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Virtuell verkommen

„Todesspiele“, Mittwoch,

21.45 Uhr, ARD

Es ist doch erstaunlich, wie viele Jahrhunderte das Lied von der moralisch verkommenen Jugend schon gesungen wird, ohne daß der Refrain den Sängern fade schmeckt. Genauso beliebt ist die Geschichte vom Sohn, der in den Schoß seiner Familie zurückkehrt.

Das Teufelszeug dieses Jahrhunderts heißt Multimedia, und ein generationentrennender Dialog könnte so gehen: Vater, sich kumpelhaft dem Sohn nähernd „Hast du denn schon eine Freundin?“ – „Ja, Amiga. Das heißt Freundin“, kontert der Sohn einsilbig, den Blick nicht vom Computerbildschirm wendend. Er heißt Sascha F., ist ein blasser, komplexbeladener „Republikaner“-Sympathisant und für den Süddeutschen Rundfunk Repräsentant der Multimedia-Generation.

Seine Pubertät verbrachte er mit sogenannten „Ballerspielen“, virtuell „auf alles schießend, was sich bewegt“. Früher haben Schuljungen noch Frösche aufgeblasen, Sascha F. überfällt mit seinen Freunden Tankstellen. „Wie eine Elitetruppe“ kamen sie sich vor, beschreibt er, das Befummeln illegaler Schrotflinten gab ihnen das Gefühl der Macht. „Was wäre, wenn...“ spielt einer von ihnen und erschießt einen Vorbeifahrenden vom Autofenster aus. Der frisch der Bundeswehrgrundausbildung entschlüpfte Schütze bekommt sieben Jahre Jugendstrafe. Der verlorene Sohn Sascha F., Fahrer des Schützen, kehrt nach anderthalb Jahren Untersuchungshaft heim.

Sascha wird seine Computerspiele erstmal nicht mehr anrühren, erklärt er den Autoren Mario Damolin und Bernhard Kilian. Die Sorgentelefone der Jugendämter werden in den nächsten Tagen nicht mehr stillstehen: „Unser Kind geht ins Cybercafé. Was sollen wir tun?“ Claudia Sudik