SHEILA MYSOREKAR POLITIK VON UNTEN

Verfassungsgemäß schunkeln

Warum ich gern einen Innenminister aus diesem Jahrhundert hätte

Karneval ist vorbei. Der rheinische Eingeborene steht aus den Bierlachen auf, kämmt sich das Konfetti aus den Haaren und wankt zur Arbeit. Immer wieder schön. Und weil ich eine begeisterte Verfechterin lokalen Brauchtums bin – egal wo in der Welt –, bin ich dabei. Aber so was von dabei. Gründonnerstag bis Aschermittwoch. Tag und Nacht. Dieses Jahr als Zirkusdirektor und Meerjungfrau. Teilnehmende Beobachtung, wie der Ethnologe sagt.

Meine Kölner Freunde und Freundinnen sind alle dabei. Afrodeutsche, Exjugoslawen, Indodeutsche, Latinos, ein Türke, diesmal in einer Art interreligiösem Crossdressing als Mönch verkleidet, – ja, und weiße Deutsche natürlich auch. Die nehmen wir schon mit. Christen und Muslime, Schwarz und Weiß schunkeln aufs Harmonischste, so wie wir das verfassungsgemäß das ganze Jahr über machen müssten. Geht also doch.

Ist das so schwer zu verstehen im Rest der Republik? Der frischgebackene Innenminister Hans-Peter Friedrich sagte als erste Amtshandlung, bevor die Farbe seines Namenszugs auf der neuen Bürotür überhaupt getrocknet war – dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre und es keine historischen Belege dafür gebe, dass er je dazugehört habe. Die lieferte dann der Spiegel-Online-Redakteur Yassin Musharbash unter dem ebenso schlichten wie wahren Titel „Der Minister hat Unrecht“. Seine Geschichtsnachhilfe: 1732 ließ Friedrich Wilhelm I. die erste Moschee auf deutschem Boden bauen – für eine Gruppe türkischer Garnisonssoldaten. 1762 war ein islamisches Korps Teil der preußischen Armee. Seit 1798 gab es in Berlin einen islamischen Friedhof. 1807 kämpften deutsche Muslime für Preußen gegen Napoleon. „Das ist, genau genommen, länger, als es Deutschland als Einheitsstaat gibt“, schreibt Musharbash. Aber warum sollte sich der Minister seine schöne Polemik durch schnöde Fakten verderben lassen.

Möglicherweise hat Herr Friedrich einfach noch nie davon gehört, dass die Gegenwart sich kontinuierlich verändert und damit auch die Historie. Nämlich von dem Moment an, in dem die Gegenwart zur Vergangenheit wird. Damit wird das, was heute Realität ist, etwa die Millionen Muslime in Deutschland, schon nächsten Tag historisch belegte Tatsache und somit … ach egal. Ich stelle mir, sozusagen als historisches Kontinuum, die Diskussion damals unter den Germanen vor: „Das Christentum gehört nicht nach Germanien, da gibt’s keinen historischen Beleg für. Massakriert die Missionare! Heil Thor!“

Jetzt sagte der Innenminister, er freue sich auf die nächste Runde der Islamkonferenz, deren Vorsitz er hat. Ich sage das ungern, das mit dem „Bock zum Gärtner“, aber irgendwie …

Trotzdem, man sollte ganz optimistisch darauf setzen, dass der Minister wirklich lernfreudig ist und erkannt hat, dass er weder von Geschichte noch von der Gegenwart etwas versteht. Was ja bitter ist für einen Innenminister, selbst wenn er aus Bayern kommt. Vielleicht ist er ein Zeitreisender aus der Zukunft? Oder im Gegenteil, er ist aus der vorislamischen Vergangenheit, also vor dem 7. Jahrhundert unserer Zeitrechnung? Deswegen erinnert er sich an nichts?! Oh Gott. Es muss ja gar kein Linker sein für das Innenministerium. Ich hätte nur gern jemanden aus diesem Jahrhundert.

Die Autorin ist Journalistin und in der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland Foto: Firat Bagdu