NOEMI MOLITOR

schaut sich in den Galerien von Berlin um

Bewegungen hinterlassen Spuren. Klingt erst mal nicht weiter tragisch, kann aber sehr spannungsgeladen sein. Vor allem wenn es sich um unabsichtliche, zufällige, unberechenbare Spuren handelt und jemand sich die Arbeit macht, sie zum Vorschein zu bringen. In ihrer Performance/Mal-Session zur Eröffnung der Einzelausstellung „s/w“ im Scotty Enterprises hat Nicole Wendel zum Beispiel Teile ihrer akuraten, weißen Kreide-Landschaften auf schwarzen Tafeln mit den Händen und Füßen zu großen Teilen verwischt. Die Musik, die sie dabei auf den Kopfhörern hatte, können inzwischen auch die Besucher_innen hören und die Performanz auf Video nachvollziehen. Die Geste ist zerstörerisch, doch Wendel führt sie so sanft aus, das der Kontrast zwischen der Gewalt des Mal/Lösch-Aktes und ihren vorsichtig-präzisen Fußbewegungen fast unangenehm wird. Man wünscht sich, sie würde die ganze Schmierspurerei in einem weiteren Zyklus weiter auf die Spitze treiben, um zu sehen, was passiert, wenn nur noch Kreidestaub übrig bleibt (Noch bis 16. 8, Mi–Fr 15–19, Oranienstr. 46) Die Gruppenausstellung „Trace“ bei Aando Fine Arts hat Spuren ebenfalls zum Thema erklärt, doch scheint das Konzeptuelle an manchen Stellen spurlos verschwunden zu sein. Dafür gibt es ein paar besondere Highlights, bei denen die Spur oft Linie ist und mal verstecktes (Gewalt-)Potenzial. Dann etwas, das nur kurz sichtbar wird und wieder verschwindet, als sei nichts gewesen. Adriane Wachholz ist der Raumstruktur gefolgt, hat ihre Lieblingsstelle nachgezeichnet und dann mit einer Videoprojektion überlagert. Je nachdem wie sich das Licht im Raum verändert, treten die Farbtöne der vielen Linien und Felder, die sie auf eine Stelle zusammenpackt, unterschiedlich hervor, verschwinden und tauchen wieder auf. Andreas Greiner und Armin Keplinger haben scharfe Munition samt Detonator in einem Block aus Harz eingeschlossen. So ist sie für den Moment aus dem Verkehr gezogen. „Potentielle Sprengung“ heißt das Ganze: Hoffentlich schmilzt nichts. Im Keller fliegt Erik Olofsen im Ein-Kanal-Video-Loop „In Place“ immer wieder ins Bild und stürzt in Zeitlupe in eine Stadt aus Schaumstoff. Erst kippen die Hochhäuser langsam zur Seite, dann biegt sich der Boden herrlich langsam bis aus dem Bildrand nach unten, bis Olofson fast vollständig absorbiert ist. Genüsslich langsam titscht die Matratze wieder hoch, Olofsen wird wie auf Watte zurückgetragen, verschwindet. Die Stadt erscheint wieder unversehrt, als sei er nie dagewesen. Schaumstoff ist auch so ein Spuren-Verwischer der weichen Sorte (Di–Sa 12–18, Tucholskystr. 35)