Schwarze Müllsäcke im Zugwaggon

UNTERSUCHUNG Vier Tage nach dem Abschuss bekommen OSZE-Beobachter und niederländische Forensiker die Toten des Flugs MH17 zu Gesicht – am Bahnhofsgleis

BERLIN taz | Als die OSZE-Beobachter in der Ostukraine am Montag um 15 Uhr Ortszeit zu ihrer telefonischen Pressekonferenz ansetzten, fing das Wrack von Flug MH17 wieder zu brennen an. Fotos zeigen Flammen und Rauch, die aus verkohlten Metallteilen in den Wiesen bei Grabowo aufsteigen. Vier Tage nach dem mutmaßlichen Raketenabschuss des Fluges von Malaysia Airlines über dem Separatistengebiet zeigt dies: die Lage bleibt explosiv, im Wortsinne.

■ Nachdem die Maschine des Flugs MH17 abgeschossen wurde, hat Malaysia Airlines ihre Flugroute zwischen Europa und Malaysia geändert. Der Flug von Kuala Lumpur nach London am Sonntag ging über den Luftraum Syriens, wie aus den im Internet gespeicherten Flugdaten hervorgeht. Er überquerte den Südwesten des Landes und flog fast direkt über Homs.

■ Kritik daran, die Ostukraine überflogen zu haben, wies die Fluglinie nach wie vor zurück. Hunderte andere Flüge hätten diese Route routinemäßig benutzt, hieß es. Zu Berichten, das Flugzeug sei auf eine Route 100 Kilometer nördlich umgeleitet worden, hieß es, dies habe an einer Gewitterfront weiter südlich gelegen.

■ Ein Fachblog übte scharfe Kritik an der Syrien-Route, obwohl nicht bekannt ist, dass dort jemals Verkehrsflugzeuge beschossen worden wären. „Die Gefahr ist, dass MH17 Terroristen ein Beispiel gegeben hat, solche Waffen zu beschaffen und einzusetzen“, schrieb der australischer Blogger Ben Sandlands. (ap, taz)

Die 14 OSZE-Beobachter, die seit Samstag mittlerweile dreimal unter Bewachung bewaffneter Kämpfer Teile des über 35 Quadratkilometer verstreuten Flugzeugwracks besuchen durften, hatten wenig Positives zu berichten. Es gebe acht verschiedene „Einschlaggebiete“, wussten sie: drei große und fünf kleine. Nein, es sei noch nicht klar, was mit den Leichen der Flugzeuginsassen geschehe. Nein, man habe die genaue Zahl der Toten im Kühlzug in der nahen Stadt Tores nicht verifizieren können.

Immerhin durften am Montag die OSZE-Beobachter die Leichen sehen. Bilder zeigen, wie sie zusammen mit drei Forensikern aus den Niederlanden am Gleis 1 des Bahnhofs Tores vor der geöffneten Tür eines Waggons eine Schweigeminute abhalten. Drinnen lagern nach Angaben eines Separatistenführers 251 Leichen plus 66 Körperteile.

„Der schrecklichste Zug der Welt“, war die Beschreibung von Matt Frei, Reporter des britischen TV-Senders „Channel 4“, der der Szene beiwohnte. Die Kühlung im Zug war ausgefallen. „Als die Niederländer eine Tür nach der anderen öffneten, war der Geruchschwall aus den Haufen schwarzer Müllsäcke unausstehlich. Die Forensiker trugen Masken. Alle anderen, auch die schwerbewaffneten russischen Milizionäre, hielten sich die Nase zu. Am Ende des Bahnsteigs standen Gruppen von Kindern und sahen schweigend zu.“

„Ich glaube, die Lagerung der Körper ist in Ordnung“, sagte der niederländische Teamleiter Peter Van Vliet. „Jetzt hoffen wir, dass der Zug abfahren wird, damit wir die nötigen Analysen durchführen können. Hier ist es technisch nicht möglich.“ Die Niederländer haben am Flughafen Charkiw ein Koordinationszentrum unter Leitung des Diplomaten Gert Wibbeling eingerichtet – neben den Forensikern wurden am Sonntagabend auch Flugzeugabsturzexperten sowie Materialien zur DNA-Identifizierung der Toten mit einem „Hercules“-Transporter aus dem niederländischen Eindhoven nach Charkiw geflogen.

Aber die Separatisten in Donezk lehnen Charkiw, das unter Regierungskontrolle steht, als Untersuchungsort ab. Sie wollen die Leichen aus Tores nach Donezk bringen. Am Wochenende hatte es geheißen, 38 der Toten seien schon in Donezk, was die Separatisten dementierten. Nachprüfungen erlaubten sie nicht. Manche Leichen wurden noch am Montag von der Absturzstelle weggebracht.

Die Kämpfer haben nach eigenen Angaben insgesamt 282 Leichen und 87 Körperteile geborgen. Insgesamt befanden sich 298 Menschen im Flugzeug. Von offizieller Untersuchung oder Sicherung der Absturzstelle war auch am Montag laut Journalisten nichts zu sehen. Eine überraschte BBC-Fernsehreporterin ließ sich vor laufender Kamera die Papiere und die Geldbörse eines der Opfer in die Hand drücken – eingesammelt von einem „Freiwilligen“, also einem Ortsbewohner, wie sie in großer Zahl tagelang im Auftrag der Separatisten die Absturzstelle durchsucht haben. Ob die Journalistin das weitergeben könne, fragte der Mann sichtlich ratlos. Klar, antwortete die Reporterin sichtlich schockiert.

„Die Forensiker trugen Masken. Alle anderen, auch Milizionäre, hielten sich die Nase zu“

TV-REPORTER AM BAHNHOF TORES

Aber wem weitergeben? Eine Gruppe malaysischer Ermittler befand sich am Montag in Donezk in Verhandlungen mit den Separatisten über eine Weiterreise zum Wrack, bislang vergeblich. Immerhin: „Die OSZE-Beobachter am Absturzort und die drei niederländischen Experten erhalten jetzt ziemlich ungehinderten Zugang, wenngleich in Begleitung Bewaffneter, und die lokalen Truppen und Freiwilligen scheinen verschwunden zu sein“, berichtet Max Delany, Leiter des AFP-Büros in der Ukraine.

Derweil geht der Propagandakrieg um die Urheberschaft des Abschusses weiter. Nachdem US-Außenminister John Kerry von „starken Indizien“ für eine Mitverantwortung Russlands gesprochen hatte, erklärte das russische Verteidigungsministerium am Montagnachmittag, ein ukrainisches Kampfflugzeug habe die Maschine des Flugs MH17 vom Himmel geholt. Fotos von Wrackteilen, die am Montag zirkulierten, zeigen Einschusslöcher im Cockpit der Maschine unterhalb des linken Fensters, die nach Expertenberichten konsistent mit Beschuss durch eine Boden-Luft-Rakete sind. Im UN-Sicherheitsrat sollte am Montag über einen Resolutionsentwurf abgestimmt werden, der ungehinderten Zugang zum Wrack und eine unabhängige internationale Untersuchung verlangt.