Fast schon ästhetische Inzucht

KATAKOMBEN DER EKSTASE Zum 10. Geburtstag gönnt sich das Berghain eine Kunstausstellung – überraschen kann die Schau langjähriger Berghain-Weggefährten allerdings nur in einem Fall

VON INGO AREND

Aus dem Berliner Technoclub Ostgut entstanden, eröffnete das Berghain, dessen Name sich Bezirksnamen Friedrichshain-Kreuzberg ableitet, 2004 im Gebäude eines ehemaligen Heizkraftwerks am Ostbahnhof. Der „Techno-Tempel“ feiert das Jubiläum mit der Ausstellung „Zehn Jahre Berghain“, in der künstlerische Arbeiten von Wegbegleitern der letzten Jahre gezeigt werden. Ein Katalog erscheint im Herbst.

■ „10“: Halle am Berghain, Am Wriezener Bahnhof, bis 31. 8., Di.–So. 16–23 Uhr, 5 €

Wann immer die Rede auf das Berghain kommt, hagelt es Superlative. Als „besten Club der Welt“ bezeichnete die New York Times 2009 den Sex- und Techno-Club in dem ehemaligen Heizkraftwerk gleich hinter dem Berliner Ostbahnhof. Seitdem dreht sich die nach oben offene Mythisierungsspirale. Spätestens seit der Blogger Airen seine sexuelle Sozialisation in den Katakomben des sozialistischen Neoklassizismus öffentlich machte, steht das Berghain als globales Synonym für Euphorie, Eskapismus und die Suche nach Entgrenzung.

Zehn Jahre ist der Club in diesem Jahr geworden. Und feiert nun sein Jubiläum mit einer Kunstausstellung. Doch braucht es, wenn in geschätzten 1.000 virtuellen Weblogs das Berghain als „surreale Welt“ gepriesen wird; wenn der Club selbst schon Kunst ist, wie es der Berliner Künstler Piotr Nathan kürzlich anmerkte, dann noch eine Kunstausstellung in diesem Hardcore-Bunker, der bereits selbst schon ein Architektur-Denkmal geworden ist?

Es sei denn als Hommage an die vielen Künstler, die in und um diesen Club arbeiten – freilich ohne ihn bislang in einen antikommerziellen Projektraum verwandelt zu haben. Fast eher ist das Berghain inzwischen zu einer Art Konzerthaus der Berliner Republik aufgestiegen – so wie das Haus mit hybrider Kost und anzüglicher Szene den etablierten Kulturinstitutionen den Rang abzulaufen beginnt.

Ästhetische Inzucht wäre vielleicht ein zu hartes Urteil für die Schau, die Kurator Christoph Tannert, Chef des Künstlerhauses Bethanien, in der, „Kubus“ genannten“ Zweithalle des 20 Meter hohen Kolosses zusammengestellt hat. Künstler wie Norbert Bisky oder Pjotr Nathan beziehen ihre Legitimation natürlich nicht nur aus Berghain-Credits. Doch die Ausstellung krankt mitunter an der Vorgabe seiner Betreiber, der Kurator möge Künstlerinnen aus dem Umfeld des Hauses präsentieren. Und dessen neun Gäste greifen allzu bereitwillig Referenzen auf, die der Ort und seine Geschichte vorgeben.

Piotr Nathan hat in seiner Installation mit Graffiti beschmierte Toilettentüren aufgebahrt. Das kann man für „Traumdeutung“ – so der Titel der Arbeit – halten. Im Berghain sind Toiletten bekanntlich nicht nur Entsorgungseinrichtungen für überzählige Exkremente, sondern Orte des gemeinsam praktizierten Rauschs und der sexuellen Enthemmung.

Damit werden aber genauso Eulen nach Athen getragen wie mit Norbert Biskys „Tanzteppich“. Das gute Stück, das der Berliner Maler 2013 für den Ballett-Abend „Masse“ in der großen Halle des Partyvolkes ausbreitete, hat er in zwei Teile geschnitten und an einem rotierenden Metallrahmen unter der Decke befestigt.

In einem vier Meter langen Aquarium: der gesammelte Urin von Berghain-Clubbern

Die nun lappig schwingenden Fahnen sind ein Tribut an – ja was wohl? – den Tanz, die Bewegung, die hedonistische Energie, mit der sich hier jeder ab Freitagnacht für fünf graue Arbeitstage auflädt. Ost-Punk Sven Marquardt, global gefürchteter Einlasser, inszeniert in seinen Fotos einmal mehr die Riege harter Männer und Frauen in Leder vor Ruinenkulisse, vor denen sich die flatterhaften Partywürmchen aus ganz Europa, die Marquardt an der Tür des Höllenschlunds allabendlich grundlos abweist, so gern gruseln. Eigentlich fehlen in dieser mehr oder weniger subtilen Feier diverser Berghain-Fetische nur ein Kondom-Mobile à la Alexander Calder oder eine Crisco-Fettecke à la Beuys.

Es ist nicht so, dass dieser Kunst die Fähigkeit zu (Selbst-) Ironie und Abstraktion fehlte. Die Tattoo-Bögen, mit der Marc Bardenburg die Fenster seiner Kiosk-Skulptur bepflastert hat, rufen den Doppelcharakter der ubiquitären Fetische zwischen artistischer Selbststilisierung und Kommerzialisierung auf: Zu unregelmäßigen Zeiten kann man sie dort kaufen. Viron Erol Vert hat seinen Irrgarten der Lüste „Metropolis 1“ aus schwarzen Paravents mit rätselhaften Skulpturen verfremdet. Und Carsten Nicolai führt in seiner Arbeit „thermic“ die mythisch aufgeladene Berghain-„Energie“ auf ihre physikalische Basis zurück. Der Schattenwurf einer Lichtprojektion auf eine weiße Fläche macht die Wellen der in dem Kraftwerk produzierten Wärme sichtbar. Trotzdem: Eine kritische Außenperspektive auf das Berghain, eine jenseits der boys in the band, hätte die Schau mit dem schlichten Titel „10“ durchaus vertragen.

Streng genommen hätte es gereicht, einfach nur eine sehr gute Ausstellung zu machen. Anstatt sich auf Urin, Schweiß und Tattoos zu verlassen. Denn was macht gute Kunst anderes aus als Entgrenzung? Am besten ist es vielleicht Sarah Schönfelder, Barkeeperin im Berghain, gelungen, dessen Weg von der Kläranlage des Leiblichen zum Tempel des Künstlichen zu versinnbildlichen. Sie bringt das Sakrale des Rauschs zum Leuchten, wenn sie den aufgefangenen Schweiß der Partygänger chemisch präparierte Samtbahnen violett färben lässt. Im Untergeschoss des Kubus hat sie den gesammelten Urin von Berghain-Clubbern in einem vier Meter langen Aquarium gesammelt. Von beiden Seiten beleuchtet, verwandeln sich die flüssigen Reste körperlichster Ekstase plötzlich in ein trancehaft schillerndes Monument absoluter Schönheit.