Flucht ohne Ursachen

FLUCHTBILDER „Exodus“ ist eine Bremer Ausstellung mit Arbeiten des brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado betitelt. Die Ästhetik von dessen Bildern ist regressiv: Flucht wird in ihnen zu einer Universalie der Menschheitsgeschichte verklärt

Menschen jesidischen Glaubens fliehen vor islamistischen Schlächtern in die Berge. Beinahe täglich erreichen schlecht ausgerüstete Flüchtlingsboote die europäische Küste. Auf dem Berliner Oranienplatz campierten über ein Jahr afrikanische Flüchtlinge aus Protest gegen Schikanen und Abschiebung. Flucht ist allgegenwärtig.

Das Bremer Focke-Museum zeigt zurzeit die große Schau „Exodus“, Flucht-Fotografien des 1944 in Brasilien geborenen Fotografen Sebastião Salgado. In den 90er-Jahren hat Salgado nahezu die ganze Welt bereist und Flüchtlingslager unter anderem in Ruanda, dem Libanon, im Südsudan und Kosovo besucht.

Berühmt geworden ist Salgado durch seine Langzeitreportagen aus afrikanischen und asiatischen Ländern. Er interessiert sich für die deklassierten Gruppen der Gesellschaft, gilt als kritischer und engagierter Fotograf.

Soweit das Wollen, soweit das Gelten. Die Ästhetik der Aufnahmen von Salgado hingegen ist problematisch, ja regressiv. Die Ausstellung ist es auch. Ihr Titel passt zu der schier unüberschaubaren Sammlung von Flüchtlingsbildern. Flucht wird sowohl in den einzelnen Aufnahmen, als auch in der Gesamtschau zu einer Universalie der Menschheitsgeschichte verklärt.

In den Bildern gibt es keine Kontexte, keine Fluchtursachen oder Umstände. Überhaupt finden sich kaum Spezifika, die auf irgendeinen konkreten Fluchtzusammenhang hinweisen könnten. Zwischen hunderten Schwarz-Weiß-Bildern kann man nur raten, in welcher schrecklichen Ecke dieser Welt man sich befindet. Natürlich gibt es Schilder, die einem sagen, wo man ist. Aber sollten Bilder nicht ein wenig eigenständiger lesbar sein?

So wie es keine Täter gibt, gibt es auch keine Opfer. In ihrem Aufbau gleichen die Bilder Stillleben, wie man sie aus den Gemäldegalerien kennt. Statt Äpfeln, Birnen, Traubenreben stehen Menschen zwischen kaputten Häusern, Zelten, Lastkraftwagen. Ganz natürlich. Als hätte sie da jemand hingepflanzt, als gehörten sie dahin. Kein Moment des Schocks, weder zwischen Fotograf und Objekt, noch zwischen Betrachter und Bild.

Da ist etwa eine Aufnahme aus dem Jahr 1998 aus Tijuana in Mexiko. Man sieht eine hügelige Landschaft. Massive Grenzzäune ziehen sich horizontal und vertikal durchs Bild. Sie sollen die unkontrollierte Einreise in die USA unterbinden. Zwei Männer sind auf dem Bild zu sehen. Der eine liegend, der andere stehend, parallel zum Zaunverlauf positioniert, als schmiegten sie sich an.

Ein anderes Bild zeigt ein Dutzend nackter Waisenkinder im Vorschulalter 1995 in Zaire. Eine alte Frau mit Kopftuch steht zwischen ihnen. Auch hier geschieht nichts. Ein harmonisches Tableau. Genauso wie die kosovarische Familie aus der Enklave Žepa: Erwachsene und Kinder liegen schlafend nebeneinander auf dem Boden, umrahmt von Kleidern, Schuhen, Taschen und Kanistern, bilden eine Landschaft, über die man den Blick streifen lassen kann.

Für Landschaften begeistert sich Salgado übrigens auch. Aufnahmen aus Reservaten veröffentlichte er im Band „Genesis“ – unterhalb von biblischem Pathos geht es offenbar nicht. Sieht man sich die Pinguine an, die da zwischen Felsen und Seeelefanten am Ufer vor Bergen herumstehen, deren Formen sie aufnehmen, versteht man auch Salgados Flüchtlingsbilder. Die Pinguine könnten auch Jesiden sein.