sind Figuren, ihre Bewegungen einstudierte Gesten, ihre Worte den Soldatenwörterbüchern der Wehrmacht und der Sowjetarmee entlehnt.

Das Konzept des Stücks von Aglaja Romanowskaja und Jelena Charlamowa ist also so schlecht nicht. Auch die durchweg sehr jungen DarstellerInnen sind handwerklich okay; all das, was man üben kann, können sie. Sie rezitieren, reden schnell, winden sich geschmeidig und können pfeifen. Vor allem aber können sie singen. In diesen Momenten gehört das Publikum ihnen. Der Kardinalfehler des Stücks aber resultiert aus der fehlenden Angst der Regisseurinnen vor Klischees. Da nützt dann auch die stellenweise durchaus clevere Collage aus Wörterbucheinträgen und Tagebuchaufzeichnungen nichts.

So werden Männer eingezogen, verlassen ihre natürlich gerade erst gefundene Liebe, schreiben nicht, sterben. Manchmal kommen sie auch zurück. Dann beginnt ein neues Drama. Die Frauen warten, trauern, werden vielfach vergewaltigt oder einfach so untreu. Immer ist ihr sexuelles Erwachsenwerden, ob freiwillig oder nicht, ob als Subjekt oder Objekt, mit einem schlechten Gewissen ob des moralischen Versagens verbunden. Am Ende verwalten die Männer ihren schlimmen Krieg, die Frauen ihre schuldbeladenen Körper. Eine Verständigung schlägt fehlt. Diese dumm vereinfachenden Geschichten sind bereits tausendfach erzählt worden. Richtig düster wird es, wenn Mann und Frau, Deutsche und Russen, kurzfristig harmonisieren, weil sie gemeinsam nationales Kulturgut absingen. Goethes „Erlkönig“ muss herhalten, Tschaikowsky auch. Jesus Christ: Wir leben im 21. Jahrhundert! Und wir wissen: Nationalistisch abgesegnete Hochkultur war nie ein Mittel gegen den Terror des Krieges. Nischen konnte sie überhaupt nur dann öffnen, wenn sie ganz individuell eingesetzt und überformt wurde. Ansonsten war sie auf allen Seiten wesentlicher Teil der rassistischen Propaganda und also wenig geeignet, den Kulturaustausch voranzutreiben. Die Krux der Inszenierung: Sie aktualisiert in bester Absicht eine grob rückwärts gewandte Idee von Völkerverständigung, die sich die so beliebte Förderung von bilateralen Kulturproduktionen zunutze macht