Im Psychodixieland

Einst war er einer der Härtesten, jetzt bekennt er sich zum niveauvollen Trash der frühen Elektropioniere: Aus Patric Catani wurde Candie Hank

Patric Catani ist jetzt Candie Hank. Und so wie das klingt, sieht er auch aus, anders als sonst auf jeden Fall: Die Haare trägt er zurückgegelt, dazu einen Anzug, der eher nach Flohmarkt als nach Herrenschneider aussieht. Was, bitte, soll das denn für ein Look sein? Was für ein Typ ist denn nun dieser Candie Hank, dieses scheinbare Ergebnis einer Persönlichkeitsspaltung, dessen neue Platte dieser Tage erscheint? „Candie Hank ist Dandytum wichtig, eine niveauvolle Präsentation gehört schon dazu“, erklärt Patric Catani, also Candie Hank. „Er ist eine Art Elvis in Rumänien, so etwas wie ein Dandy Ost.“ Ach so.

Candie Hank ist nicht bloß ein Pseudonym, wie es sich jeder dahergelaufene Elektronikproduzent zulegt, wenn er einmal etwas anderes auf Platte presst als üblich. Für Patric Catani ist Candie Hank eine neue Identität. Patric Catani, muss man dazu wissen, ist nicht nur einfach ein Teil des Berliner Undergrounds. In manchen Kreisen ist er eine echte Legende. Für die Breakcore-Szene gilt er als Pionier des Gabba, der schon als Teenager am Amiga derbe Brecher unter dem Pseudonym E De Cologne herausgehauen hat. Und als Teil des Labels Digital Hardcore Recordings rund um Alec Empire erspielte er sich als die eine Hälfte von ECOR den Ruf, einer der Härtesten der Harten zu sein, die Musikmedien-Anklage des Duos, „Spex is a fat bitch“, ist unvergessen.

Doch Patric Catani will das alles nicht mehr haben. Dass er mit ECOR zusammen mit Prodigy in Japan auftrat und linksradikale Slogans mit Elektropunk koppelte, das ist alles sehr lange her. Catani will ein neues Leben und er will es, zumindest vorerst, führen als Candie Hank. Alles, was vorher war – ausgenommen die Produzententätigkeit für die Berliner Puppenrapper Puppetmastaz –, soll fortan vergessen sein. Ein hehres Ziel, das musikalisch gar nicht so rabiat verfolgt wird: „Groucho Running“ baut zumindest auf dem auf, woran sich Patric Catani bereits abgearbeitet hat. Die Platte ist extrem schräg, trashig und humorvoll – insofern also doch ein bisschen wie gehabt. Es geht aber auf keinen Fall mehr um Härte, der Digital Hardcore vergangener Tage ist ganz weit weg. Es ist etwas anderes im Angebot: Hiphop, lustige Samples aus Filmen wie dem 1969er „The Italian Job“ mit Michael Caine, spaßige Rappelkistenelektronik, verdrehte Sounds, die sich für die nächste Staffel der „Raumpatrouille Orion“ bestens eignen würden. Einflüsse sind französisches Chanson, B-Movies, Surfsounds, Rock ’n’ Roll. Ungefähr das also, was auch Quentin Tarantino als Impulse für seine Arbeit angeben würde. Unbedingt postmodern soll es also schon zugehen.

Ein kohärentes Album ist so natürlich nicht entstanden, ja, es wurde hörbar ganz bewusst vermieden. Man hat es eher mit einer Sammlung von Silvesterkrachern zu tun, von denen jeder auf unterschiedlichste Weise zündet und dennoch jedes Mal einen Oho-Effekt auslöst. Die Stücke tragen Titel wie „Schurkenlounge“, „Disko der Aussätzigen“ oder „Psychodixie“. Der Sinn dieser Wortschöpfungen ist der, dass sie eigentlich keinen Sinn machen, außer zu der durchgedrehten Musik irgendwie zu passen.

Techno, funktionale Dance-Musik und Klicker-Klacker-Laptop-Elektronik haben durchaus schon einmal bessere Zeiten erlebt. Findet auch Candie Hank. Er möchte wieder Leben in den Betrieb bringen, man soll wieder lachen dürfen über elektronische Musik. Gerade das, was in Berlin so läuft, nervt ihn: Electroclash, Minimal-Techno, der ganze humorlose Käse. Candie Hank positioniert sich deshalb auf wohtuende Weise gegen den andauernden schrecklichen Berlin-Hype. „Ich selbst bin mehr im Ausland, als in Berlin“, sagt er. „Hier ist vieles total niveau- und kunstlos, und ich bin manchmal erstaunt, was sich die Leute alles bieten lassen. Teilweise finde ich es geradezu menschenverachtend, was in Berlin so an Trash-Techno in den Clubs zu hören ist.“

Candie Hank sagt also Nein zum aktuellen Status quo des Elektronikbetriebs und Ja zu – so nennt er das – „auf höchstem Niveau produziertem Schwachsinn“. Er will es wieder so, wie es früher einmal war, ganz früher, in den Sechzigern, als Musiker wie Bruce Haak, Jean-Jacques Perrey oder Raymond Scott, echte Pioniere der elektronischen Musik, Kokolores auf ihren Moogs veranstaltet haben und man deutlich hören konnte, welche Gaudi es gewesen sein muss, die Möglichkeiten der neuen Synthesizer auszuprobieren. „Groucho Running“ ist eine deutliche Hommage an diese Pioniere der Spaßmusik geworden.