„Verdammt zu ewiger Bewegung“

Christian Petzolds Film „Yella“ (Wettbewerb) erzählt von einer Frau, die aus der ostdeutschen Kleinstadt in die Welt des Venture-Kapitals schlittert. Ein Gespräch mit dem Regisseur über Menschen in Hotels und darüber, wie Ausrangierte gehen

taz: Herr Petzold, „Yella“ hat zwei Eltern: „Carnival of Souls“ von Herk Harvey und „Nicht ohne Risiko“ von Harun Farocki. Der erste Film ist ein Horrorfilm von 1962, der zweite eine Dokumentation über Risikokapitalverhandlungen aus dem Jahr 2004. Wie kam es zu dieser Verbindung?

Christian Petzold: Harun Farocki und ich, wir haben immer darüber nachgedacht, mit welchen Bildern man den modernen Kapitalismus beschreiben kann. Man versucht ja, Private-Equity-Leute als Heuschrecken zu präsentieren. Das heißt, man setzt alte Monster für etwas Modernes ein. Aber das Moderne ist keine Heuschrecke. Die Frage ist: Was ist das Neue, und wie kann man es erzählen?

Als Gespenstergeschichte?

Seit Harun und ich zusammen Drehbücher schreiben, findet viel von seiner dokumentarischen Arbeit einen Niederschlag in meinen Filmen. Bewerbungsseminare für Langzeitarbeitslose kamen in „Die Beischlafdiebin“ vor, „Nicht ohne Risiko“ ist fast ein modernes Shakespeare-Drama. Merkwürdigerweise taucht immer der Tod auf, das Geisterhafte dieser Existenzen, die zugleich so wahnsinnig modern sind. Alles ist Wellness, Körper, Hotel, Glas, Leder, Burberry – und trotzdem haben sie Angst vorm Sterben.

Wie kam „Carnival of Souls“ ins Spiel?

Den habe ich oft gesehen, als ich 17, 18 war. Dann noch einmal vor sechs Jahren. Aber der hat ja gar nicht so viel mit „Yella“ zu tun. In „Carnival of Souls“ wird ja jemand vom Totenreich gerufen.

Aber es gibt sehr viele Ähnlichkeiten: der Sturz von der Brücke, die neue Stadt, das Hotel, in dem Yella einen Mann kennenlernt. In markanten Momenten hört Yella nicht mehr richtig, genau wie die Protagonistin bei Herk Harvey. Ich glaube sogar, dass das Geräusch der Krähe, das in „Yella“ auftaucht, auch in „Carnival of Souls“ vorkommt.

Das kann sein. Ich habe ihn extra nicht noch mal angeguckt, weil er lange ein prägender Film für mich war. Deshalb ist es unvermeidlich, dass ich Spuren davon in meinem eigenen Werk finde. Ich glaube sogar, dass es bei Harvey auch die Sonne gibt, die sich durch die Baumwipfel bricht. Woran ich mich sehr gut erinnern kann, ist, dass die Frau schon vor dem Sturz von der Brücke, noch im Wagen mit ihren Freundinnen, nicht mehr zu der Gemeinschaft gehört.

Wie Yella, als sie nach Hannover geht. Am Anfang sagt Ben, ihr Exmann: „Du hast eine Arbeit gefunden, eine gute, ich sehe es daran, wie du gehst.“ Sieht man, ob jemand eine Arbeit hat, an seinem Körper?

Ja. Diejenigen, die keine Arbeit haben, haben eine bestimmte Sensibilität. Sie erkennen am Gang, an der Erhabenheit, an der Selbstsicherheit der anderen, wer zu ihnen gehört und wer nicht. Jemand wie Ben, der im Begriff ist, nicht mehr an der Marktwirtschaft teilzunehmen, der ausrangiert wird, der kann erkennen, wie jemand geht, der – wie Yella – nicht mehr zum Prekariat gehört.

Wie überträgt sich dieses Wissen auf die Schauspieler?

Es reicht ihnen, sich daran zu erinnern, wie sie ein Casting gewonnen oder verloren haben. Schauspieler haben in ihrem Leben sehr oft Personalchefs vor sich sitzen – in Form von Regisseuren, Produzenten, Redakteuren. Sie sind in der Situation eines Einstellungsgesprächs. Und sie sind umgeben von anderen Schauspielern, denen es schlecht geht, weil sie wegen Hartz IV kein Arbeitslosengeld mehr bekommen.

„Yella“ hat eine große Affininität zu Wasser, Auen und Bäumen, zugleich spielt moderne Büroarchitektur mit ihren Glasfassaden eine zentrale Rolle.

Wir haben größtenteils auf dem Expo-Gelände in Hannover gedreht, was wie eine Weltausstellung des Kapitalismus ist. Der Kapitalismus soll dort sehr schön aussehen. Es gibt keine Fabriken, keine Kinderarbeit und keine Ausbeutung. Zugleich hat die Natur einen festen Ort in diesen Entwürfen. Die Parklandschaften sind nicht dazu da, dass man sich darin aufhält, sondern dazu, dass sie ein Panorama ergeben. Jemand, der in einer Planungspause ans Fenster tritt, kann sich so der Welt vergewissern.

Und in Wittenberge ist das anders?

Wittenberge ist eine richtige Stadt. Die hat einen richtigen Fluss. Die hat einen Hafen, die hat ein Werk. Die Elbauen sind die Parks der Menschen, die dort leben. Aber Wittenberge ernährt Yella nicht mehr. Weder emotional – die Liebe ist kaputt – noch ökonomisch – es gibt keine Arbeit dort. Die Frauen verlassen diese Städte im Osten, auch wenn sie hinterher von ihrer Heimat angezogen werden. Diese Menschen sind verdammt zu ewiger Bewegung, weil sie keinen Ort finden. Heute muss man sich in der Heimatlosigkeit einrichten.

In den Tagungsräumen und Hotelzimmern gibt es immer wieder Bilder in Querformat, auf denen die Farben verschlieren. Wie eine wiederkehrende Markierung: Man leistet sich moderne Kunst. Zugleich gibt es einmal diese Aufnahme, bei der Hans Fromm, der Kameramann, aus einem Zugfenster gefilmt hat. Für etwa 30 Sekunden genießt man das Bild, das aus der Bewegung und den verwischten Konturen resultiert.

Ja, dieses unscharfe Bild, das entsteht, wenn man zu nah an Bäumen vorbeifährt. Als Kind hat man das wie einen Trip genossen. Die Bilder im Hotel erinnern an die Schönheit, an den Rausch dieser Erfahrung, verbrauchen sich aber unheimlich schnell. Diese Bilder greifen etwas ab, was sie überhaupt nicht einlösen können. Wie auch die Hotels. Die versprechen Sexualität und Verführung. Adorno kommt in „Minima Moralia“ darauf, dass Hotel und Bordell denselben Wortstamm haben. Hotels sind an großen Handelswegen entstanden, es waren Orte der Vermischung, des Abenteuers, der Prostitution. Man muss mal schauen, wie Geschäftsleute einchecken und sich umschauen. Es gibt einen Männerüberschuss von 72 Prozent, und trotzdem glauben alle, in dieser Nacht könnte ihnen ein Abenteuer passieren. Das einzige Abenteuer ist, ob man den Pornokanal 1 oder 2 wählt.