Keiner liebt mich – ich hasse alle!

Der Abschiedsbrief des Amokläufers von Emsdetten ist ein Zeugnis klassischer „Teenage Angst“. An das pubertäre Gefühl, von Eltern und Lehrern nicht verstanden und von Mädchen zurückgewiesen zu werden, erinnert sich wohl fast jeder Junge – und kann Sebastian B. deswegen gut verstehen

Man kann Sebastian B. verstehen – auch wenn man sich kaum traut, es sich einzugestehen. Doch der Abschiedsbrief, den der Amokläufers von Emsdetten vor seiner Tat ins Netz gestellt hat, ist erstaunlich luzide. Wer hat in seinen Teenagerjahren keine Sätze mit sich herumgetragen wie: „Wenn man weiß, dass man in seinem Leben nicht mehr glücklich werden kann, und sich von Tag zu Tag die Gründe dafür häufen, dann bleibt einem nichts anderes übrig, als aus diesem Leben zu verschwinden.“ Oder: „Was hat denn das Leben bitte für einen Sinn? Keinen!“ Oder: „Ich habe in den 18 Jahren meines Lebens erfahren müssen, dass man nur glücklich werden kann, wenn man sich der Masse fügt, der Gesellschaft anpasst.“ Nicht mehr mit 18 Jahren vielleicht, wie im Fall von Sebastian B., aber doch sicher mit 14 oder 15.

Der Brief ist ein ganz genau ausgearbeitetes Zeugnis klassischer Teenage Angst mit allem, was dazu gehört – bekannt eben nicht nur aus Büchern, Fernsehen, Kino und Popmusik, sondern auch aus dem eigenen Leben von wohl fast jedem Jungen, der in der westlichen Welt groß geworden ist: Die Umgebung versteht einen nicht, Mädchen beachten einen nicht, Lehrer kümmern sich nicht, Zukunftsversprechen sind nichts wert. Die große, gemeine Konsumoberflächenwelt lenkt von den wesentlichen Fragen ab. Und die Gesellschaft ist nicht bereit, Abweichungen zu akzeptieren und lockt stattdessen mit einem teuflischen Pakt: Gib deine Individualität auf, und du bekommst Teilhabe.

Und es gibt einen Jungen, der mit einer Unbedingtheit, wie man sie nur als Teenager haben kann, all dies zurückweist, sein eigenes Schicksal mit dem der ganzen Welt verwechselt und verknüpft: „Ich will, dass ihr erkennt, dass niemand das Recht hat, unter einem faschistischen Deckmantel aus Gesetz und Religion in fremdes Leben einzugreifen! (…) Ich will nicht länger davonlaufen! Ich will meinen Teil zur Revolution der Ausgestoßenen beitragen!“

Dass er dafür töten muss, ist keine Selbstverständlichkeit. Sebastian B. äußert in seinem Abschiedsbrief Skrupel, dass sein Angriff „Unschuldige“ treffen könnte, schiebt sie aber beiseite, denn: „Ein Großteil meiner Rache wird sich auf das Lehrpersonal richten, denn das sind Menschen, die gegen meinen Willen in mein Leben eingegriffen haben und geholfen haben mich dahin zu stellen, wo ich jetzt stehe. Auf dem Schlachtfeld!“

Tatsächlich ist das Interessanteste und gleichzeitig Bedrückendste an diesem Brief aber gar nicht der Wo-gehobelt-wird-fallen-Späne-Aspekt seines Arguments für den Amoklauf, sondern das Gespür für die Machtverhältnisse, in denen sich zu bewegen er gezwungen ist. „Meine Handlungen sind ein Resultat eurer Welt, eine Welt, die mich nicht sein lassen will, wie ich bin.“ Hier möchte jemand eine Grenze zwischen sich und dem Feind ziehen; eine Grenze, die quer durch die Schule verläuft, aber in Zeiten des lebenslangen Lernens und des Drucks, Schulbildung nicht nur als notwendiges Übel, sondern als Geschenk auf dem Weg ins Leben betrachten zu müssen, zunehmend unsichtbar zu werden scheint. Was nichts daran ändert, dass dieses Gefühl der Ohnmacht einen Kern Wahrheit in sich trägt. Noch die aufgeklärteste Schule ist ein Zwangsapparat, der seine Schüler zurichtet. Der Druck anwendet, um in die Schüler jene Verhaltensweisen hineinzupressen, die sie später einmal brauchen. Sei es das, was im Unterricht gelehrt oder auf dem Pausenhof ausgehandelt wird.

Niemand erinnert sich gern an die emotionalen Nöte, in die einen diese Zwänge gebracht haben. Jeder lernt mit der Erkenntnis zu leben, dass es nicht anders geht. Jeder wird älter und beginnt Verständnis für die Autoritäten zu entwickeln, gar mit ihnen zu paktieren: Was soll man auch anderes anstellen, mit diesen so hilflos im Gewimmel ihrer Hormone herumirrenden Jungs?

Das Erschütternde an dem Amoklauf von Sebastian B. ist – neben der Tatsache, dass er stattgefunden hat – das Gefühl, das sich nach der Lektüre seines Briefs einstellt: die Verwunderung darüber, dass so etwas nicht öfter passiert.