• 26.02.2009

Berliner Liegenschaften

Alles muss raus - nur nicht sofort

Der Liegenschaftsfonds will auch 2009 hohe Gewinne einfahren. Angesichts der Finanzkrise ist das sehr ambitioniert. Grüne beklagen planlosen Ausverkauf.von GRIT WEIRAUCH

Dass die Bilanzpressekonferenz des Liegenschaftsfonds ausgerechnet am Aschermittwoch stattfand, hatte eine gewisse Komik: Denn noch nie fiel so viel Asche aus Grundstücksverkäufen für das Land Berlin ab, und noch nie schienen die Aussichten so düster wie für dieses Jahr.

Eine Rekordsumme von 284 Millionen Euro hat die Gesellschaft zum Verkauf landeseigener Immobilien an die Landeskasse überwiesen - 52 Millionen mehr als 2007. Insgesamt wurden 584 Immobilien verkauft.

<typohead type="5">1. Schwanenwerder</typohead>

<typohead type="3">WANNSEE-PERLE</typohead>

Das Objekt: "Die zwischen Pfaueninsel und Grunewald am Großen Wannsee gelegene Insel Schwanenwerder stellt eine der hochwertigsten Wohnlagen Berlins dar", schreibt der Liegenschaftsfonds. Einst hatte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels ein Grundstück zum Spottpreis erworben. So was soll nicht mehr passieren. Bis 2003 wurde das Gelände als Kinder- und Jugenderholungsstätten genutzt. Alle drei zum Verkauf stehenden Grundstücke haben breite Uferbereiche und weisen dichten Baumbestand auf.

Fazit: Kann man nur hoffen, dass der Nabu mitbieten wird.

 

<typohead type="5">2. Krausenblock</typohead>

<typohead type="3">ZENTRALE PLATTE</typohead>

Das Objekt: "Der City-Standort zeichnet sich durch seine interessante Lage im historischen Medienviertel und durch seine Nähe zu attraktiven städtischen Bereichen wie Friedrichstraße, Gendarmenmarkt und Hausvogteiplatz aus", heißt es im Prospekt. Sprich, alles boomt, nur hier nicht. Unmittelbar nebenan gibt es "kompakte Blockbebauung" an der Leipziger Straße. Die Liegenschaft ist mit zwei ehemaligen Schulen aus den 70er-Jahren überbaut. Daher versucht man den Krausenblock zwischen Krausen- und Markgrafenstraße irgendwie zu verhökern.

Fazit: Völlig uninteressant

 

<typohead type="5">3.) Amerika Haus</typohead>

<typohead type="3">GESCGHICHTSHÜTTE</typohead>

Das Objekt: Das denkmalgeschützte Haus am Bahnhof Zoo in der Hardenbergstraße steht seit Dezember zum Verkauf. Es wurde 1956/57 für das Kultur- und Informationszentrum des United States Information Service (USIS) gebaut. Gesucht wird ein Käufer, der das Haus vorwiegend kulturwirtschaftlich nutzt, heißt es im Ausschreibungstext. Noch bis Ende Februar kann geboten werden.

Fazit: Vielleicht bietet ja Barack Obama mit, um sein Land zu retten. Oder ein reich gewordener Alt-68er, der früher dort immer wieder mal gern dran vorbeidemonstriert hat.

 

<typohead type="5">4. Studentenwohnheime</typohead>

<typohead type="3">STALINS BAUSTIL

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Objekt: "Es handelt sich bei dem Grundstück um ein circa 27.171 großes, bebautes Eckgrundstück zwischen Treskowallee und Hönower Straße", verkündetet der Liegenschaftsfonds. Die Mehrgeschosser darauf wurden um 1950 im stalinistischen Baustil errichtet und bis 1990 als Studentenwohnheime genutzt. Parkplätze und Grünflächen gibt es auch noch.

Fazit: Das sind nicht gerade die Prachtbauten des sozialistischen Boulevards an der Karl-Marx-Allee, es sieht aber ein wenig so aus. Und nach einem Kilometer Fußweg ist man schon am S-Bahnhof Karlshorst. Für Liebhaber.

 

<typohead type="5">5. Kreuzberger Ecke

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<typohead type="3">GLASHAUS MIT CLUB</typohead>

Das Objekt: Direkt an der Schlesischen Straße und der Oberbaumstraße gelegen - dort wo die U 1 auf die Oberbaumbrücke kurvt. In der eingeschossigen Produktionshalle befindet sich derzeit der Szeneclub Lux. Hinzu kommen laut Liegenschaftsfonds "mehrere selbstgezimmerte Unterstände sowie ein Container". Alle aufstehenden Baulichkeiten seien abrissreif.

Fazit: Bis zum 18. März läuft das Bieterverfahren. Also schnell noch Gebot abgeben und verhindern, dass hier schnöde Wohnungen entstehen. Der Augenblick ist günstig. Großinvestoren kriegen derzeit auch kein Geld.

 

<typohead type="5">6. Blücherstraße</typohead>

<typohead type="3">SENIORENTURM</typohead>

Es handelt sich um ein bis zu elfgeschossiges Seniorenwohnheim mit integrierter Seniorenfreizeitstätte. Rund 63 Prozent der Wohnungen sind vermietet. Grundsätzlich handelt es sich um Einzimmerwohnungen, die zwischen 25 und 38 Quadratmeter groß sind. Also winzig - und ziemlich schrottig: Die Bebauung ist instandsetzungs- und modernisierungsbedürftig, so der Liegenschaftsfonds.

Fazit: Das Gebäude aus dem sozialen Wohnungsbau der 60er-Jahre steht nicht unter Denkmalschutz. Unser Tipp: abreißen und stattdessen Mehrgenerationenhäuser bauen.

 

<typohead type="5">7. Charlottenburger Traum</typohead>

<typohead type="3">DAS KRANKENHAUS</typohead>

Das Objekt: Das ehemalige Krankenhaus an der Gierkezeile in Charlottenburg hat fast 150 Jahre auf dem Buckel. Es besteht aus drei Gebäuden aus roten Ziegeln beziehungsweise gelben Backsteinen und verfügt über hohe, luftige Räumen und Säle. Ein Haus hat ein kirchenähnliches Portal. Gegenüber liegt ein etwas öder Parkplatz.

Fazit: In dem Gebäudeensemble ließen sich sicherlich die tollsten Projekte verwirklichen. Mit der nötigen Kohle aber könnte man dort auch hippe Wohnträume realisieren. Die mit der nötigen Kohle werden sich wohl durchsetzen.

 

 

<typohead type="5">8. Seenähe

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<typohead type="3">REETHAUS IN CHARLOTTENBURG</typohead>

Das Objekt: Ein fast 2.000 Quadratmeter großes Grundstück in Charlottenburg, an einer gering frequentierten Straße, wo nur die Anlieger aus und in ihre Garagen fahren. Östlich des Grundstücks befindet sich Wald, drum herum nichts als kleine Villen. Im Westen der Stößensee. Und besonderes Highlight: ein ausbaufähiges Steildach - reetgedeckt! Fühlt man sich gleich wie in den Ferien an der Ostsee. Bis Ende 2007 war hier die Bildungsstätte des benachbarten Touro College.

Fazit: Super Alternative, wenn man beim Objekt Insel Schwanenwerder überboten wurde. Vorsicht: Dach fängt leicht Feuer!

 

Wieitere Infos unter auf der Hompage des Liegenschaftsfonds.

 

 

 

 

 

 

Das Ergebnis allerdings stecke "wie ein Klos im Hals", sagt Geschäftsführer Holger Lippmann. Denn die Wirtschaftskrise hat bereits im zweiten Halbjahr 2008 hart durchgeschlagen: Im November und Dezember ging das sogenannte Beurkundungsvolumen um 70 Prozent zurück. Das heißt, die Verkäufe sind faktisch zum Erliegen gekommen.

Auch für das erste Halbjahr 2009 erwartet Aufsichtsratsvorsitzender Klaus Teichert "keine allzu großen Wunder". Auch der Liegenschaftsfonds leide darunter, dass Banken für größere Investitionen derzeit kaum Kredite vergeben. Außerdem werde das Geschäft zunehmend kleinteiliger, größere Flächenverkäufe von über 10.000 Quadratmeter werde es kaum geben. Trotzdem hat der Liegenschaftsfonds das ambitionierte Ziel, in diesem Jahr Erlöse in Höhe von 240 Millionen Euro an das Land zu überweisen.

"Ich rechne damit, dass die Schockstarre im zweiten Halbjahr überwunden wird", sagt Lippmann. Bis dahin werde man aber gar nicht erst versuchen, hochpreisige Grundstücke wie auf der Wannseeinsel Schwanenwerder (siehe Kasten) auf den Markt zu bringen. Weitere solcher Grundstücksperlen kann der Liegenschaftsfonds allerdings kaum mehr vorweisen. Deshalb wird künftig genauer bei den Bezirken geschaut, welche Immobilien dort veräußert werden können. "Die Bezirke haben noch Schätze im Portfolio", sagt Teichert, "und es gilt, diese zu heben."

Gegen diese "Alles muss-raus-Mentalität" des Liegenschaftsfonds laufen Grünen-Politiker Sturm: "Verkaufen ist nicht alles", sagt der haushaltspolitische Sprecher, Jochen Esser. "Die alleinige Orientierung an Rekordverkaufsergebnissen muss ein Ende haben." Und auch der baupolitische Sprecher, Andreas Otto, warnt: "Der Senat hat sich keine Gedanken darüber gemacht, wie Berlin in 20 Jahren aussehen soll." Die Stadt benötige auch künftig Flächen für Kitas, Schulen, Begegnungsstätten für Senioren. Vor allem die Bezirke wüssten um den Bedarf, seien aber dem Druck der Finanzverwaltung ausgesetzt, das Maximale an Gewinn herauszuholen.

Dabei sei im Gesellschaftervertrag des Liegenschaftsfonds "eine an wirtschafts-, stadtentwicklungs- und wohnungspolitischen Zielen orientierte Verwertung der Grundstücke des Landes Berlin" festgeschrieben. Doch der finanzpolitische Grundsatz habe so durchgeschlagen, meint Otto, dass Stadtentwicklungspolitik nicht mehr stattfinde.

Vor allem sind die Grünen über das Vorzeigeprojekt der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung verärgert: Baugruppen wurden Grundstücke des Fonds zu Festpreisen angeboten. Doch die gerade mal fünf Areale sind laut Otto entweder "Ladenhüter" oder unbezahlbar. "Es fehlt der politische Wille, geeignete Grundstücke zur Verfügung zu stellen", sagt auch Baugruppenexperte Michael LaFond vom Institut für kreative Nachhaltigkeit. Das Vergabeverfahren müsse deutlich vereinfacht werden. Selbst das würde wenig helfen. Für dieses Jahr haben Senat und Liegenschaftsfonds bisher keine neuen Grundstücke für Baugruppen zur Verfügung gestellt.

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