Fake it to make it!

TANZ Voguing ist Ernst und Spiel zugleich. Das lernt man in der 3. Ausgabe des Festivals Berlin Voguing Out ebenso wie Schritte und Haltungen, die Hieroglyphen gleichen

Einfache Schritte: Im Tango sind sie Manöver, im Walzer verkreiselt, im Ballett artifiziell und im zeitgenössischen Tanz Mittel zum Zweck. Es mag eine gewagte These sein, aber wohl in keinem anderen Tanz steht das Gehen so sehr im Zentrum wie im Voguing. Und auch hier will es gelernt sein.

■ 14. 8. Runway Preselection

■ 15. 8. Journey to the Far East Ball, TAK Theater im Aufbau Haus, Prinzenstraße 85 F

■ 14.–16. 8. Workshops mit Archie Burnett und Cesar Valentino, Motion*s Tanz- und Bewegungsstudio, Prinzenstraße 85 B

■ 16. 8. Creamcake X Berlin Voguing Out mit MikeQ (Qween Beat), Rushmore (House of Trax), Vjuan Allure (Elite Beatz), DJ Creamcake; Kantine am Berghain, Rüdersdorfer Str. 70

Workshop-Leiter Archie Burnett geht es gelassen an und vertraut auf die stampfenden House-Beats aus den Lautsprechern und den Willen der Tanzbegeisterten zur Nachahmung seines Gangs. Der Tänzer aus New York City unterrichtet in dieser Woche in einigen Tanzstilen, mit denen man beim Voguing auch dann eine gute Figur macht, wenn man unerfahren oder selbstbezogen ist, mehr oder sehr viel weniger Kilos auf die Waage bringt oder sich einfach anders fühlt als die sogenannte Mehrheitsgesellschaft.

Je überzogener, desto besser

Mit Schritten am Platz geht es los, die Fersen angehoben, stoßen die Hüften nach außen und die Schultern schnellen nach unten. Beim Gehen nach vorne werden die Ballen gekreuzt und das Becken vorgeschoben – je überzogener, desto besser. Manche kostet es Überwindung, andere kokettieren schon fleißig mit ihrem Spiegelbild. Es herrscht eine gelöste Atmosphäre – keine neidischen Blicke oder Konkurrenzgehabe stören den physischen Einblick in die Voguing-Kultur.

Archie Burnett kam das erste Mal Anfang der achtziger Jahre mit Voguing in Berührung, und zwar nicht im Club, sondern danach. Wenn sonntagmittags die Partys im legendären New Yorker The Loft endeten, schnappten er und ein Kumpel sich die Luftballons und tauschten sie im Washington Square Park gegen Batterien für die Boombox, um draußen weiterzufeiern. Im Park sah Burnett Voguing und war fasziniert: „Ich dachte, das muss ich mir sofort aneignen“, erzählt er im Gespräch. „Es war irgendwie verrückt, was die Jungs da machten. Aber niemand bringt es dir bei. Also freundest du dich mit den Leuten an und lernst, dass dieser Stil von dieser bestimmten Person kommt und jener von einer anderen.“

Die Tanzenden, afroamerikanische und lateinamerikanische Homo- und Transsexuelle, die von ihren Familien geächtet oder rausgeschmissen worden waren, zeigten untereinander eine Präsenz, die in der damaligen US-amerikanischen Öffentlichkeit nicht existierte. Sie ließen ihren Fantasien von Ruhm, Anerkennung und Vermögen freien Lauf. Als Inspirationen für ihre Personalstile nutzten sie Eindrücke aus Martial-Arts-Filmen, Hip-Hop, rhythmischer Gymnastik und stellten mit ihren Körpern ägyptische Hieroglyphen nach. Haltungen und Posen aus Modemagazinen wurden schließlich stilbildend für den Tanz, in dem jede Bewegung ein Foto markiert, eine Bewegungsfolge eine Fotoserie. Archie Burnett prüft deshalb sehr genau, ob die Linien, die mit Armen, artikulierten Handgelenken und Fingern um den Brustkorb und das Gesicht entworfen werden, wirklich gerade oder exakt gewinkelt sind.

„Vogue ist ein bisschen oberflächlich, weil man nach seinem äußeren Auftreten beurteilt wird“, sagt Burnett. „Wenn du aber sonst nichts hast, keine Arbeit, kein Geld, und du der Gesellschaft nichts bedeutest – you fake it to make it.“

Wettstreit auf dem Laufsteg

Gekonnt auf High Heels zu stolzieren ist eben noch lange nicht alles

Voguing lebt vom Spiel mit den Facetten des Fakes, von der Imitation bis zur vorsätzlichen Täuschung. Auf dem Runway, dem Laufsteg, auf dem Tanzende sich im Wettstreit um Aufmerksamkeit zu übertrumpfen suchen, kann dieses Spiel sehr ernst werden. Es gilt daher, sein Gegenüber einschätzen zu können, die „Judges“ mit allen Mitteln für sich zu gewinnen und mit präzisen Gesten zu kommunizieren.

Dass Voguing in seiner Vielfalt in Berlin ausprobiert und bewundert werden kann, ist Georgina Philp aka Leo Melody zu verdanken. Die professionelle Tänzerin gründete 2012 nach New Yorker Vorbild das erste „House“ in Deutschland, eine Art Wahlfamilie, deren Mitglieder sich im Leben und Tanzen gegenseitig inspirieren und unterstützen. Ihr Festival umfasst neben den Workshops in verschiedenen Stilen Filmscreenings und Lectures bis hin zum eigentlichen Ball und einer Modenschau von NachwuchsdesignerInnen.

Georgina Leo Melody ist am Donnerstag und Freitag Host des „Journey to the Far East Ball“, bei dem Drachen, Ninjas, Geishas, Hindu-Götter und Figuren aus der Pekingoper auftreten werden. DJ Vjuan Allure aus New York und der DJ und Journalist Jan Kedves alias House of Shade sorgen für die nötigen Beats. Mit so vielen Eindrücken vor Augen wird man danach besser unterscheiden können zwischen Tanzenden, die wirklich eingetaucht sind in die Voguing-Kultur, und denen, die es nur zu „Vagueing“, also irgendetwas Entferntem, gebracht haben. Gekonnt auf High Heels zu stolzieren ist eben noch lange nicht alles.