"Think local, act local": Im 522-Seelen-Dorf Gammesfeld wirtschaftet die kleinste Bank des Landes. Hier sind die Stürme der Finanzkrise nicht einmal ein laues Lüftchen.von MARCO LAUER
"Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?", fragte Bertolt Brecht. Kommt drauf an: 500 Kunden und 400 Girokonten hat die Bank am Ortsrand von Gammesfeld in Baden-Württemberg. 800 Sparbücher, mehr als Kunden, weil viele ihren Kindern und Enkeln eines einrichteten. 110 ausstehende Kredite über insgesamt 8 Millionen Euro. 16 Millionen Spareinlagen. Keine Aktien bietet man an, keine Optionen oder Futures. Möglichst nichts, was die Gier entfachen könnte. Giro, Sparbuch, Kredit - ein wenig langweilig, aber ziemlich sicher.
"Ich hol Ihnen mal was," sagt Dürr, kräftiger Mann Mitte vierzig mit gewissem Hang zur erklärenden Rede, Inhaber von "Edeka Dürr", Betreiber dazu einer Schweinezucht in einem großen Stall am Ortsrand von Gammesfeld, 533 Einwohner, ein Fliegenfleck von weitem, am Nordostrand Baden-Württembergs, einer unaufgeregten Landschaft, in der alle zwei Kilometer der Handyempfang stockt und alle fünf ein Dorf in Sicht kommt.
"Hier," sagt Friedrich Dürr, reicht ein Stück Papier.
"Für Ungeübte" die Überschrift, fett gedruckt: Ein Mensch, der voller Neid vernimmt, dass alle Welt im Gelde schwimmt, stürzt in den Strom sich munter, doch siehe da: Schon geht er unter! Es müssen - wies auch andre treiben - Nichtschwimmer auf dem Trocknen bleiben!
Kurz noch mal nimmt Dürr das Gedicht an sich, in die rechte Hand, klatscht mit dem Rücken der linken dagegen und ruft in den Edeka: "Ha, des passt doch wie die Fauscht aufs Auge!" Er habe das vor kurzem mal irgendwo gelesen und es habe ihm gleich gefallen. Finanzkrise, Milliardenverluste, Firmenpleiten. Weshalb? "Alles wegen der Geldgier," sagt er und lächelt.
Es ist Morgen in Gammesfeld. Grauer Himmel liegt auf dem Ort. Ein Traktor vibriert über die Hauptstraße. Dürr muss zurück an die Arbeit, in die Backstube neben dem Büro. Er ist auch Bäcker des Dorfes.
In der Welt tobt die Krise und macht Angst.
Hundert Schritte entfernt von Dürr stellt sich Peter Breiter das Frühstück auf den gefliesten Wohnzimmertisch. Süßes Gebäck und heißer Kakao. Im Fernseher vor ihm läuft n-tv, zeigt von überall her nur düstere Vorgaben. Das Vertrauen zerrüttet, die Aussichten trübe, Ifo-Index im Keller, Volkswirte erwarten bis zu 5 Prozent weniger Wirtschaftleistung. Opel am Abgrund und noch immer viele Banken, HSH Nordbank, Hypo Real Estate, zermürbt durch faule Kredite. Und mit ihnen die Mitarbeiter, die Kunden, die Anleger.
Breiter schüttelt den Kopf. "Wahnsinn," sagt er, streichelt seine Katze und trinkt den Kakao leer, "aber irgendwie war das doch zu erwarten."
Dann macht er sich auf den Weg in die Landwehrstraße 11, zwei Minuten zu Fuß.
Peter Breiter, den man im Dorf nur beim Vornamen nennt, 37 Jahre alt, ist Bankchef. Seit Januar letzten Jahres führt er die kleinste Bank Deutschlands. Die Raiffeisenbank Gammesfeld eG, Landwehrstraße 11, 74572 Blaufelden-Gammesfeld, die aus nicht mehr besteht als aus Peter Breiter, der Kassierer ist, Sekretär, Kreditberater, Anlageberater, Buchhalter, ein netter Mensch und einer mit Idealen, der, um fortzuführen, was mit Ausscheiden seines 78-jährigen Vorgängers das Ende bedeutet hätte, eine ansehnliche Karriere aufgab bei der ungleich größeren Volksbank im zwanzig Kilometer entfernten Rothenburg ob der Tauber, der nächstgelegenen Stadt. Früher verließ Breiter Gammesfeld frühmorgens, kehrte spät zurück, kassierte dafür das doppelte Gehalt. Jetzt arbeitet er im vorderen Teil des ehemaligen Tierfutterlagers und "ist überglücklich mit seiner Entscheidung". Er sieht seine Freundin nun öfter und seine Katze und ist so nah an den Menschen "wie bei keiner anderen Bank". Deswegen habe er hier auch etwas, wovon viele Großbanken neuerdings nur noch träumen könnten: das absolute Vertrauen seiner Kunden.
Dürr ist einer davon, und der Pfarrer, die siebzig Mitarbeiter von Elektro Glenk, dem größten Arbeitgeber im Ort, und auch Günter Glenk, der Chef selbst. Alle. Denn es gibt keinen Gammesfelder, der nicht Kunde wäre bei der Raiffeisenbank, gegründet 1890, die für sie seit je her das "Kässle" ist.
Umgekehrt darf keiner Kunde sein, der nicht Gammesfelder ist, ob er nun aus New York kommt, aus Tokio oder nur aus dem nahen Rot am See, fünf Kilometer sanft gewellte Streuobstwiesen und Äcker entfernt.
"Das war schon der Urgedanke von Friedrich Raiffeisen," sagt Breiter, es ist kurz nach halb elf und er schließt die Türe auf zu seiner Bank, "eine Genossenschaft darf nur so groß sein, dass man sie vom Kirchturm aus überblicken kann." In Gammesfeld kann man das. Dreistellig sind die Telefonnummern im Ort. Die Kontonummern waren es lange auch. Jetzt sind sie bei Nummer 1147 angelangt.
Das "Kässle" ist schlicht, ein einziger Raum, zehn Meter lang, vier Meter breit. Vorne der Banktresen für die Kundschaft, darunter eine Schublade mit Duplos und Luftballons darin für die Kleinen. Links neben der Eingangstür ein Holzbrett mit drei Kleiderhaken. Einer ist frei, an einem hängt Breiters Jacke und am anderen eine Fliegenklatsche. Weil es noch Landwirtschaft gibt in Gammesfeld und Vieh und Geschmeiß. Jenseits des Tresens der interne Geschäftsbereich: links drei abgestoßene Schreibtische aus den Sechzigern, rechts Schränke aus demselben Jahrzehnt. Nur hat Breiter das Telefon mit der Wählscheibe durch eines mit Tasten ersetzt.
Ansonsten aber ist alles geblieben wie es immer schon war. Weiterhin auch ist jeden Tag geöffnet für die Kundschaft, von 12.30 Uhr bis 14 Uhr. Manchmal kommen nur fünf, manchmal bis zu dreißig. Vor allem in der ersten Oktoberwoche, wenn in Rot am See die Muswiese stattfindet, ein Volksfest, das ganz Gammesfeld in Ausnahmezustand versetzt. Edeka Dürr macht dann zu die ganze Woche und die Bank wird bestürmt, weil jeder "a Geld für dMuswies" braucht.
Heute ist Willi der erste, wie immer im Blaumann. 70 Jahre alt ist er, sein Leben lang arbeitete er auf den Äckern rings um Gammesfeld, wohnte allein in einem kleinen Haus gegenüber der Bank. Alles Ersparte bringt er seit jeher auf die andere Straßenseite.
"Kannst mal schauen, ob meine Rente schon da ist, Peter," fragt er, übersetzt ins Hochdeutsche, denn in Gammesfeld spricht man den weichen Dialekt der Region noch ungefiltert. "Alles da," sagt Breiter. "Dann gib mir mal dreihundert!" Breiter fragt: "Kontonummer 198, oder?" Willi lächelt: "Genau." Dann sagt er noch: "Du machst deine Sache gut. Das gefällt dem Fritz bestimmt!"
Der Fritz. Das ist Fritz Vogt, Breiters Vorgänger, der zuvor vierzig Jahre lang die Geschicke der Bank leitete und während dieser Zeit zu einem Original wurde im Ort. Das Zitat von Brecht, das noch heute über der Schreibmaschine hängt, hatte er einst dort angebracht: "Dass Du Dich wehren mußt, wenn Du nicht untergehen willst, wirst Du doch einsehen."
Es ist das Motto von Fritz Vogt, dem der Kampf um seine Bank und die Idee der Genossenschaft Lebensaufgabe war - "solange ich hier bin, bleibt das Kässle unabhängig". Ein Kampf auch gegen den Zeitgeist. Schließlich schrumpfte die Zahl der Genossenschaftsbanken zwischen 1970 und 2008 von über 8.000 auf 1.200. "Rückzug aus der Fläche," nannten das die Verantwortlichen in der Geno-Zentrale in Stuttgart. Fritz Vogt nennt es "Rückzug aus der Verantwortung". Weil ab einer gewissen Größe die Kunden zu einer anonymen Masse würden, denen man nicht mehr ins Gesicht schauen müsse, wenn etwas schieflaufe "mit dem Geld, das einem als Banker ja nicht gehört".
Einst, um die Bank in seinem Sinne und dem der Genossen weiterzuführen, drohten Vogt drei Jahre Gefängnis, weil ihm die Bankenaufsicht 1984 die Betriebserlaubnis entzog und er trotzdem weitermachte, illegal. Einen hauptamtlichen Mitarbeiter sollte er einstellen, damit die Kontrolle durch das Vier-Augen-Prinzip auch in Gammesfeld gelte. Seine beiden Augen und sein Gewissen sähen gut genug, entgegnete Vogt. Erst 1990, nach zähem Ringen durch die Instanzen gab ihm das Berliner Oberwaltungsgericht die Erlaubnis zurück.
"Das war wirklich Schwachsinn damals," sagt Günter Glenk. "Bei uns in Gammesfeld gibt es schon immer ein anderes Vier-Augen-Prinzip: ,Jeder kennt jeden!'" Der Chef von Elektro Glenk sitzt in seinem Büro, um ihn herum noch Umzugskartons, man hat neu gebaut und sich vergrößert, die Zahlen stimmen, seit einiger Zeit macht man auch erfolgreich in Solartechnik. Selbst für das Krisenjahr 2009 erzählen die Auftragsbücher von einem zarten Umsatzwachstum. Begonnen hatte alles 1987, als Glenk 20.000 DM benötigte, um anzufangen. Er ging die 400 Meter hinüber zum Kässle und sprach mit Fritz Vogt, "weil der immer auch den Menschen hinter den Zahlen eingeschätzt hat." Glenk bekam das Geld und später auch noch einen höheren Kredit für den Neubau.
"Die kleine intakte Gemeinschaft ist die Keimzelle für das Funktionieren des großen Ganzen," rief Fritz Vogt bei seiner Verabschiedung letztes Jahr in die Sporthalle von Gammesfeld, zu dem nicht nur alle Genossen, sondern das ganze Dorf gekommen war. Peter Breiter, Vogts Wunschnachfolger, der zugleich einziger Kandidat für seine Nachfolge war, sagt, dass man wahrscheinlich diese Bank mit ihrer Steinzeitausstattung nicht eins zu eins übertragen kann auf das große Ganze. Aber den Geist von Gammesfeld könne man ja vielleicht übernehmen. Dieses Konzentrieren auf das Wesentliche. Diese Nähe zum Kunden, der ja auch Mensch ist. Ganz reell.
Es ist kurz nach drei am Nachmittag. In Frankfurt blicken sie ängstlich auf die ersten Zahlen von der Wall Street. Ob es neue Hiobsbotschaften geben wird wie jene vor einigen Tagen. Als der amerikanische Versicherer AIG fast 100 Milliarden Dollar Verlust im Jahr 2008 vermeldete. Den höchsten, den es je gab bei einem Einzelunternehmen.
In der Raiffeisenbank begrüßt Peter Breiter um kurz nach drei einen Vertreter mit Geschenkartikeln für den Weltspartag. Breiter entscheidet sich am Ende für vierzig Lineale mit integriertem Taschenrechner, zwanzig Miniaturköfferchen mit einem Wecker darin, zwanzig Alu-Trinkflaschen und zwanzig kleine Boxen, die man an einen MP3-Player anschließen kann.
Auf dem Heimweg am Abend begleitet ihn Sorge, ob er bei der Bestellung nicht etwas maßlos war.
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