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Erfahrungssatte Schritte

Die DVD „Damen und Herren ab 65“ von Lilo Mangelsdorf ist ab rund 15 Euro erhältlich

Damen und Herren ab 65 ist ein Dokumentarfilm von Lilo Mangelsdorff über eine Pina-Bausch-Inszenierung, in dem Pina Bausch selbst gar nicht vorkommt. Sie hat das Tanzstück, um das es geht, im Jahr 1978 choreografiert. Da hieß es „Kontakthof“ und wurde vom Bausch-Ensemble in Wuppertal uraufgeführt. Der Rahmen des Stücks, seine Fiktion, ist ein Tanzkurs. Männer und Frauen begegnen sich hier und spielen – und kämpfen – so ziemlich alle Varianten der Anbahnung und Fortsetzung von Paarbildung und Geschlechterbeziehungen durch. „Kontakthof“ ist eine klassische Bausch-Choreografie – keine menschliche Regung im tänzerischen und jedem anderen Sinn des Worts ist ihr fremd.

Für die von Pina Bausch zusammengestellte Truppe galten die üblichen strengen Körper- und Schönheitsideale noch nie. Dass es ihr bei aller Strenge nicht um Virtuosität zu tun war, sondern immer auch um die Individualität von erarbeiteter Bewegung und gefundenem Ausdruck, machte das einzigartige Werk von Pina Bausch und ihres Ensembles selbst zu einer stilprägenden Legende. Gut zwanzig Jahre nach dem Original-„Kontakthof“ jedoch kam es zu einer Abweichung vom Profitänzertum ganz anderer Art: Bausch besetzte ihr Stück mit kompletten Tanzlaien im fortgeschrittenen Alter: mit Damen und Herren – nicht nur, aber vor allem – ab 65.

Man kann die SeniorInnen mit ihrer trockenen Ironie nur lieben

Weitere acht Jahre später übrigens gab es eine weitere Version, ebenfalls mit NichttänzerInnen, diesmal ab 14 – ein Tanzstunden-Verfremdungseffekt der noch einmal anderen Art. Dazu existiert ebenfalls eine Dokumentation, inzwischen auf DVD erschienen, Regie führten Anne Linsel und Rainer Hofmann. Während die Jugendlichen einerseits die Erfahrungen, die in Bauschs Choreografie stecken, gerade selbst (zu) machen (beginnen) und andererseits nach der Lebenserfahrung, die im Stück steckt, sich wie nach einer sehr hohen Decke strecken, sind die Seniorinnen und Senioren über das, was „Kontakthof“ verhandelt, in vieler Hinsicht scheinbar hinaus.

Schließlich sieht man hier Menschen, die in der Regel nicht nur ein erfolgreiches Berufsleben, sondern auch viel Erfahrung in Liebesanbahnung und Liebe und Kampf und Konflikt hinter sich haben. Genau darum, des Abgleichs und der erneuten Auseinandersetzung wegen jedoch ist der Prozess der Aneignung so interessant; auch daran, dass sie plötzlich wieder wie Schüler für ihre Fehler kritisiert werden, haben einige, wie sie offen erklären, ganz schön zu knabbern. Lilo Mangelsdorffs Film zeigt – mit der wunderbar genauen und unspektakulären Kamera Sophie Mantigneux’ – den Probenprozess und er präsentiert einzelne Damen und Herren als Talking Heads. Gerade wer das Geraune der Bausch-Tänzerinnen und -Tänzer in Wim Wenders’ schrecklich prätentiös-hagiografischem „Pina“-3-D-Film gesehen hat, kann die SeniorInnen mit ihren mal enthusiastischen, mal trocken-ironischen Selbstbeobachtungen zum Tanzen und Stehn auf der Bühne, zum Lieben und zum Leben als solchem nur lieben.

Es ist darüber hinaus außerordentlich aufschlussreich, die Arten der Vermittlung der historischen Choreografie zu erleben. Bausch selbst hat die Tänzerinnen und Tänzer zwar ausgewählt, ist in den Probenprozess aber nicht involviert. Zwei andere Medien kommen dafür zum Einsatz. Zum einen sieht man (sehen die Einstudierenden) auf kleinen Monitoren auf der Probebühne die Schwarz-Weiß-Aufnahmen einer Aufzeichnung der Originalchoreografie. Zum anderen aber werden sie von den Bausch-Tänzerinnen Josephine Ann Endicott und Beatrice Libonati instruiert, die ihre Stückerfahrung nun in Bewegung und Wort weitertragen. Beides zusammen lässt dennoch einen Freiheitsspielraum, den Libonati einmal mit einer Spur Ironie so formuliert: „Ihr könnt die Bewegungen gerne individuell ausgestalten, die Choreografie sollte man aber doch wiedererkennen.“

Wer über Lilo Mangelsdorffs Doku hinaus sehen will, wie triumphal diese Aneignung gelingt, kann übrigens auch eine Aufzeichnung von „Kontakthof“ mit Damen und Herren ab 65 als Beilage zu einem viersprachigen Buch im Handel erwerben.

EKKEHARD KNOERER