Das Erbe der Atheisten

RADIKALE AUFKLÄRUNG Philipp Blom rückt die wiederzuentdeckenden Denker Diderot und d’Holbach ins Zentrum des Geschehens

Die Geschichte kennt keine Gerechtigkeit, auch nicht die Geschichte der Ideen. Machtkämpfe oder politische Weichenstellungen können für die Kanonisierung von Denkern folgenreicher sein als ihr Werk. Die Aufklärung macht da keine Ausnahme. Während die Namen Rousseau und Voltaire den Diskurs über die Aufklärung in Frankreich dominieren, spielten entscheidende Figuren dieser Epoche wie Denis Diderot und vor allem Paul Thiry d’Holbach eine untergeordnete Rolle.

Zu Unrecht, wie der Wiener Historiker Philipp Blom in seinem Buch „Böse Philosophen“ nachzeichnet. Dabei konzentriert er sich auf einen Aspekt der Aufklärung, der mit der Französischen Revolution vorübergehend in Vergessenheit geraten war: die radikale Aufklärung des Salons des Barons d’Holbach, der gemeinsam mit seinem Freund Diderot im Paris des 18. Jahrhunderts die brillantesten Geister seiner Zeit zu Diners und Debatten über Wissenschaft und Philosophie versammelte. Auch der Philosoph David Hume leistete ihnen während seiner Zeit in Paris Gesellschaft. An der Entwicklung des Salons, die Blom in einer Engführung von Ideengeschichte und persönlichen Schicksalen nachzeichnet, beeindruckt nicht nur die Selbstverständlichkeit, mit der dort ein transdisziplinärer Austausch stattfand. Am kühnsten erscheint der intellektuelle Mut, mit dem hier zum Teil unter Lebensgefahr gedacht wurde. Denn Holbach und Diderot waren überzeugte Atheisten.

Holbach verfasste daher einen Großteil seiner atheistischen Polemiken anonym oder unter Pseudonym. Seiner Bekanntheit als Publizist leistete dies wenig Vorschub. Dass Blom den Denker wieder in Erinnerung ruft und die wichtigsten Stationen seines Lebens anschaulich macht, ist ein großes Verdienst seiner Darstellung.

Überhaupt gelingt es Blom sehr überzeugend, die Gedanken der Epoche wieder zum Leben zu erwecken und deutlich zu machen, wie etwa die religionskritischen Schriften eines Baruch Spinoza das Denken von Diderot und Holbach prägten. Dass ein stärker auf Ansehen und persönlichen Erfolg bedachter Denker wie Voltaire an den atheistischen Umtrieben des Salons von Holbach wenig Gefallen fand und die Verbreitung atheistischer Gedanken mitunter eigenhändig unterdrückte, indem er Schriften in stark verstümmelter Form herausgab, lässt den Aufklärer recht verschattet erscheinen. Wenn es in diesem Buch „böse“ Philosophen gibt, dann sind es lediglich Voltaire und Rousseau, an denen der Autor kaum ein gutes Haar lässt, wobei er in seiner Parteinahme gelegentlich übers Ziel hinausschießt. Insbesondere Rousseaus Paranoia nimmt Blom zum Anlass, in aller Ausführlichkeit darzulegen, welche verheerenden Auswirkungen der Gemütszustand des Schriftstellers auf seine engsten Freundschaften hatte, einschließlich der zu Diderot. Umgekehrt lässt sich Blom aber nicht dazu hinreißen, seine Hauptfiguren in idealisierter Form zu schildern. So erwies sich Diderot in einer Auseinandersetzung mit dem italienischen Strafrechtsreformer Cesare Beccaria und dessen Plädoyer gegen die Todesstrafe als erstaunlich desinteressiert: 300 Hinrichtungen pro Jahr in Frankreich seien schließlich akzeptabel.

Blom mag nicht der erste Autor sein, der sich der radikalen Aufklärung widmet – in seiner Bibliografie hebt er ausdrücklich die Arbeiten von Peter Gay und Jonathan Israel hervor –, dafür ist seine Geschichte des Holbach’schen Salons die erste auf Deutsch erschienene Darstellung. Ob Blom ebenfalls – wie er in der Einleitung andeutet – einen Beitrag dazu geleistet hat, die christlichen Rudimente in aktuellen wissenschaftsethischen Diskursen wie bei der Debatte um die Präimplantationsdiagnostik zu entlarven, sei dahingestellt. Die von ihm propagierte positivistische Haltung als Allheilmittel gegen theologische Restbestände gegenwärtigen Denkens erscheint da etwas naiv. Mit diesem Buch ruft er jedoch in Erinnerung, wie wenig selbstverständlich ein von religiösen Dogmen unabhängiges Weltbild auch heute ist: Einen Kampfbegriff wie den derzeit so beliebten „Aufklärungsfundamentalismus“ möchte man nach der Lektüre nicht mehr hören.