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INFORMATION Ein Gespräch mit dem Soziologen Jörg Becker über Medienmanipulation

VON GABRIELE GOETTLE

„Das ist ganz einfach. Unser Arbeitsgerät besteht im Wesentlichen aus einer Kartei, einem Computer und einem Fax. Die Kartei enthält die Namen von einigen hundert Journalisten, Politikern, Repräsentanten humanitärer Organisationen und Universitätsangehörigen.“ James Harff, Direktor der PR-Agentur Finn Global Public Affairs

Prof. Dr. phil. Jörg Becker, Soziologe und Politikwissenschaftler. Seine Arbeitsgebiete umfassen internationale, vergleichende und deutsche Kommunikations-, Medien- und Kulturforschung, Technologiefolgenabschätzung sowie Friedensforschung. Geboren 1946 in Bielefeld, Abitur 1966 in Wiesbaden. Kriegsdienstverweigerer (unterstützt durch den Ratschlag des Vaters). Studium der Politikwissenschaft, Pädagogik und Germanistik an den Universitäten von Marburg, Bern, Tübingen u. Cambridge (USA). 1977 Promotion in Politikwissenschaft an der Universität Marburg mit einer Arbeit über Rassismus, 1981 Habilitation in Sozialwissenschaft. Heisenberg-Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft 1987–1992. Seit 1987 Honorarprofessor. 1987– 2010 Geschäftsführer der KomTech, „Gesellschaft für Kommunikations- und Technologieforschung mbH“ in Solingen. Von 1999 bis 2011 lehrte er als Gastprofessor am Institut für Politikwissenschaft der Universität zu Innsbruck. Er hat zahlreiche Bücher und Beiträge veröffentlicht, unter anderem zusammen mit Mira Beham: „Operation Balkan, Werbung für Krieg und Tod“ (Baden-Baden 2006). Jörg Becker ist parteilos, seit 1972 gewerkschaftspolitisch tätig, er engagiert sich unter anderem in der Bürgerinitiative „Solingen gehört uns“ gegen die Privatisierung kommunalen Eigentums und ist ein erbitterter Gegner von Public Private Partnerships (PPP). Sein Vater war Major im Generalsstab, nach dem Krieg als Lehrer und Schulrat tätig, die Mutter war Hausfrau. Jörg Becker hat vier Kinder und ist in zweiter Ehe mit Ulli Becker verheiratet, Studiendirektorin an einem Solinger Gymnasium.

Jörg Becker empfängt mich an einem heißen Junitag in Solingen. Zusammen mit seiner Frau bewohnt er ein kleines, efeubewachsenes Stadthaus in einer ruhigen Seitenstraße. Vom Treppenhaus aus fällt der Blick auf einen üppig wirkenden Garten, der sich nach hinten hinaus erstreckt. Wir nehmen in einem angenehm kühlen Raum neben den Bücherregalen Platz.

Mein Gastgeber beschäftigt sich mit Themen, die ihn nicht gerade beliebt machen. Beispielsweise mit der SS-Mitgliedschaft eines Fernsehlieblings. Horst Tappert war 24 Jahre lang als Fernseh-Oberinspektor Derrick, in der gleichnamigen Krimiserie, einer der beliebtesten Fernsehschauspieler Deutschlands. Er spielte in mehr als 281 Folgen überzeugend die Rolle des rechtschaffenen Biedermanns. 1998 wurde die letzte Folge gedreht. 2008 starb Tappert im Alter von 85 Jahren. Die „Derrick“-Serie lief in 100 Ländern der Welt. 2013 fand Jörg Becker während einer Recherche zufällig heraus, dass Horst Tappert seit 1943 Angehöriger der Waffen-SS war. Das bestätigte eine Anfrage bei der WASt, „Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht“. Die FAZ berichtete. Nach dem Bekanntwerden reagierte das Ausland umgehend, als Erstes wurden die Wiederholungen der Serie in den Niederlanden, Frankreich und Belgien abgesetzt.

Drehbuchautor Herbert Reinecker, ebenfalls früherer SS-Mann, erfand die „Derrick“-Figur und schrieb die 281 Drehbücher. Der italienische Schriftsteller und Semiotiker Umberto Eco stellte bereits in den 80er Jahren bei einem Vergleich zwischen dem amerikanischen TV-Inspektor Colombo und Oberinspektor Derrick „eine verstörende Leidenschaft für das Mittelmaß“ bei Derrick fest.

Jörg Becker stochert akribisch in den Schmutzecken der Gesellschaft herum. Das macht einen guten Soziologen aus. Er steht in der Tradition der Kritischen Theorie von Adorno und Horkheimer, befasst sich unter anderem mit dem Thema Medienmanipulation. Er setzt sich seit Jahrzehnten als Gesellschaftstheoretiker mit der politischen Funktion von Kommunikation und Medien auseinander sowie mit deren ökonomischen Bedingungen. Er hat zahlreiche Untersuchungen zur ideologischen Rolle der Medien und der Meinungsbildungsprozesse in der Gesellschaft gemacht.

Ich bitte ihn, zu erzählen: „Ich habe mich schon als Student dafür interessiert und Material gesammelt – heute noch schneide ich Material mit der Schere aus. Damals in den 70er Jahren habe ich meine medienkritischen Arbeiten zunächst mal mit ganz simplen Fragestellungen begonnen. Das hing zusammen mit meiner Doktorarbeit über Rassismus im Kinderbuch.

Ich fragte mich, was ist die Auseinandersetzung in ‚Onkel Toms Hütte‘, was macht der Schwarze im ‚Struwwelpeter‘, weshalb wird der bestraft? Was ist das für ein ‚schwarzer Mann‘ in irgendwelchen Abzählreimen, vor dem man Angst haben muss? Es gibt zahllose Beispiele. Ich habe in den letzten Jahren auch ein bisschen was gesammelt über den ‚bösen Türken‘. Es ging mir nicht nur um die Frage, werden diese ‚Fremden‘ nun besonders negativ oder in romantisierender Verklärung sogar positiv dargestellt, es ging auch darum, zu zeigen, dass wir es hier mit einem sehr kleinen Spektrum von Wahrnehmungen zu tun haben. Das ist, gemessen am menschlichen Reichtum, an der Vielfalt, an Potenzialitäten auch, ein ungeheuer enges Zusammenzurren des Sichtfelds.

Es gab heftige Reaktionen auf meine Arbeit, zum Beispiel hat die Einkaufszentrale für Öffentliche Büchereien (ekz), den Bibliotheken davon abgeraten, sich mein Buch anzuschaffen, da ich den Rassismus in Deutschland übertreiben würde. Geradezu komisch war, dass der damals der DKP nahe stehende Pahl-Rugenstein-Verlag mein Buch nicht veröffentlichen wollte, und zwar deshalb, weil ich nicht erkannt hätte, dass Rassismus nur ein ‚Nebenwiderspruch‘ des Hauptwiderspruchs ‚Klassenkampf‘ sei.

Dritte Welt im Kinderbuch

Eine wichtige Folge meiner Doktorarbeit – und dazu muss ich deutlich sagen, die wäre heutzutage überhaupt nicht mehr denkbar –, war ein Angebot der Direktion der Frankfurter Buchmesse: Man bot mir die Verantwortung an für eine Ausstellung. Ich bekam so viel Geld zur Verfügung gestellt, dass ich sieben Wissenschaftlern ein Honorar geben konnte für dieses Projekt. Es gab dann 1978 den Messeschwerpunkt Kinderbuch und dazu unsere Ausstellung samt Publikation. Wir hatten viele alte Kinderbücher besorgt und zur Buchmesse eine Riesenausstellung gemacht über ‚Die Dritte Welt im Kinderbuch‘. Die Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Kinder- und Jugendbuch-Verleger protestierte und forderte, die Ausstellung zu schließen. Aber die Messedirektion blieb hartnäckig. Wir waren sehr erfolgreich, ich hatte sogar die Ehre, Frau Hildegard Hamm-Brücher durch die Ausstellung zu führen. Sie war Staatsministerin im Auswärtigen Amt und sehr interessiert. Wir hatten damals eine kulturpolitische Situation, wo von Einzelnen, auch aus dem politischen Establishment, so eine Ausstellung noch positiv wahrgenommen wurde.

Ich wollte mich dann weiterhin mit dem Thema beschäftigen, weil Rassismus ja nicht nur im Kinderbuch gang und gäbe war und ist, sondern ganz allgemein in den Populärmedien, in der Bild-Zeitung, in der sogenannten Trivialliteratur, überall im Alltag gibt es einen strukturellen Rassismus. Aber es war mir klar, es reicht nicht, sich ‚nur‘ mit dem Inhalt der Medien auseinanderzusetzen, es ist notwendig, die politökonomischen Strukturen hinter den Inhalten bloßzulegen, also wie sehen die Monopolstrukturen aus, wie die Verbreitungswege. Seitdem führe ich so meinen kleinen Kampf gegen das, was ich ‚Contentismus‘ nenne, also die Beschränkung der Medien- und Kommunikationsforschung rein auf die Inhalte.

Wer aber darüber nicht hinaus geht, der verdoppelt – mit Adorno gesprochen – die Ideologie um eine weitere Ideologie. Das war ja schon mal Konsens, aber in den letzten vierzig Jahren gab es in der Sozialwissenschaft – und damit auch in der Friedensforschung – einen totalen Rückfall. Kurz gesagt: Es hat sich ein idealistischer Ansatz der politischen Kultur durchgesetzt, der materialistische Ansatz einer Politökonomie wurde erfolgreich verdrängt. Da müssen genuin politikwissenschaftliche Kategorien wie Macht, Herrschaft, System und Struktur unweigerlich auf der Strecke bleiben. So komme ich aber nicht zu brauchbaren Ergebnissen. Ich bin Sozialwissenschaftler. Ich schaue auf die Medien nicht als Medien- oder Kommunikationswissenschaftler, ich mache keine Textanalyse, ich mache eine Kontextanalyse – da ist die Textanalyse gleich mit drin.

Ware Journalismus

Ich untersuche soziale Verwerfungen, indem ich auf die Medien gucke, untersuche, was dort passiert, wie frei die Medien in ihrer Berichterstattung überhaupt sind. Das hat schon der alte Marx gesagt – in dem Augenblick, wo Journalismus zur Ware wird, kann es keine Freiheit der Medien geben. Ich habe mich dann auch mit den Massenmedien in den Entwicklungsländern beschäftigt, und im nächsten Schritt mit der Situation von globalen Medienkonzernen, mit den Informationsflüssen beispielsweise zwischen den USA und Afrika und mit der Frage: Was wäre eine gerechte Welt-Medienordnung? Über die Strukturfragen der internationalen Medienpolitik habe ich dann in den 90er Jahren weitere Differenzierungen vorgenommen. Viel ergab sich übrigens aus meiner schwierigen Berufssituation, weil ich nie eine feste Position hatte und als Freiberufler darauf angewiesen war, Projekte anzunehmen, auch wenn sie völlig neue Fragestellungen enthielten. Deshalb habe ich in den 90er Jahren einiges über Technologiepolitik im Medienbereich gemacht, auch weil die beginnende Digitalisierung das nahe legte.

Zudem habe ich mich mit früheren Medienrevolutionen beschäftigt, viel gearbeitet über Telekommunikation im 19. Jahrhundert und die damals damit verbundenen Konflikte zwischen Technik und Gesellschaft. Ein dritter Themenschwerpunkt ergab sich in den 90er Jahren dadurch, dass wir die Öffnung Osteuropas hatten und damit einen Wandlungsprozess in diesen Ländern, der mich sehr interessierte. Und über diese drei Gebiete: Technologiepolitik, Mediengeschichte und Osteuropa, habe ich in den 90ern angefangen, zu arbeiten, wobei viele meiner Arbeiten – eigentlich mein ganzes Leben lang – begleitet waren von ausgedehnten Auslandsaufenthalten, bei denen ich oft mit sehr wenig Geld auskommen musste. Wodurch man allerdings wesentlich mehr zu sehen bekommt, als wenn man wohlversorgt in klimatisierten Hotels absteigt.

Das größte Geschenk

„Es gab heftige Reaktionen auf meine Arbeit, den Vorwurf, dass ich den Rassismus in Deutschland übertreiben würde“

Ich sag es mal pathetisch: Das war das größte Gottesgeschenk für mich, diese Vielfalt zu erleben zu können, Menschen anderer Kulturen, anderer Sprachen kennen zu lernen. Ich zehre bis auf den heutigen Tag davon.

Das Reisen und Kennenlernen anderer Kulturen, das wollte ich auch gemeinsam mit meinen Studenten praktizieren. Das Angebot wurde begeistert aufgenommen. Ich hatte übrigens nie das Problem mit faulen, unmotivierten Studenten, über die viele Kollegen so klagen. Die Studenten waren bereit mitzuziehen, sogar bei schwierigeren Sachen. Ich habe die vergessene Kritische Theorie wieder ausgepackt, Adorno/Horkheimer. Sie waren begierig. Bei den Exkursionen habe ich meinen Studenten angeboten, in ‚schwierige‘ Länder zu fahren. In solche Länder, in denen ich persönlich jemanden kenne. Und nach diesem Muster haben wir sechs Exkursionen gemacht, die zum schönsten Teil meines Berufslebens gehören.

Es gab eigentlich nur ein Problem, manchmal war es so, kaum waren wir weg, ging dort der Krieg los. In Innsbruck hatte ich so ein bisschen den Ruf, der Becker fährt in Kriegsländer. Also, das traf zu beim Libanon und bei Georgien. Dann waren wir noch in Mali, Usbekistan, Myanmar, vor 1989 Birma bzw. Burma, und die letzte Exkursion ging nach Nordkorea – ja, tatsächlich, für 14 Tage. Und überall haben wir Institutionen und Menschen besucht, die im Medienbereich oder in der Politik tätig waren.

Am erfolgreichsten, sage ich mal, war die erste Exkursion in den Libanon, denn dort hatte ich mal ein halbes Jahr Lehrverpflichtung an der Uni und kannte mehrere Leute, so dass wir viele Kontakte zu sehr unterschiedlichen politischen Gruppen und Vertretern hatten. Für die Auswahl der Reiseziele – denken Sie an den Libanon, an Usbekistan, an Mali – spielte für mich auch die islamische Tradition dieser Länder eine Rolle. Das ist jetzt der Schlenker zurück zu den Medienfragen, zur medialen Aufbereitung muslimischer, islamischer Fragen, zu Migrationsfragen und Diskriminierung.

Austausch Feindbilder

Besonders fällt auf, das Feindbild Islam, Islamisten ersetzt das alte antikommunistische Feindbild aus dem Kalten Krieg. Diesen Wechsel kann man exemplarisch an vielen Zeitungsartikeln nachweisen. Oft scheint es so, als hätte man in antikommunistischen Hasstiraden der 60er und 70er Jahre lediglich das Adjektiv ‚kommunistisch‘ durch das Adjektiv ‚islamisch‘ ersetzt. Das bleibt natürlich nicht folgenlos.

Ich komme ganz bewusst jetzt darauf zu sprechen, denn wir sitzen hier miteinander in Solingen. Ich kam in diese Stadt, um meine zweite Frau zu heiraten. Da war ich Anfang vierzig und kam von einem linksintellektuellen Frankfurter Milieu in die tiefste CDU-Provinz. 1991 wurde unser Kind geboren. Zwei Jahre später war der sogenannte Brandanschlag, am 29. Mai 1993. Und nach dem ‚Brandanschlag‘ gab es auch hier in Solingen natürlich zahlreiche Proteste. Der Kleine saß auf meinen Schultern bei vielen der Demonstrationen, die wir hier mitgemacht haben. Am Rande haben die Medien ihr Material gesammelt oder sogar auch hergestellt. Auf der Hauptkreuzung hier in Solingen haben etwa Reporter von RTL türkische Jugendliche dafür bezahlt, dass sie Autoreifen in Brand setzen, damit die Bilder noch ein bisschen dramatischer aussehen.

Die Stadt war voll mit Fernsehteams und Presseleuten aus der ganzen Welt. Es waren immerhin fünf Frauen und Mädchen verbrannt worden, während ihre Männer oder Väter in Schichtarbeit nachts malochten. Ja, ich sage absichtlich: ‚verbrannt worden‘. Das Wort ‚Brandanschlag‘ halte ich für einen Euphemismus. Ich spreche von einer Ermordung. Und es war schockierend, wie der damalige Oberbürgermeister der Sozialdemokraten in seinen Reden immer als Erstes darauf hinwies, wie sehr der ‚Brandanschlag‘ das Image der Stadt beschädige.

Dazu gehörte auch ein anderer Aspekt: Das Solinger Tageblatt war damals voll mit teilweise ganzseitigen Beileidsanzeigen von großen Unternehmen. Es war überdeutlich zu erkennen, dass Rassismus geschäftsschädigend ist, beispielsweise für ein weltbekanntes Unternehmen wie die Zwillingswerke, das internationale Märkte hat. Also die bange Sorge um das öffentliche Ansehen und das gute Geschäft hatten Priorität.

Die offizielle Aufarbeitung dieses Verbrechens ist sozusagen abgeschlossen, für die Juristen war der Fall eindeutig. Täter waren angeblich vier junge Neonazis, die sich haben verführen lassen und dafür zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Inzwischen sind sie, glaube ich, wieder frei und leben irgendwo in anderen Städten. Die linke Opposition hier in Solingen hat diese Verführungsthese nie geglaubt. Nie, nie, nie! Einer der Gründe war, die vier Jugendlichen gingen damals in eine Kampfsportschule, und der Leiter dieser Schule war ‚zufällig‘ ein Informant des Verfassungsschutzes. Dieser Mann bekam keine Aussagegenehmigung im Prozess. Er verschwand spurlos aus Solingen. Angeblich hat er eine neue Identität bekommen. Ich meine, das sind Gründe genug, um darüber nachzudenken, was noch alles plausibel sein könnte. Mit Kenntnis des ‚Celler Lochs‘ …“ (Dieser 1978 von Verfassungsschutz und GSG 9 verübte Sprengstoffanschlag auf die JVA Celle, wurde der RAF in die Schuhe geschoben. Sie hatte übrigens den Tarnnamen „Aktion Feuerzauber“. Anm. G. G.). „Also der Solinger ‚Brandanschlag‘ stinkt, und inzwischen sind gewisse Ähnlichkeiten im Vergleich mit dem NSU-Fall unübersehbar. Aber ich will noch mal auf die Opfer des ‚Brandanschlags‘ zurückkommen: Es gab endlose und ätzende Diskussionen im Rat der Stadt, ob man ein Denkmal bauen solle und wenn ja, wo. Am Haus selbst war es nicht möglich, denn mysteriöserweise war es kurz nach dem Anschlag komplett abgerissen worden. Hätte nicht ein Berufsschullehrer mit seinen Schülern aus dem metallverarbeitenden Fach in eigener Initiative ein Denkmal errichtet – und es ist sogar als ästhetisches und politisches Konzept wirklich gut gelungen, man kann es im Internet anschauen – dann gäbe es sicher bis heute keins. Es steht auf dem Schulhof. Inzwischen ist es vom Rat der Stadt als offizielles Denkmal ‚anerkannt‘ worden. Voriges Jahr gab es dort zum 20. Jahrestag eine Gedenkfeier, bei der auch der türkische Botschafter und der Imam anwesend waren.

Ich möchte noch darauf hinweisen, dass wir in Deutschland ja mehrere solcher Städte haben, mit deren Namen sich Gewaltattacken gegen Migranten verbinden. Dem vorausging, jeweils politisch lanciert, medial aufbereitet und entsprechend bebildert, die Inszenierung eines Schreckensszenarios von ‚Asylbetrügern‘ und ‚Ausländerfluten‘, die unser Land angeblich zu überschwemmen drohten. Hoyerswerda 1991, Rostock-Lichtenhagen und Mölln beide 1992, und schließlich Solingen 1993.“ (Drei Tage zuvor hatte der Deutsche Bundestag in Bonn das Grundrecht auf Asyl einschneidend verändert, um so den angeblichen „Asylmissbrauch“ zu bekämpfen. Im Artikel 16 GG wurde der Passus „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht“ gestrichen. Gegen die Abstimmung zum sogenannten Asylkompromiss gab es auf der Straße heftige Proteste. Mehr als 10.000 Demonstranten legten das Bonner Regierungsviertel lahm. Anm. G. G.)

PR-Agenturen im Krieg

Herr Becker ignoriert das melodische Klingeln des alten schwarzen Telefons aus Bakelit und schiebt es ein wenig zur Seite. „Ich möchte jetzt auf ein Thema kommen, an dem mir sehr gelegen ist. Wir werden zwar von den Medien in einem nie dagewesenen Ausmaß manipuliert, der Journalismus jedoch wird als Größe immer unwichtiger. Zum einen gibt es die Deutungsmacht von nur mehr vier oder fünf weltweit operierenden Nachrichtenagenturen, aber was entscheidender ist, es gibt heutzutage mehr PR-Agenten als Journalisten. Es lässt sich belegen, dass die Weltpresse voll ist von Berichten, die von PR-Agenturen in Umlauf gesetzt werden. Das ist auch recht gut in den Jugoslawienkriegen sichtbar geworden.

Die kriegsführenden Regierungen bedienten sich diverser PR-Agenturen, die die Kriegsberichterstattung nach ‚Kundenwunsch‘ gestalteten. Mira Beham und ich haben dazu eine systematische Untersuchung gemacht, über die Rolle US-amerikanischer PR-Agenturen in den Balkankriegen zwischen 1991 und 2002. Das ist keine Verschwörungstheorie, alles ist belegbar. Wir werteten eine öffentliche Quelle aus, nämlich die sogenannten Fara-Akten des ‚Foreign Agents Registration Act‘, die in einer Abteilung des US-Justizministeriums gelagert werden. Sie zeigen schlüssig, dass PR-Agenturen die Balkankriege mit vorbereitet und mittels Medienmanipulation begleitet haben. Sie entwarfen unter anderem solche Feindbilder wie die Konnotation ‚Serben gleich Nazis‘.

Joschka Fischer übernahm ja dann dieses Argumentationsmuster in seiner Funktion als Außenminister – und man kann vermuten, wider besseres Wissen. Um seine Partei auf Kriegskurs einzustimmen, auf die Notwendigkeit einer ‚humanitären Intervention‘, auf die Teilnahme am Kriegseinsatz der Nato gegen Belgrad. Er sagte meiner Erinnerung nach: ‚Ich habe nicht nur gelernt: Nie wieder Krieg. Ich habe auch gelernt: Nie wieder Auschwitz‘. Im März 1999 begann der Kosovokrieg unter dem Decknamen ‚Operation Allied Force‘. Es war der erste Krieg, an dem sich die Bundesrepublik Deutschland beteiligte, ein Krieg gegen einen souveränen Staat, gegen die Bundesrepublik Jugoslawien, der übrigens ohne UN-Mandat geführt wurde und bei dem auch Streubomben eingesetzt wurden. Das Fazit: Im Kosovokrieg gab es 2.000 bis 3.000 Tote, durch das Nato-Bombardement wurden weitere rund 1.000 Menschen getötet.“ (Der Begriff „Kollateralschaden“ wurde damals gebräuchlich. Anm. G. G.)

„Rund 800.000 Menschen waren auf der Flucht. Auch diese Bilder wurden zu Manipulationszwecken in den Medien eingesetzt. Flucht war eines der wichtigsten Medienmotive gewesen im Kosovokrieg. Wobei man wissen muss – und das ist eine sehr wichtige Tatsache –, dass die Flüchtlingszahlen nach der Bombardierung wesentlich höher waren als vorher.

Eines der Beispiele für die politische Instrumentalisierung der Kriegsberichterstattung und Kriegsbegründung ist auch das sogenannte Massaker von Racak, das der serbisch-jugoslawischen Regierung als Verbrechen gegen die Menschlichkeit angelastet wurde und auch zur Legitimation der Nato-Luftangriffe diente. Beim ‚Massaker von Racak‘ gab es ‚nur‘ 45 Tote. Bis heute jedoch ist umstritten, ob es sich bei diesem Ereignis tatsächlich um ein Massaker an Zivilisten oder um ein ‚inszeniertes Massaker‘ gehandelt hat. Der sogenannte Hufeisenplan von Rudolf Scharping jedenfalls war nachweislich eine Geheimdienstfälschung, mit der die Berliner Regierung die deutsche Bevölkerung willentlich getäuscht hat. Scharping behauptete damals vor der Presse, er verfüge über einen Operationsplan der serbisch-jugoslawischen Führung zur Vertreibung der albanischen Bevölkerung aus dem Kosovo. Dieses Täuschungsmanöver ist nie im Deutschen Bundestag diskutiert worden! Man ließ es einfach unter den Tisch fallen. Dass dieser Hufeisenplan eine Fälschung war, wurde vom Haager Kriegsverbrechertribunal sehr wohl berücksichtigt, er wurde nicht als Beweismittel im Milošević-Prozess zugelassen.

Kuwait als Vorzeigedemokratie

Aber ich möchte noch einmal auf die von PR-Agenturen konzipierten Täuschungsmanöver zurück kommen. Weniger bekannt ist, dass, wie ich schon sagte, hinter den Massenmedien sehr wirkungsmächtige Public-Relations-Agenturen arbeiten. Dafür, wie sie arbeiten, gibt es ein anschauliches Beispiel: die ‚Brutkastenlüge‘ im Zusammenhang mit der Annektion des Emirats Kuwait durch den Irak. Bei der ‚Brutkastenlüge‘ handelt es sich um eine Kampagne des US-amerikanischen PR-Unternehmens Hill & Knowlton (H&K), die ich aus Gründen der Anschaulichkeit immer wieder werde erzählen müssen: Zum einen ist dieses Unternehmen eine der weltweit größten und wichtigsten PR-Firmen. Mit einem Jahresumsatz von rund 325 Millionen US-Dollar (2001) gehört H&K wie die großen Werbeagenturen Ogilvy & Mather, Young and Rubicam, Burson-Marsteller, J. Walter Thompson oder die Agentur Grey dem internationalen Werbeunternehmen WPP, einem weltweit führenden Unternehmen dieser Sparte. Zudem gibt es kein anderes Unternehmen, das derart eng und kontinuierlich mit dem politischen Establishment verbunden ist wie H&K. Genau diese Agentur übernahm nur wenige Tage nach dem Überfall irakischer Streitkräfte auf Kuwait am 2. August 1990 einen PR-Auftrag für eine NGO namens Citizens for a Free Kuwait (CFK), die von kuwaitischen Regierungskreisen extra für diese Partnerschaft gegründet worden war. Für einen Gesamtbetrag von knapp 10 Millionen US-Dollar hatte H&K dieser ‚NGO‘ zugesagt, der Welt- und besonders der US-amerikanischen Öffentlichkeit, folgende Doppelbotschaft zu verkaufen: Erstens sollte der irakische Premierminister Saddam Hussein als ein zweiter Adolf Hitler dargestellt werden, zweitens sollte Kuwait als Vorzeigedemokratie präsentiert werden.

Von herausragender Bedeutung bei dieser Kampagne war der von H&K inszenierte Auftritt des fünfzehnjährigen Mädchens ‚Nayirah‘ am 10. Oktober 1990 auf einer Sitzung des Arbeitskreises für Menschenrechte beim US-amerikanischen Kongress. Unter Weinkrämpfen und mit Tränen erstickter Stimme erzählte sie, sie hätte freiwilligen Dienst im Al-Adnan-Hospital gemacht und sei dort Augenzeugin geworden, als irakische Soldaten bewaffnet in das Krankenhaus kamen, auf der Säuglingsstation 15 Babys aus den Brutkästen rissen, die Brutkästen entwendeten und die Babys auf dem kalten Fußboden zurückließen, wo sie dann gestorben seien. Als am 12. Januar 1991 der US-amerikanische Senat mit Mehrheit einer Ermächtigung zum Kriegseinsatz für die Befreiung Kuwaits zustimmte, bezogen sich sechs Senatoren bei ihrer Zustimmung explizit auf den Bericht ‚Nayirah‘. Erst die Recherchen eines investigativen Journalisten ergaben Anfang 1992, dass es sich bei der angeblichen ‚Nayirah‘ um die Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA handelte, die nie in einem Krankenhaus gearbeitet hatte. Wie sehr solche Manipulationen der öffentlichen Meinung System haben, zeigt, dass zur selben Zeit, also 1992, bereits eine andere amerikanische PR-Agentur Aufträge im ehemaligen Jugoslawien übernommen hatte.

Man kann sagen, zwischen diesen PR-Agenturen und der US-amerikanischen Politik und dem US-amerikanischen Militär gab und gibt es eine Art militärisch-industriell-kommunikativen Komplex. Und es gab und gibt – auch bei uns – eine enge Zusammenarbeit zwischen der Bewusstseinsindustrie und dem Militär, die Finanzierung von Hollywoodfilmen zum Beispiel durch das Pentagon. Berühmtestes Beispiel ist der Spielfilm ‚Casablanca‘ (1942). Auch bei uns hat die Bundeswehr den Afghanistan-Film „Willkommen zu Hause“ finanziert, gezeigt im ARD-Fernsehen, am 4. Februar 2009.

Eine kleine Anekdote noch zum Schluss: Rockefeller schenkte 1985 der UNO eine Reproduktion von Picassos ‚Guernica‘ in Form einer großen Tapisserie. Dieser Wandteppich diente dem UN-Sicherheitsrat als bedeutsamer Hintergrund vieler Verlautbarungen vor der Weltpresse. Bevor jedoch Colin Powell als Außenminister der USA 2003 seine berühmte Rede für einen präventiven Irakkrieg hielt, war der ‚Guernica‘-Wandteppich in der Nacht verhüllt worden Und zwar mit einer blauen UNO-Fahne. Dass sich Lügen durchsetzen, während Dementis kaum zur Kenntnis genommen werden, das ist eine Binsenweisheit, die auch von den PR-Agenturen eingeplant wird. Längst widerlegte Behauptungen wie die, dass es um Biowaffenproduktion ging, oder darum, im Kosovo eine ethnische Säuberung zu verhindern, oder in Afghanistan die terroristische Bedrohung des eigenen Landes zu bekämpfen, werden weiterhin reproduziert und hingenommen.“